Der unheimliche Gast

Illustrierte Filmbühne Nr. 717 (E. S.) – Ein leicht gruseliger Film erwartet uns Anfang Juli 1950 im Frankfurter Roxy-Kino: Gespenstisch ja, aber doch nicht im Bereich des Horrors. Zwar sind die Zutaten durchaus vorhanden, aber weil die Erzählung – trotz einiger humoristischer Einlagen – nicht als Komödie angelegt ist, wirkt manches  kaum glaubhaft, auch mit der Logik hapert es gelegentlich. Es ist eben eine „Geistergeschichte”.

Der-unheimliche-GastSo etwas stösst natürlich immer auf großes Interesse, zumal Filme dieses Genres zu dieser Zeit nicht übertrieben oft vorgeführt werden. Und die von dem Stückeschreiber Shakespeare niedergeschriebene Erkenntnis eines gewissen Herrn Hamlet an Freund Horatio, es gäbe ja Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich niemand träumen lasse, beflügelt die Phantasie und weckt auch leichte Furcht. So geht es wohl auch den neuen Bewohnern eines alten und einsamen Landhauses, das auf den Klippen des südenglischen Cornwalls steht. Spukt dort nachts Der unheimliche Gast? Die Geschwister Pamela (Ruth Hussey) und Roderick Fitzgerald (Ray Milland), die nach einem Urlaub das leer stehende Anwesen vom alten Commander Beech (Donald Crisp) gekauft haben, vermuten es jedenfalls, denn in der Finsternis knarrt es hinter den Wänden, tiefes Seufzen verunsichert die Bewohner, ein geheimnisvolles Klopfen ist zu hören, die Haustiere sind mehr als verschreckt.

Welches Geheimnis also birgt das Haus, das Pamela vor dem Erwerb so anziehend fand; was ist hier einstmals geschehen? Diese Fragen stellen sich nicht nur die Beteiligten, sondern auch das Kinopublikum, das den Film 1950 im Frankfurter Roxy goutiert.

Die junge Stella Beech (Gail Russell) glaubt, dass es der Geist ihrer auf ungeklärte Weise ums Leben gekommenen Mutter ist, der klagend durch die Räume schwebt. Seelische Depressionen treiben sie deshalb zu Suizid-Versuchen, doch Roderick bewahrt sie jedes Mal vor dem sicheren Tod. Die verwirrenden Geschehnisse zerren gleichwohl an den Nerven aller Beteiligten, eine Seance soll Aufklärung über das „verhexte Haus” bringen, doch die Beschwörung läuft aus dem Ruder, ein „Geist” übermittelt geheimnisvolle Nachrichten. Und obwohl uns Zuschauern die Vorgänge (und Zusammenhänge) ein wenig nebelhaft erscheinen, wird zum Schluss eines klar: Die junge Liebe zwischen Stella und Roderick ist stärker als das Gespenst.

Wie tröstlich für uns alle in dieser Zeit, da schon wieder die Gefahr eines möglichen neuen Weltkriegs am Horizont aufgetaucht ist. Am 25. Juni hat der Korea-Krieg begonnen, und obwohl die Hungerjahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland vorbei sind, führt die Lage im Fernen Osten zu Hamsterkäufen. Fett und Zucker  sind in kürzester Zeit ausverkauft.  Die Menschen fürchten offenbar eine neue Bewirtschaftung von Lebensmitteln. Das ist für viele eine real-gespenstische Vorstellung. Da lieben wir dann doch eher die Gespenster aus den Filmen…

Daten zum Film

Der unheimliche Gast (Illustrierte Filmbühne Nr. 717) trägt den Originaltitel The Uninvited und ist ein Paramount-Film aus dem Jahr 1944. Regisseur ist Lewis Allen, als Darsteller sind Ray Milland (als Konzertpianist Roderick Fitzgerald), Ruth Hussey (als seine Schwester Pamela), Donald Crisp (als Ex-Hausbesitzer Commander Beech) und Gail Russell (als seine Enkeltochter Stella Meredith) im Einsatz. Die deutschen Synchronsprecher sind nicht bekannt.

Weltpremiere ist am 10. Februar 1944 in Washington D.C., allgemeiner US-Einsatz am 26. Februar 1944 in New York City. Deutsche Erstaufführung am 23. Mai 1950, Frankfurter Start am 30. Juli 1950 im Roxy, dort vom Autor gesehen am 2. Juli.