Die Frau ohne Herz

Illustrierte Filmbühne Nr. 38 (E. S.) – Viele Kinos, die noch aus  der Vorkriegszeit stammten, müssen Ende der Fünfziger, Anfang der Sechsziger Jahre nach dem beginnenden Fernseh-Boom ihre Tore schließen. Eines davon war das Wall-Kino in der gleichnamigen Straße. Doch hier laufen nach 1945 viele englische Filme wie zum Beispiel Die Frau ohne Herz (mit Margaret Lockwood und James Mason), „Der Herr in Grau“ (James Mason),die „Gefährliche Reise“ oder auch „Papagini“ (beide mit Stewart Granger).

Frau ohne HerzIn Frankfurt-Sachsenhausen, am Ende der Vierziger Jahre: zwei Kinos gibt es in diesem Frankfurter Stadtteil südlich des Mains, dessen Bewohner etwas auf sich halten, unter dem launigen Motto: „Jeder Sachsehäuser is zwar en Frankforder, awwer en Frankforder is noch lang kaan Sachsehäuser…” Die Harmonie-Lichtspiele am Lokalbahnhof, die auch heute noch existieren, ist eines der beiden Kinos, das „Wall“ in der gleichnamigen Straße und in direkter Nähe zum berühmten Ebbelwei-Viertel, das andere. Von den Besuchern wird das ältere Kino damals nach dem grauhaarigen Besitzer mit der hohen Stirn, der meist selbst an der Kasse sitzt, Karten verkauft und die Billetts persönlich entwertet, auch ironisch „Ki-Ki-Pa“ genannt (für Kilians Kino-Palast), aber ein Palast ist das wahrlich nicht, vielmehr ein schmales Handtuch, vielleicht um die 170 Sitzplätze, an der rechten Seite bullert im Winter ein mit Holz, Kohle oder Briketts betriebener Ofen – und weil die Filme mit Rückprojektion von hinten auf die Leinwand geworfen, und von einem Spiegel umgelenkt werden, geht auch einiges an Leuchtkraft verloren. Die Streifen wirken meist etwas düsterer als in anderen Lichtspielhäusern, aber das macht die Schwarz-Weiß-Dramen irgendwie noch intensiver, noch spannender.

Viele der englischen Filme, die dort laufen, werden von der „Rank Organisation” verliehen, die mit einem beeindruckendes Firmenzeichen auf ihre Filme aufmerksam macht: ein muskulöser Mann mit nackten, schweißgebadetem Oberkörper schlägt in zeitlupenhaftem Tempo auf einen gewaltig aussehenden und glänzenden Gong, der freilich im „wirklichen Leben“ nur aus Gips und Pappmaché besteht; der Ton wird nachträglich zugespielt. (Siehe das Logo auf dem Filmprogramm).

Doch abgesehen von diesem im Film ja durchaus üblichen, kleinen Schwindel werden die Zuschauer in Spannung und Erwartung auf die kommenden Minuten versetzt. Die Wirkung auf das Publikum im Saal ist außerordentlich stark; nur der brüllende MGM-Löwe aus dem fernen Hollywood kann da annähernd mithalten. Vergangene Zeit…

Daten zum Film 

Die Frau ohne Herz (Illustrierte Filmbühne Nr. 38) ist ein Drama in Schwarz-Weiß aus England 1945. Regie führt Leslie Arliss. Hauptdarsteller: Margaret Lockwood (als Barbarath Worth), James Mason (als Captein Jerry Jackson), Jean Kent (als Jacksons Dienstmädchen); weitere wichtige Rollen spielen Patricia Roc und Michael Rennie. – Deutsche Stimmen: Katharina Brauwen (Margaret Lockwood), Manfred Steffen (James Mason). – Premiere in England 1945, deutsche Erstaufführung 1947, gespielt 1949 in den Wall-Lichtspielen.