Die schwarze Natter

Illustrierte Filmbühne Nr. 862  (E. S.) – Im Jahr 1950 jagt immer noch eine Filmpremiere die andere; überall in Westdeutschland eröffnen Lichtspielhäuser aller Größenordnungen ihre Pforten. Besonders amerikanische Filme überschwemmen das Land. So wird auch am 29. September erstmals der Warner-Streifen Die schwarze Natter gezeigt. Doch vier Tage vorher geschieht – weitgehend jedoch unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit – etwas, das die Kinolandschaft bald entscheidend verändern wird.

Schwarze NatterNoch ahnt zwar niemand von den vielen Kinobesitzern oder -pächtern wirklich Schlimmes, doch als der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) in einem ehemaligen Bunker in Hamburg zur Probe den ersten Fernsehsender in Betrieb nimmt – die regulären Sendungen beginnen allerdings erst Ende 1952 –, werden bereits die Weichen für die tiefe Krise der Branche gestellt. Von all dem haben wir – eine kleine Gruppe von Kino-Enthusiasten – jedoch keine Ahnung, als wir uns zum spontanen Besuch des Kriminalfilms Die schwarze Natter entschließen. Denn Fernsehen liegt für uns noch außerhalb jeder Betrachtung und interessiert uns auch nicht. Wir sind vielmehr gespannt auf das Geschehen im Film, von dem uns in den Zeitungsinseraten 110 Minuten Spannung pur versprochen werden. Der Film ist tatsächlich interessant, aber in einer Hinsicht doch auch enttäuschend. Wir gehen ins Kino, um Bogart zu erleben, werden aber lange mit einer unwirklichen Gestalt konfrontiert, die nur in Umrissen zu sehen ist und die Umgebung nur aus ihrer eigenen Perspektive wahrnimmt.

Immerhin hören wir Bogarts Stimme – genauer gesagt, die von Synchronsprecher Arnold Marquis –, wir sehen seine Bewegungen, wir erleben seine subjektiven Beobachtungen, der Schauspieler selbst aber bleibt für uns im Dunkeln. Immerhin 35 Minuten ist Bogart nur als Mann ohne Gesicht präsent. Niemand weiß, wie dieser Mann  – ein entflohener Sträfling namens Vincent Parry – in Wirklichkeit aussieht. Als er sich einer Operation unterzieht, um sein Aussehen für immer zu verändern, wird er eine weitere halbe Stunde dem Publikum mit bandagiertem Kopf präsentiert.

Endlich kommt Bogart in’s Bild

Danach schält sich aus dem Verband das neue Gesicht heraus. Parry betrachtet sich selbst verwundert im Spiegel – wir auch, und spät, sehr spät erst, sehen wir endlich in das Gesicht von Parry-Bogart, was uns zwangsläufig zu der Frage führt, wie dieser Parry wohl vorher ausgesehen haben mag… Diese Darbietung ist natürlich reizvoll, während die Handlung selbst eher von zweifelhafter Sorte ist. Das aber spielt keine Rolle, geht es doch Autor und Regisseur Delmer Daves darum, den subjektiven Blickwinkel des Mannes so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.

Dass ein wegen Mordes an seiner Ehefrau unschuldig verurteilter Häftling ausbricht und auf eigene Faust seine Rehabilitierung betreibt, ist ja nicht aussergewöhnlich. Dass ihn die aparte Irene Jansen (Lauren Bacall) selbstlos unterstützt, schon eher. Tröstlich, dass die beiden nach ihrer erfolgreichen Flucht im fernen Südamerika ein neues Leben beginnen können. Das ist wieder Kino wie aus dem Bilderbuch.

Daten zum Film

Die schwarze Natter (Illustrierte Filmbühne Nr. 862) ist ein Kriminalfilm der Warner Bros./First National aus dem Jahr 1947 mit dem Originaltitel Dark Passage und ist auch als Das unbekannte Gesicht im Fernsehen gezeigt worden. Unter der Regie von Delmer Daves, der auch das Drehbuch schreibt, sind Humphrey Bogart (als Vincent Parry), Lauren Bacall (als Irene Jansen), Bruce Bennett (als Bob) und Agnes Moorehead (als Madge Rapf) zu sehen. Die deutsche Synchronstimmen gehören Arnold Marquis (Humphrey Bogart) und Ursula Traun (Lauren Bacall). – Erstaufführungen  am 5. September 1947 in New York City, ab 27. September USA-weit, am 29. September 1950 in der Bundesrepublik Deutschland. In Frankfurt gestartet erst über ein Jahr später, am 8. Oktober 1951 im Filmpalast.