Der große Bluff

Illustrierte Filmbühne Nr. 30  (E. S.) – Einer der ersten und auch besten Western, die in den westlichen Besatzungszonen in die Kinos kommen, ist der 1939 gedrehte Film Der große Bluff mit James Stewart und Marlene Dietrich. Dabei darf ausreichend geschmunzelt werden, zählen doch die heiteren Szenen zum Besten in diesem Genre, vor allem, wenn der von den Bösewichten erwartete Revolverheld Destry mit dem Vogelkäfig aus der Postkutsche steigt und sich (anscheinend) der Lächerlichkeit preisgibt. 

Der-große-BluffDie Jugendlichen zwischen Zugspitze und Flensburg, die in der Nazi-Zeit solche Filme nicht mehr gesehen haben, mögen das natürlich durchaus, auch wenn  der gerade zu Ende gegangene Krieg auf der Leinwand im ballernden „Kleinformat” weitergeführt wird. Die raue und wilde Kleinstadt Bottle Neck (Flaschenhals) jedenfalls wird von ziemlich rüden Gangstern beherrscht (am der Spitze Brian Donlevy), der ehrenwerte Sheriff ermordet; als Witzfigur wird vom korrupten Bürgermeister (und Richter) der stadtbekannte Säufer Washington Dimsdale eingesetzt. Der jedoch hört unerwartet mit dem Trinken auf und holt seinen Freund Destry in die Stadt, um das böse Gesindel zu verjagen.

Doch dieser Destry hält sich – zur Enttäuschung von Dimsdale – eher an die Buchstaben des Gesetzes anstatt das Schießeisen zu benutzen. Es ist klar, dass  in diesem Film das Gute siegen wird – und ideologisch gesehen ist der Streifen gerade deshalb auch bestens dazu geeignet, die alliierten Maßnahmen zur „Umerziehung und Demokratisierung der Deutschen” in ihrer Zone zu befördern. Vor allem die Tendenz zu Recht und Ordnung prädestiniert den Film für diesen Zweck. Der große Bluff weiterlesen

Der Glöckner von Notre Dame

Illustrierte Filmbühne Nr. 29  (© E. S.) Im Jahr 1831 schrieb der französische Autor Victor Hugo die im 16. Jahrhundert unter König Ludwig XI. spielende Geschichte Der Glöckner von Notre Dame, die zu einem der Klassiker der Weltliteratur wurde und mehr als einmal verfilmt worden ist. In der RKO-Fassung von 1939 spielt Charles Laughton den weitgehend stummen Glöckner Quasimodo, Maureen O’Hara gibt die Esmeralda.

Glöckner von Notre DameAls der us-amerikanische Film am 3. Februar 1948 (zunächst mit einkopierten Untertiteln, ein Jahr später synchronisiert) in die deutschen Kinos kommt, hat er zwar den Charakter eines etwas gruseligen Horrorfilms, kann aber die zahlreichen Besucher nicht wirklich erschrecken. Sie haben zu viel zu tun beim Wiederaufbau des Landes und werden ohnehin täglich von diversen Sorgen heimgesucht, denn es hapert noch an Ecken und Enden. Und die Lage ist keineswegs rosig. In der britischen wie auch der amerikanischen Zone treten rund drei Millionen Angestellte und Arbeiter aus Protest gegen die schlechte Versorgung mit Lebensmitteln in den Streik. Immerhin geht es anderswo vorwärts: Berlin wird zu dieser Zeit wieder an das internationale Telefonnetz angeschlossen. Auch die Kinoversorgung ist bereits gewährleistet. Die Filme, die von den amerikanischen Militärbehörden zur Vorführung freigegeben werden, sind zwar meistens schon älteren Datums, aber doch auch in vielerlei Hinsicht faszinierend – so wie Der Glöckner von Notre Dame eben.  Der Glöckner von Notre Dame weiterlesen

Wir machen Musik

Illustrierte Filmbühne Nr. 25  (E. S.) – Die Frankfurter Lichtburg liegt am Ende der Kaiserstraße und direkt am Hauptbahnhof. Das führt dazu, dass es nach dem Krieg in dem Kino keine starr eingerichteten Anfangszeiten gibt, sondern zwischen 10 und 22 Uhr ein ununterbrochenes Kommen und Gehen der Besucher möglich ist. Das bringt natürlich viel Unruhe in den Saal, ist aber für die  Bahnreisenden sehr angenehm, denn in andere Züge umzusteigen, kann zu dieser Zeit wegen der schlechten Verbindungen zeitraubend sein.

Wir machen MusikAllerdings stört es mehr als sonst, wenn ein Musikfilm auf dem Programm steht, weil die Schatten werfenden Besucher die Aufmerksamkeit stören. Das ist der Fall bei Wir machen Musik, der hier im Sommer 1948 zu sehen ist – Herstellungsjahr war 1942, der Film ist also schon sechs Jahre alt – und in dem es schlicht um das Thema Liebe, Ehe, Eifersucht und schließlich auch der unvermeidlichen Versöhnung mit Happyend zwischen dem Ehepaar Ilse Werner (junge Musikschülerin) und Victor de Kowa (Komponist) geht. Wir machen Musik weiterlesen

In jenen Tagen

Illustrierte Filmbühne Nr. 24  (E. S.) – Der Film In jenen Tagen von 1947 ist von Regisseur Helmut Käutner als Geschichte konzipiert worden, die einen episodenhaften stilistischen Weg beschreitet, um am Beispiel eines schrottreifen Autos die dramatischen Erlebnisse seiner Besitzer im „Dritten Reich” darzustellen. Für viele junge Menschen ist das eine erste Gelegenheit, sich mit der Geschichte der vergangenen Jahre in Deutschland auseinanderzusetzen.

In jenen Tagen (2)Zwar gehört Helmut Käutner nicht zum Widerstand, zählt jedoch zu den stillen Opponenten gegen das Nazi-Regime und bewahrt deshalb eine gewisse Distanz zur Diktatur. Der Regisseur hat 1939 mit Kitty und die Weltkonferenz einen harmlosen Film gedreht, der auf Veranlassung von Außenminister J. von Ribbentrop als pro-britisch in Ungnade fällt; auch mit Unter den Brücken und Große Freiheit Nr. 7  (beide 1944) dreht Helmut Käutner zwei Filme, die in ihrer klaren Betonung des Individuellen dem gewünschten propagandistischen Weltbild der Nazis widersprechen. Für die erste kritische Aufarbeitung der Vergangenheit beim Film In jenen Tagen erntet Helmut Käutner von der Kritik dann viel Lob. In sieben verschiedenen Geschichten wird die Nazi-Zeit dargestellt, wobei eine längere Rahmenhandlung um ein Auto die Episoden miteinander verbindet. Als zwei Männer nach Kriegsende ein altes Auto ausschlachten, fragen sie sich, inwieweit es in diesen zwölf Jahren wohl Menschlichkeit gegeben hat. Das Autowrack mischt sich – nur für das Publikum hörbar –  in das Gespräch mit ein und berichtet aus seinem und dem Leben der Besitzer. In jenen Tagen weiterlesen

Die Frau, von der man spricht

Illustrierte Filmbühne Nr. 22 (© E. S.) – Zwei Jahre nach Kriegsende wird im Herbst 1947 in den Scala-Lichtspielen in der Schäfergasse, ganz am hinteren Ende, wo links die Stephanstraße einmündet und rechter Hand Alte Gasse und Große Friedberger Straße mit der Vilbeler Straße eine Kreuzung bilden, der Film Die Frau, von der man spricht gezeigt. Kurz zuvor erst hat das Kino mit dem Abenteuerstreifen In Ketten um Kap Horn nach Wiederaufbau und umfangreicher Renovierung eröffnet.

Die Frau, von der Man sprichtDie Schlange der Andrängenden ist riesig an diesem Sonntag,  alle wollen eine der Eintrittskarte ergattern, denn Unterhaltung wird in diesen Tagen, Monaten und Jahren als Therapie zur Bewältigung der jüngsten Vergangenheit groß geschrieben. Egal, ob Kino oder etwas anderes: Ablenkung von täglichen Sorgen hat für die Menschen eine hohe Priorität. Auch der Sport trägt seinen Teil dazu bei. Tags zuvor hat am Bornheimer Hang die Frankfurter Eintracht in der Süddeutschen Fußball-Oberliga gegen die Sportfreunde aus Stuttgart 3:1 gewonnen, wobei Albert Wirsching, Adam Schmitt und Heinz Baas vor 8000 Zuschauern die Tore schießen.

Der blonde Wirsching ist ein bekannter Fuball-Star in Frankfurt, der in der Sachsenhäuser Wallstraße an der Einmündung zum Abtsgäßchen und neben dem Fichtekränzi (Werbespruch: „Wo’s Kränzi hängt, werd’ Ebbelwei heut ausgeschenkt”) wohnt. Wenn er sommerabends aus dem Fenster guckt, spielen die Buben auf der Straße intensiv mit dem notdürftig hergerichteten Ball, um ihm zu imponieren. Die Frau, von der man spricht weiterlesen

In Ketten um Kap Horn

Illustrierte Filmbühne Nr. 20  (© E. S.) – Irgendwie ist das Drumherum noch immer ein wenig beängstigend – als die Scala-Lichtspiele am 21. September 1947 mit dem Film In Ketten um Kap Horn den Betrieb wieder aufnehmen, bietet die Frankfurter Innenstadt ein Bild der Zerstörungen. Doch die Menschen strömen in die Kinos, Unterhaltung ist gefragt, auch wenn es nicht immer die beste ist… 

In Ketten um Kap HornDas Kino befindet sich ganz am oberen Ende der Schäfergasse (Hausnummer 29). Die Große Friedberger Strasse, die Alte Gasse, Petersstraße und die Vilbeler Straße bilden hier eine große Kreuzung; einst hieß dieser Ort nach der nebenan stehenden Kirche auch Petersplatz. Die inzwischen notdürftig hergerichtete, aber freundlich-helle Fassade des Traditionshauses täuscht freilich nicht über die Trümmerberge hinweg. Das Haus links neben dem Eingang ist völlig zerstört, rechter Hand sind die Außenfronten übersät mit Einschlägen von Bombensplittern, die Fensterhöhlen sind nur provisorisch hergerichtet. Und direkt neben dem Eingang, wo die Menschen in einer langen Schlange anstehen, liegen immer noch Berge von Schutt.

Die Menschen, die von Alltagssorgen geplagt werden, suchen hier nach Zerstreuung, wollen etwas erleben. Kino heisst das Zauberwort, auch bei dem Film In Ketten um Kap Horn. Es ist allerdings ein bisschen viel an Dramatik, was den Zuschauern da vorgesetzt wird, auch wenn das Ganze auf einem Tatsachenbericht von Richard Henry Dana (Brian Donlevy) beruht, der selbst auf dem Schiff mitsegelte. In Ketten um Kap Horn weiterlesen

Die Glocken von St. Marien

Illustrierte Filmbühne Nr. 16  (E. S.) – Vom Sommer bis zum Spätherbst 1947 veröffentlichen die Frankfurter Zeitungen „Rundschau” und „Neue Presse” Berichte über die Rückkehr von sieben Domglocken, die in einem Hamburger Lagerhaus den Krieg überstanden haben. Am gewaltigsten ist die Glocke „Gloriosa”, die immerhin 256 Zentner auf die Waage bringt.

Glocken von St. MarienVon einem Schiff werden die Glocken Mitte Juli im Osthafen angelandet, entladen und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung an den Domplatz gebracht. Doch es dauert noch einige Monate, ehe das Geläut wieder seinen Platz im Glockenstuhl einnehmen kann. Und just zu dieser Zeit läuft in der amerikanischen Zone der RKO-Film Die Glocken von St. Marien an. Nach Frankfurt kommt der Streifen im Januar 1948. Zwar sind die realen Glocken von Frankfurt und die filmischen von St. Marien zwei völlig verschiedene Sachen, gleichwohl aber ist die Stimmung  vieler Menschen in der katholischen Dom-Gemeinde durchaus dazu angetan, einen gewissen Zusammenhang  zu erkennen.

Natürlich ist der Film von Hollywood konzipiert, wo solche Filme zwar einen religiösen Anstrich erhalten, aber doch eher als kommerzielle Unterhaltungsware eine Rolle spielen. Auch die Kasse muss schließlich stimmen. Es geht in dem Film um Pater Chuck O’Malley (Bing Crosby), dem Leiter der Katholischen Schule St. Marien, und der eigenwilligen Nonne Mary Benedict (Ingrid Bergman), deren unterschiedlichen Auffassungen über die Erziehungsmethoden immer wieder zu heftigen Konflikten führen. Die Glocken von St. Marien weiterlesen

Das Haus der Lady Alquist

Illustrierte Filmbühne Nr. 14  ( E. S.) – Der Film Das Haus der Lady Alquist hat bei seinem Erscheinen in den USA 1944 überwiegend positive Kritiken bekommen. Am 5. September 47 wird der Thriller in Berlin in einer deutschen Fassung gezeigt und kommt danach auch in den anderen Besatzungszonen zur Aufführung, darunter in Frankfurt. 

Das Haus der Lady AlquistDer Thriller ist in der Nachkriegszeit einer der ersten Filme in deutscher Sprache, wird von der Motion Pictures Export Association (MPEA) in München synchronisiert und gehört zu jener Spezies von Filmen, die zwischen 1945 und Anfang 1948 vom „Amerikanischen Allgemeinen Filmverleih” der US-Militärbehörden für die ersten Aufführungen zugelassen werden, auch wenn alle Filme in Wahrheit Produkte der „Major Companies” (u. a. MGM, Universal, Columbia, United Artist, Warner, Fox, Paramount, RKO) sind. Die MPEA wiederum ist die Export-Organisation dieser Studios und hat bei der Bavaria in Geiselgasteig  bei Münchens eigens ein Synchronstudio für diese Filme eingerichtet.

Weil Das Haus der Lady Alquist sich entschieden von der seichten Kost abhebt, die deutsche Zuschauer in den vergangenen Jahren gewohnt sind, wird der MGM-Thriller mit Charles Boyer, Ingrid Bergman (Oscar) und Joseph Cotten zum fast selbstverständlichen Erfolg im deutschen Trümmerfeld. Die Zuschauer gehen aus dem Kino, vorbei an den Ruinen der zerstörten Städte und zurück zu ihren brennenden Alltagsproblemen, zum Beispiel, ob es für den kommenden Winter genügend Heizmaterial gibt, und genügend Lebensmittel zu bekommen sind. Insofern erfüllt auch Das Haus der Lady Alquist den Zweck der Ablenkung, genau wie im „Dritten Reich” die Produkte der Ufa, Terra oder Tobis – nur unter anderen Voraussetzungen. Das Haus der Lady Alquist weiterlesen

Rendezvous nach Ladenschluss

Illustrierte Filmbühne Nr. 12  (E. S.) – Das Jahr 1947 ist auch in Frankfurt am Main geprägt von enormen Temperaturunterschieden. Im Januar und Februar hat eisige Kälte die ausgemergelten Menschen drangsaliert, im Sommer dagegen herrscht eine unbarmherzige Hitze, die Hundstage lassen Thermometer bis auf 38 Grad Celsius steigen. Die Straßen und Wege flirren im Sonnenlicht und die Kinder, die meist kein Schuhwerk haben, können barfuß kaum noch ihre Füße aufsetzen. Das Wetter der Nachkriegsjahre, in denen es ohnehin an allem fehlt, beutelt zusätzlich zu den Alltagsproblemen.

Rendezvous nach LadenschlussDie Schaufenster der Geschäfte in Deutschland sind immer noch leer, einiges wird weiter nur unter dem Ladentisch gehandelt, denn die Währungsreform kommt erst ein Jahr später. Ganz anders dagegen in einem Budapester Laden, in dem der tüchtige Alfred Kralik (James Stewart) und die junge Klara Novak (Margaret Sullavan) als Verkäufer arbeiten. Denn dort gibt es viele wohlfeile Leder-Geschenke und andere Accessoires im Überfluss – an diesen schönen Dingen erfreut sich wohl jeder, der sich im heißen Sommer in den Harmonie-Lichtspielen in stickig-warmer Luft den Film Rendezvous nach Ladenschluss ansieht.

Nach einem hintergründigen und auch turbulenten Versteckspiel mündet die Geschichte der so genannten „kleinen Leute” in einen romantischen Schluss. Kein wirklich großes Wunder, schließlich ist es ein Hollywood-Film, schließlich ist es Kino… Rendezvous nach Ladenschluss weiterlesen

Mister Deeds geht in die Stadt

Illustrierte Filmbühne Nummer 9 (E. S.) – In der Komödie Mister Deeds geht in die Stadt verteilt der Erbe eines Millionenvermögens kleine und auch größere Almosen und unterstützt Not leidende Farmer. So jemanden hätte man sich auch in den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in in den verschiedenen Besatzungszonen in Deutschland gewünscht. Die Not ist groß, es herrscht im Winter bittere Kälte, und überhaupt…: Auf den Lebensmittelkarten werden 1946 nur 100 Gramm Margarine, 600 Gramm Nährmittel, 125 Gramm Käse und Butter, 200 Gramm Fleisch und 1,6 Kilo Brot ausgewiesen.

Mr. DeedsWie kann Mr. Deeds so großzügig sein? Das fragen sich die Leute im Kino, die den vom Amerikanischen Militär-Filmverleih auf die Leinwände gebrachten Streifen in dieser schwierigen Zeit voller Hoffnung auf das Gute im Menschen sehen. Die Antwort ist einfach. Longfellow Deeds hat satte 20 Millionen Dollar geerbt und kann deshalb aus dem Vollen schöpfen. Das tut er auch, denn Mr. Deeds ist nicht nur ein etwas verschrobener Musikus und überdies ein wenig seltsam-kauzig –  nein, er ist in der profitgierigen Welt ringsumher auch ein reiner Tor. Also verteilt der im Brotberuf als Verseschmied für Postkarten tätige Mann sein unverhofft erlangtes Vermögen unter den nicht gerade gut Betuchten in der Stadt. Das freilich macht ihn höchst verdächtig, verstösst sein Verhalten doch gegen die „Regeln“ einer Gesellschaft, die stets und egoistisch das eigene „Wohlergehen” im Auge hat. So verwundert es niemanden, dass ihn die Obrigkeit wegen dieser ungewöhnlichen Freigebigkeit in’s Irrenhaus stecken will. Auch droht ihm Gefängnis wegen einiger durch das Geld verteilen begangener Verstösse gegen „Recht und Gesetz”. Mister Deeds geht in die Stadt weiterlesen