Die Wölfe von Kansas

Illustrierte Filmbühne Nr. 782  (E. S.) – Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1950 führt mich der Weg in die Halle des Frankfurter Hauptbahnhofes; dort soll ich in einem auch an den Festtagen geöffneten Tabakwaren-Laden für einen Bekannten noch ein nachträgliches Geschenk kaufen. Das ist nicht schwer, gibt es doch in den Geschäften inzwischen fast alles, was das Herz begehrt. Das macht sich gewiss auch in den Bilanzen der Geschäftsleute bemerkbar. Der Verband der Einzelhändler hat jedenfalls vor einigen Tagen von der positiven Bilanz des Weihnachtsgeschäftes berichtet.

WölfeNachdem das Geschenk besorgt ist, will ich ins Kino gehen. Im nahen Aktualitäten-Kino (AKI) laufen zwei Zeichentrickfilme, ausgewählte Bilder aus vier Wochenschauen sowie der Kulturfilm „Skifrühling”. Obwohl im ganzen Bundesgebiet zu dieser Zeit eine geschlossene Schneedecke liegt, reizt mich dieser Film nicht sonderlich. Das „Luxor”-Theater spielt den Film „Mädchen mit Beziehungen”, was auch nicht gerade verlockend ist. Ich schaue mir also die Plakate und Fotos im Schaukasten der nahen Lichtburg an – und offeriert wird hier ein Wildwest-Film,in dem ein gewisser William Boyd als Hopalong Cassidy die Hauptrolle spielt. Als Sheriff kämpft er gegen die Gangsterbande Die Wölfe von Kansas, die ein kleines Städtchen und dessen friedliche Bewohner mit Überfällen und Viehdiebstählen in Atem hält. Ein John Wayne ist das natürlich nicht, aber immerhin… Dagegen Hopalong Cassidy! Was für ein eleganter Mann das ist! Bisher habe ich in anderen Wildwest-Filmen meist nur ungehobelte Klötze, bärtige oder wortkarge Raubeine gesehen, doch Cassidy ist das Gegenteil.

Dieser Held ist schmuck und penibel sauber gekleidet, mit dunklem oder grauem Hemd und schwarzer Hose, er trägt einen großen, breitkrempigen Stetson über dem schon weißen Haar, und zwei Pistolen in seinem Gürtel. Cassidy ist allerdings auch ziemlich prüde, trinkt und raucht nicht, hat selbstverständlich keine Frauengeschichten und ist durch und durch ein konservativ  Guter, so wie ihn die meisten Amerikaner wohl schätzen. Nicht nur in den Wölfen von Kansas, sondern in weiteren 65 Filmen reitet Cassidy in dieser Aufmachung über die Leinwände und sorgt für „Recht und Ordnung” nach seinem Gusto.

Der Western-Held wird dabei stets von seinen etwas minderbemittelten, aber durchaus herzerfrischenden Kumpanen Russell Hayden (als Lucky Jenkins) und wechselweise George „Gubby” Hayes (als Windy Hallyday) oder Andy Clyde (als California) unterstützt. Sie gehören zum Inventar wie auch der intelligente Schimmel Topper als ständiger Begleiter von Hopalong.

In den Wölfen von Kansas ist der verschmitzte, alte Clown Hayes freilich nicht dabei. Hayes ist Hollywood kein ganz großer Star, aber ein viel beschäftigter Darsteller. Auch in Serien mit den Western-Helden Gene Autry und Roy Rodgers ist der Mann präsent, später sehe ich ihn sogar zusammen mit John Wayne und Randolph Scott.

Ein kleiner, aber unvollständiger Auszug von Hopalong Cassidy-Filmen, die in dieser Zeit über die deutschen Kino-Leinwände flimmern, sind außer Die Wölfe von Kansas noch Gesetz der Prärie (IFB Nr. 461), Drei Männer aus Texas (IFB Nr. 582), Im Herzen von Arizona (IFB Nr. 675), Die Teufelsreiter von Texas (IFB Nr. 729), Todeskarawane (IFB Nr. 835), Gentlemen-Cowboy (IFB Nr. 936), Wildwest-Banditen (IFB Nr. 951)und Überfall in der Teufelsschlucht (IFB Nr. 1008). 

Daten zum Film

Die Wölfe von Kansas (Illustrierte Filmbühne Nr. 728) mit dem Originaltitel Wide Open Town ist eine von 66 Wildwest Serials mit William Boyd als Hopalong Cassidy. Unter der Regie von Lesley Selander spielen in der Harry Sherman Production von 1941 (im Verleih der Paramount) neben Boyd noch Russell Hayden (als Lucky Jenkins) und Andy Clyde (als California).

Erstaufführungen: 8. August 1941 (USA), 1. Juni 1950 (Bundesrepublik Deutschland); in Frankfurt Mitte Juni 1950 im Eden gestartet; gesehen vom Autor am Dienstag, 26. Dezember 1950, in der Lichtburg am Hauptbahnhof. Das Kino liegt in der Kaiserstrasse, die allerdings von 1947 bis 1955 Friedrich Ebert-Strasse heisst.