Jesse James – Mann ohne Gesetz

Illustrierte Filmbühne Nr. 960 (E. S.) – Wer war Jesse James? Ein Kämpfer gegen das Unrecht oder nur ein gewöhnlicher Bandit?  Darüber streiten sich die Historiker längst nicht mehr, obwohl die filmische Aufarbeitung seines Lebens noch 1950 bei vielen Jugendlichen Kinobesuchern zur allgemeinen Verwirrung beiträgt – wie das so ist mit Biografien, die sich nicht immer an der historischen Wahrheit orientieren. Auch der Film Jesse James, Mann ohne Gesetz dient nicht der Auf-, sondern der Verklärung des lange volkstümlichen, aber auch skrupellosen Verbrechers.

Jesse-JamesDavon weiß ich noch nichts, als ich den Streifen im Januar 1951 in den Scala-Lichtspielen sehe. Jedenfalls glorifiziert der vom amerikanischen Filmverleih 20th Century Fox verbreitete kleine Werbetext – auch im wesentlichen abgedruckt in der „Illustrierten Filmbühne“ Nr. 960 – Jesse James als einen großartigen Gutmenschen: „Jesse James, ein junger Farmer, tapfer, treu und tollkühn, ein Mensch, der nicht begreifen kann, dass Unrecht im Namen des Gesetzes begangen wird, der sich widersetzt und nie die Sehnsucht nach dem Frieden verliert.“ Eine solche heroische Beschreibung ist nicht nur für die noch unbedarften Kinogänger einleuchtend, sondern verkauft sich als „Legende“ auch in den Medien viel besser. Dass das für das Geschäft förderlich ist, versteht sich am Rande.  Die Wahrheit ist jedoch oft viel prosaischer, auch wenn sie vielen von den jungen Kinobesuchern erst später klar wird. Viele Quellen belegen die Entwicklung vom aufmüpfigen, jungen Mann zum Banditen. Und beim Vergleich wird deutlich, dass sich Produzent und Regisseur nicht lange mit der historischen Wahrheit aufgehalten haben.

Gleichwohl wird nicht nur eine Geschichte über Jesse James erzählt. Jeder Meter Zelluloid des Films ist nicht nur von den „edlen“ Motiven des jungen Jesse James durchdrungen, sondern präsentiert alle Phasen der US-Geschichte wie der Erschließung des „Wilden Westens“, dem westöstlichem Eisenbahnbau sowie dem Bürgerkrieg zwischen der Union und den Südstaaten. Und er erzählt von versprengten Soldaten, von Verrat und Tod, von falsch verstandenem Heldentum und er ist gespickt mit Pathos und Sentimentalität.

Gräueltaten und Massaker

Anfangs sucht der Film Erklärungen für die Banditen-Karrieren der Brüder Jesse (Tyrone Power) und Frank James (Henry Fonda). Das skrupellose Vorgehen der Eisenbahn-Agenten gegen die Farmer spielt dabei ebenso eine Rolle wie die bitteren Erfahrungen aus dem Sezessionskrieg, bei dem die beiden auf Seiten der konföderierten Südstaaten agieren und sich nach der Niederlage in marodierenden „Guerillagruppen“ betätigen und dabei auch an Gräueltaten und Massakern beteiligt sind.

Der Film gleitet dann ab in Schönfärberei. Die Überfälle auf Eisenbahnzüge und Banken werden mit erlittenem Unrecht erklärt, und obwohl sich die Brüder zuvor zeitweise für von korrupten Nordstaaten-Politikern entrechtete Zeitgenossen aus dem Süden einsetzen, finden sie zunehmend Geschmack an ihren eigenen Gewalttaten und machen auf diese Weise „Karriere“. Insbesondere Jesse James ist längst kein „Robin Hood“ mehr, sondern nur noch ein gewöhnlicher Bandit, der fast folgerichtig und mit offensichtlicher Deckung durch den Gouverneur von einem verräterischem Bandenmitglied namens Bob Ford „hingerichtet“ wird.

Daten zum Film

Jesse James, Mann ohne Gesetz (Illustrierte Filmbühne Nr. 960) trägt den schlichten Originaltitel Jesse James und ist ein Western der 20th Century Fox aus dem Jahr 1939. Als Produzent sind Darryl F. Zanuck und Nunnally Johnson (auch Drehbuch) genannt. Die Regie in dem 106 Minuten langen Film hat Henry King. Unter seiner Leitung spielen Tyrone Power (als Jesse James), Henry Fonda (als sein Bruder Frank James), Nancy Kelly (als Zee), John Carradine (als Bob Ford), Randolph Scott (als Will Wright), Henry Hull (als Rufus Cobb), Brian Donlevy (als Barshee).

Weitere Mitwirkende sind u. a. Jane Darwell, Donald Meek, Slim Summerville, Charles Middleton, J. Edward Bromberg, Lon Chaney jr., John Russell und George Chandler.  Die Kamera führen W. Howard Greene und George Barnes. Die Musik ist komponiert von Louis Silvers. Die deutschen Synchronstimmen sind unbekannt. Im Jahr 1940 wurde nach dem Erfolg des Films sofort eine Fortsetzung aufgelegt. Dieser Streifen heißt Rache für Jesse James, die Regie dabei führt Fritz Lang. Die Rolle des Frank James spielt wieder Henry Fonda. – Erstaufführungen am 14. Januar 1939 in New York City, am 27. Januar 1939 us-weit, am 27. Oktober 1950 in der Bundesrepublik, am 30. Januar 1951 in der Scala in Frankfurt am Main zu sehen.