Begegnung mit Werther

Illustrierte Filmbühne Nr. 386  (E. S.) – Das Goethe-Jahr 1949 aus Anlass des 200. Geburtstages des Dichterfürsten aus Frankfurt am Main erlebt natürlich manche Feierlichkeit in der Stadt. In der bereits wieder aufgebauten Paulskirche, direkt neben dem Römer und Schauplatz der Nationalversammlung von 1848, wird zum Beispiel der Schriftsteller Thomas Mann – er lebt zu dieser Zeit noch in der Emigration in den USA – mit dem Goethe-Preis der Stadt gewürdigt.

WertherJohann W. Goethes Geburtshaus im Großen Hirschgraben wird zur gleichen Zeit wieder originalgetreu aufgebaut, nachdem es bei den drei Tage andauernden und schweren Bombenangriffen vom März 1944 völlig zerstört worden ist. Auch in den Schulen ist Goethe ein wichtiges Thema, denn nach den Sommerferien werden die Schüler der oberen Schulklassen darauf hingewiesen, sich möglichst bald den Streifen Begegnung mit Werther anzusehen, der anlässlich des Goethe-Jahres 1949 im Luxor am Hauptbahnhof in Erstaufführung gezeigt wird. Als „eine unsterbliche Liebesgeschichte” wird der Film im Hinblick auf Goethes Intentionen bezeichnet, und die Lehrer meinen, aus dem Dargebotenen liessen sich gewiss auch Erkenntnisse über Goethe selbst gewinnen.

Einige aus der Klasse sehen sich den Film gemeinsam an, doch gefällt er nicht sonderlich. Obwohl alle im Unterricht auf das Thema vorbereitet worden sind, bleibt allen die Geschichte des jungen Mannes, der sich in schwärmerischer Liebe zu einer Frau verzehrt und den Freitod wählt, doch fremd. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir alle viel zu jung sind, um den Konflikt wirklich zu verstehen.

Ausserdem sind alle begeisterte Kinogänger und haben viel amerikanische und britische Filme kennengelernt. Viele davon sind zwar auch in mancher Hinsicht schwerfällig, aber es gibt auch  tempo- und einfallsreiche Ausnahmen. Begegnung mit Werther dagegen erscheint uns wenig inspiriert, auch holprig im Ablauf, es erinnert eher an verfilmtes Theater als an frisches Kino. Immerhin aber imponieren uns die Darsteller, obwohl Horst Caspar ein wenig übertrieben auftritt.

Für die Nova-Filmproduktion bedeutete das 1,6 Millionen DM teure Unternehmen das finanzielle Aus. Nur mit Mühe ließ sich im übrigen eine Firma finden, die das finanzielle Risiko des Verleihens eingehen mochte. Schließlich riskierte es der kleine Karp-Verleih aus Düsseldorf,  ohne jedoch davon zu profitieren.

Daten zum Film

Begegnung mit Werther (Illustrierte Filmbühne Nr. 386) ist eine dramatische Literaturverfilmung nach dem autobiografisch geprägten Roman „Die Leiden des jungen Werther” von Johann Wolfgang Goethe aus dem Jahr 1774. Der 88 Minuten lange Film stammt von der Nova-Produktion, die Regie führt der bekannte Theaterregisseurs Karl Heinz Stroux. Als Darsteller agieren Horst Caspar (als Werther), Heidemarie Hatheyer (als angebetete Lotte), Paul Klinger (als deren Verlobter und späterer Mann Albert), Paul Dahlke (als Napoleon).

Die deutsche Uraufführung ist am 5. August 1949 in Bielefeld, Frankfurter Erstaufführung im Luxor am 26. August, gesehen vom Autor am 1. September 1949.