In Ketten um Kap Horn

Illustrierte Filmbühne Nr. 20  (© E. S.) – Irgendwie ist das Drumherum noch immer ein wenig beängstigend – als die Scala-Lichtspiele am 21. September 1947 mit dem Film In Ketten um Kap Horn den Betrieb wieder aufnehmen, bietet die Frankfurter Innenstadt ein Bild der Zerstörungen. Doch die Menschen strömen in die Kinos, Unterhaltung ist gefragt, auch wenn es nicht immer die beste ist… 

In Ketten um Kap HornDas Kino befindet sich ganz am oberen Ende der Schäfergasse (Hausnummer 29). Die Große Friedberger Strasse, die Alte Gasse, Petersstraße und die Vilbeler Straße bilden hier eine große Kreuzung; einst hieß dieser Ort nach der nebenan stehenden Kirche auch Petersplatz. Die inzwischen notdürftig hergerichtete, aber freundlich-helle Fassade des Traditionshauses täuscht freilich nicht über die Trümmerberge hinweg. Das Haus links neben dem Eingang ist völlig zerstört, rechter Hand sind die Außenfronten übersät mit Einschlägen von Bombensplittern, die Fensterhöhlen sind nur provisorisch hergerichtet. Und direkt neben dem Eingang, wo die Menschen in einer langen Schlange anstehen, liegen immer noch Berge von Schutt.

Die Menschen, die von Alltagssorgen geplagt werden, suchen hier nach Zerstreuung, wollen etwas erleben. Kino heisst das Zauberwort, auch bei dem Film In Ketten um Kap Horn. Es ist allerdings ein bisschen viel an Dramatik, was den Zuschauern da vorgesetzt wird, auch wenn das Ganze auf einem Tatsachenbericht von Richard Henry Dana (Brian Donlevy) beruht, der selbst auf dem Schiff mitsegelte.

Im Jahr 1840 lässt Kapitän Francis Thompson in Boston seine Crew auf recht eigenwillige Weise auffüllen, indem er in Kneipen und anderen einschlägigen Etablissements. Matrosen gegen ihren Willen „anheuert”. Einer von ihnen ist Charles Stewart (Alan Ladd), der auf die „Pilgrim” verschleppt wird und mit den anderen dazu gezwungen wird, die Umsegelung des Kap Horn in Richtung San Francisco zu bewerkstelligen.

Die Route um die Südspitze Amerikas ist zu dieser Zeit eine der gefährlichsten Passagen der Welt. Deshalb geht es naturgemäß hoch her. Doch bei den die üblichen Zutaten zu einem Abenteuerfilm wird dann doch etwas übertrieben: Es setzt Peitschenhiebe, es gibt Schießereien, ein Mann geht über Bord, Skorbut bricht aus, den Männern fallen die Zähne aus. Riesige Wellen lassen das Schiff taumeln, Nebelschwaden kommen auf, Stürme und Eis plagen die geschundenen Männer, kein Wunder, dass eine Meuterei gegen das brutale Schiffsregime ausbricht…

Fast zwei Stunden lang dauert dieses Sammelsurium von Natur- und menschlicher Gewalt, das einfach zuviel des Bösen auf die Leinwand bringt. Bei dieser Orgie gehen die gesellschaftskritischen Anmerkungen  im  Hinblick auf die gnadenlose Ausbeutung der Seeleute ein wenig verloren. Als sich die Kinotüren öffnen, werden die Frankfurter dann ohnehin wieder mit der eigenen Wirklichkeit konfrontiert. Zwischen den Trümmern der großen Stadt treten sie den Heimweg in die Tristesse an.

Daten zum Film 

In Ketten um Kap Horn (Illustrierte Filmbühne Nr. 20 – zuvor auch erschienen als Nr. 20 des dritten Jahrgangs) ist ein Schwarz-Weiß-Abenteuerfilm der Paramount Pictures (USA) aus dem Jahr 1946; die Regie führt John Farrow, die Darsteller sind Alan Ladd (Charles Stewart), Brian Donlevy (Richard Henry Dana), Barry Fitzgerald (Dooley), William Bendix (Amazeen), Howard da Silva (Kapitän Francis Thompson). Deutsche Stimmen: Fritz Ley (Alan Ladd) Viktor Staal (Brian Donlevy), Bum Krüger (Barry Fitzgerald), Karl Schaidler (William Bendix). Die Erstaufführungen: 24. September 1956 in New York City, im September 1947 in der US-Zone. – Ab  21. September 1947 in der Scala.