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Das Kriegstrauma des Mädchens „Marie-Louise”

(© ERICH STÖR): Schon 14 Lichtspielhäuser zeigen Anfang 1947 in Frankfurt wieder Spielfilme. Weil in der Innenstadt die Zerstörungen stärker sind als in den Außenbezirken haben in den Stadtteilen vergleichsweise viele Kinos ihren Betrieb eröffnet. Filme laufen in Rödelheim, Bonames, Eckenheim, Höchst (Kammer und Casino), Sindlingen und Fechenheim. Und in den dortigen Anker-Lichtspielen gibt es den Schweizer Streifen Marie-Louise zu sehen – und er passt genau in die schwierige Nachkriegszeit.

© Filmverlag Christian Unucka

Kinder und Jugendliche sind in den Tagen des Krieges und auch danach besonders betroffen von Not und Armut; viele von ihnen betteln bei den amerikanischen GIs um Nahrung oder sammeln für die Väter weggeworfene Zigarettenkippen. Die Kriminalität unter Jugendlichen nimmt teilweise beängstigende Ausmaße an, immerhin gibt es in den Schulen mit oft 60 Schülern in einer Klasse regelmäßig Schulspeisung, meistens sind es dünne Milchsuppen, die die Frauen von der Arbeiterwohlfahrt austeilen. Das Leben ist alles andere als leicht, aber das Schicksal trifft viele und natürlich nicht nur in Deutschland. Auch viele Kinder anderer Nationalitäten sind betroffen, auch solche aus dem „Feindesland”. Aber was zählt das schon in jenen Tagen, da alles in Schutt und Asche liegt? Und Marie-Louise handelt eben von Schicksal eines französischen Mädchens, und wer den Film sieht, erkennt schnell, dass nicht nur Deutsche das Elend des Krieges erleiden müssen.  Weiterlesen →

„Verdacht” als Nr. 1 der Illustrierten Filmbühne

(© MICHAEL FALK): Ende 1946 läuft in den westlichen Besatzungszonen der amerikanische Film Verdacht an. Es ist einer der ersten Filme von Alfred Hitchcock in den USA und im Frühjahr 1947 ist er auch im Offenbacher Gloria-Theater zu sehen. 

© Filmverlag Christian Unucka

Die Hauptdarsteller sind Cary Grant und Joan Fontaine. Beide sind zu dieser Zeit hierzulande noch eher unbekannte Größen, was sich allerdings sehr bald ändern wird. Interessant ist, dass der bekannte Filmprogramm-Verlag von Paul Franke (Berlin, später München) zu diesem Psycho-Thriller das erste Exemplar der Reihe „Filmbühne”, die einige Zeit später als „Illustrierte Filmbühne” weiter reüssieren sollte, auf den deutschen Markt bringt. Noch sage und schreibe weitere 8067 schöne Exemplare werden noch folgen. Der Film ist nebenbei bemerkt auch einer der ersten, die nach dem Krieg in der amerikanischen und britischen Zone in deutscher Sprache gezeigt werden, was natürlich bei den potentiellen Zuschauern die Lust erhöht, ins Kino zu gehen. Die deutschen Schauspieler Axel Monjé und Viktoria von Ballasko leihen den US-Stars dabei ihren Stimmen.  Weiterlesen →

„Louis Pasteur” und der illegale Penicillin-Handel

(© ERICH STÖR/MICHAEL FALK): Als in den Jahren zwischen 1945 und 1947 von den zuständigen US-Militärbehörden erste US-Filme in die aufgebauten oder neu eröffneten deutschen Kinos gebracht werden, sind auch viele Biographien weltberühmter Persönlichkeiten darunter, so zum Beispiel über die Radiologin und Nobelpreisträgerin Marie Curie, den Erfinder und Unternehmer Thomas Alva Edison, den US-Präsidenten Abraham Lincoln, den Mediziner und Entdecker Dr. Paul Ehrlich und nicht zuletzt auch über den französischen Chemiker Louis Pasteur, von dem hier die Rede sein wird.

© Filmverlag Christian Unucka

Vielleicht waren ja Filme über Forscher und Mediziner in dieser Zeit deshalb so beliebt, weil sie zahlreichen Menschen Hoffnung gaben in einer Zeit, in der einerseits nicht nur die wichtigen Dinge des täglichen Lebens an allen Ecken und Enden fehlten, sondern andrerseits auch die medizinische Versorgung zu wünschen übrig ließ. Auf dem überaus „rührigen” Frankfurter Schwarzmarkt gab es natürlich das eine oder andere zu kaufen, zum Beispiel war Insulin eine überaus gefragte Ware, aber viele Diabetiker konnten es sich einfach nicht leisten, die exorbitant hohen illegalen Preise zu zahlen. Auch andere Medikamente wurden verscherbelt. Weil die US-Militärbehörden Penicillin zwar gegen Geschlechtskrankheiten, nicht aber für andere Behandlungen zur Verfügung stellten, wurden auf den Straßen rund um das Bahnhofsviertel – wie die Journalisten Richard Kirn und Madlen Lorei in ihrem Buch „Frankfurt und die drei wilden Jahre“ berichten – satte 1000 Mark für drei Ampullen verlangt; ob es sich dabei um reines oder gepantschtes Penicillin handelte – wie später im berühmten Film Der dritte Mann – konnte kaum jemand nachprüfen. Weiterlesen →

“Razzia” in den Ruinen der geschundenen Stadt

(© ERICH STÖR): Nach „Die Mörder sind unter uns”, „Freies Land”, „Irgendwo in Berlin” und „Kein Platz für Liebe” produziert die DEFA in Berlin mit Razzia ihren fünften Spielfilm und zugleich den ersten Krimi. Er wird in den Straßen der zerstörten Stadt an Originalschauplätzen gedreht, darunter am Reichstag, Brandenburger Tor und der Siegessäule; es geht um dunkle, kriminelle Schwarzmarkt- und Schiebergeschäfte. Das realistische Nachkriegsgemälde wird zu einem der erfolgreichsten DEFA-Filme.

© Filmverlag Christian Unucka

Die deutsche Uraufführung des Films ist am 2. Mai 1947 in der Deutschen Staatsoper in Berlin, später wird der Film auch in den Westzonen und in Frankfurt am Main gezeigt, wo ihn der Autor zu sehen bekommt. Razzia ist einer jener typischen Nachkriegsfilme, die sich einerseits auf sehr realistische Gegebenheiten beziehen, und auch die entsprechenden Kulissen einer total zerstörten und geschundenen Stadt benutzen, sich aber auch ein wenig darin gefallen, überdeutlich und mit dem erhobenen Zeigefinger zu agieren. Gleichwohl ist dieser Nachkriegskrimi überaus spannend erzählt, lässt die Emotionen hochkochen und ist in vielerlei Hinsicht sehr aufschlussreich. Er berichtet in eindrucksvollen Bildern von der wirren Nachkriegszeit in der politisch-militärisch aufgeteilten Stadt der Siegermächte, in der sich zwischen Armut und ersten Amüsierbetrieben, zwischen neuem Reichtum und armseligen Behausungen die Spekulanten und Kriminellen tummeln. Weiterlesen →

Kleine Leute beim „Rendezvous nach Ladenschluss”

(© ERICH STÖR): Das Jahr 1947 ist in Frankfurt geprägt von enormen Temperaturunterschieden. Im Januar und Februar hat eisige Kälte die ohnehin ausgemergelten Menschen drangsaliert, im Sommer dagegen herrscht glühende Hitze, die Hundstage lassen die Thermometer bis auf 38 Grad Celsius steigen. Die Straßen flirren im Sonnenlicht und die Kinder, die meist kein Schuhwerk haben, können barfuß kaum noch ihre Füße aufsetzen. Das Wetter der Nachkriegsjahre, in denen es ohnehin an allem fehlt, beutelt zusätzlich zu den Alltagsproblemen.

© Filmverlag Christian Unucka

Klar, die Schaufenster der Geschäfte in Deutschland sind immer noch leer, einiges wird unter dem Ladentisch gehandelt, denn die Währungsreform kommt erst ein Jahr später. Ganz anders in einem Budapester Laden, in dem Alfred Kralik (James Stewart) und Klara Novak (Margaret Sullavan) als Verkäufer arbeiten. Denn dort gibt es wohlfeile Leder-Geschenke und andere Accessoires im Überfluss – an diesen schönen Dingen erfreut sich wohl jeder, der sich im heißen Sommer in den Harmonie-Lichtspielen in stickig-warmer Luft den Film Rendezvous nach Ladenschluss ansieht. Nach einem sehr hintergründigen und auch turbulenten Versteckspiel mündet die Geschichte der so genannten „kleinen Leute” in einen romantischen Schluss. Kein wirklich großes Wunder, schließlich ist es ein Hollywood-Film, schließlich ist es Kino… Weiterlesen →

„Mädchen im Rampenlicht” nur häppchenweise

(© MICHAEL FALK):  Im Jahr 1947 kommt ein amerikanischer Revue-und Musikfilm in die deutschen Kinos, der persönliche Geschichten rund um die berühmten und legendären „Ziegfield Follies” erzählt. Ziegfeld selbst taucht nicht auf in dem Streifen – im Blickpunkt stehen vor allem die weiblichen Stars Judy Garland, Hedy Lamarr und Lana Turner; James Stewart ist in einer Nebenrolle zu sehen.

© Filmverlag Christian Unucka

Der Film läuft in Frankfurt irgendwann im Lichtspiel-Theater von Herrn Kilian in der Wallstraße (Sachsenhausen) und der Zeitzeuge Erich S. berichtet, auf welch kuriose Weise er das Mädchen im Rampenlicht – und das sogar ohne Billett – gleich mehrmals, aber nur in kleinen Häppchen zu sehen bekommt. „Die Kopien waren sehr knapp und so mussten sich meistens zwei Kinos, die ziemlich dicht beieinander lagen, eine Wochenschau teilen. In Sachsenhausen waren das die Harmonie und das Wall-Kino. Mehrmals am Tag musste die Kopie von dem einen in das andere Kino gebracht werden. Entsprechend wurden die Anfangszeiten abgestimmt, so dass das irgendwie immer klappte. Dabei gab es für uns Botenjungen oft Gelegenheit, Teile des Hauptfilms zu sehen. So richtig komplett aber nie. Das spielte aber auch keine so große Rolle, denn es interessierte uns nicht so sehr die Handlung als vielmehr ein Blick auf Judy Garland, Hedy Lamarr und Lana Turner.” Weiterlesen →

„Der freche Kavalier” zum Schmeling-Comeback

(© ERICH STÖR): Während sich Max Schmeling, Conny Rux, Richard Grupe, Walter Neusel, Richard Vogt, Hein ten Hoff und andere im Deutschland durch die Nachkriegszeit boxen, macht Errol Flynn in dem autobiographischen Boxer-Film Der freche Kavalier (Gentlemen Jim), der Anfang 1947 in die Kinos kommt, mit unwiderstehlichem Charme Furore und straft dabei die Mär von den ungehobelten Faustkämpfern Lüge.

© Filmverlag Christian Unucka

Max Schmeling feiert nach Kriegspause und im reifen Alter von 42 Jahren ein Comeback im Frankfurter Waldstadion. Er muss nach achtjähriger Boxpause nur deshalb in den Ring klettern, weil er finanziell ziemlich klamm ist. Und obwohl „Maxe” – er hat 17 Jahre zuvor gegen Jack Sharkey den WM-Titel gewonnen–, nicht in allen Belangen überzeugen kann, knockt er in diesem wichtigen, ersten „Aufbaukampf” den Magdeburger Richard Vollmer in der 7. Runde aus. Fast 40 000 Zuschauer sind bei diesem Fight dabei, was umso beachtlicher ist, als zu dieser Zeit an Sonntagen keine Straßenbahnen unterwegs sind und die Taxifahrer bei ihrer Preisgestaltung nicht zimperlich sind. Verlangt werden – so berichtet damals jedenfalls das Magazin „Der Spiegel” – für eine Fahrt vom Hauptbahnhof in den Stadtwald glatte 200 Reichsmark. Wer sich das nicht leisten kann, kommt zu Fuß oder Fahrrädern. Das ist die harte Realität und das wirkliche Leben hierzulande. Der Film dagegen erzählt nett und phantasievoll die Geschichte vom James J. Corbett, der als junger Bankmensch von einer glanzvollen Laufbahn als Karriere als Boxer träumt, und tatsächlich Weltmeister im Schwergewicht wird, als er 1892 dem bis dahin einzigen und bereits seit zehn Jahre amtierenden Champion James L. Sullivan schlägt. Weiterlesen →

„Laura” startet in ein heißes Frühjahr

(© ERICH STÖR): Über eine Frage streiten sich Kritiker und Cineasten schon beim Erscheinen von Laura in den USA 1944 und auch Jahre später noch in Deutschland. In welches Genre gehört der Streifen? Ist es „nur” ein Krimi oder ein „Film noir” der schwarzen Serie, ist es ein Mystery-Film oder ein Thriller, vielleicht aber auch nur eine Romanze? Die Antwort ist schwierig, vereinigt der Film in sich doch Elemente all dieser Gattungen.

© Filmverlag Christian Unucka

Der 9. Mai 1947 ist ein Freitag und fast genau auf den Tag genau zwei Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation ist die Lage der Menschen immer noch von vielen alltäglichen Sorgen und Nöten geprägt. In mehreren Städten treten sogar Hunderttausende wegen der unzureichenden Versorgungslage und der mangelhaften Ernährung in einen Streik, darunter sogar die Stadtverordneten von Braunschweig. An diesem Nachmittag aber startet auch der amerikanische Film Laura, ein Reißer, der es in diesem prächtigen Frühsommer in sich hat. So als ob der Wettergott sich dafür entschuldigen möchte, dass er mit der bitteren Kälte des Winters die Menschen drangsaliert hat, lässt er die Temperaturen nach oben klettern. In Hamburg zeigen die Thermometer an diesem Tag schon über 25 Grad Celsius, in Frankfurt werden sogar 30 Grad gemessen. An diesem herrlichen Tag also startet der vielschichtige Film Laura, ein so genannter Streifen der „Schwarzen Serie”, die in den Vierziger Jahren in den USA Hochkonjunktur hat. Weiterlesen →

„Der Millionär” oder das Hohelied vom braven Mann

(© ERICH STÖR): Einer der ersten Filme, die 1947 in die Lichtspielhäuser kommen, ist eine deutsche Komödie: sie heisst Der Millionär ist aber unter dem Alternativtitel Geld ins Haus ebenfalls bekannt. Die Komödie handelt von dem Postboten Leopold Habernal, der nach einer Erbschaft zum reichen Mann wird, aber entgegen aller Erwartungen seiner Mitmenschen weiter seine Post austrägt. Es ist das Hohelied vom braven Mann.

© Filmverlag Christian Unucka

In den ersten Monaten nach dem Krieg beschäftigen also nicht nur zahlreiche „Trümmerfilme” die eifrigen deutschen Filmemacher, es wird auch schon wieder recht emsig am Lustspiel-Genre gearbeitet – wenn in diesem Fall auch nur indirekt. Denn es handelt sich bei diesem belanglosen Streifen nicht um eine Nachkriegsproduktion, sondern um einen Überhang-Film aus der Zeit vor der deutschen Kapitulation. Die Münchener Bavaria hat das Stück von November 1944 bis in den Januar 1945 gedreht, für eine Uraufführung reicht es in den letzten Kriegsmonaten nicht mehr. So genehmigen erst später die Besatzungsbehörden die Vorführung, darunter auch in Frankfurt. Der Film  wirkt freilich irgendwie ambivalent. In der Nazi-Zeit, als ganz Europa schon in Schutt und Asche versunken ist, soll diese seichte Unterhaltungsware die Menschen zum Durchhalten animieren, zwei Jahre später dient er unter anderen Voraussetzungen dazu, der Bevölkerung das schwierige Leben im Deutschland der Nachkriegszeit wenigstens filmisch zu versüßen. Weiterlesen →

In der Scala segeln sie „In Ketten um Kap Horn”

(© ERICH STÖR): Irgendwie ist das Drumherum noch immer ein wenig beängstigend – als die Scala-Lichtspiele am 21. September 1947 mit dem Film In Ketten um Kap Horn den Betrieb wieder aufnehmen, bietet die Frankfurter Innenstadt ein Bild der Zerstörungen. Doch die Menschen strömen in die Kinos, Unterhaltung ist gefragt, auch wenn es nicht immer die beste ist… 

© Filmverlag Christian Unucka

Das Kino befindet sich ganz am oberen Ende der Schäfergasse (Hausnummer 29). Die Große Friedberger Strasse, die Alte Gasse, Petersstraße und die Vilbeler Straße bilden hier eine große Kreuzung; einst hieß dieser Ort nach der nebenan stehenden Kirche auch Petersplatz. Die inzwischen notdürftig hergerichtete, aber freundlich-helle Fassade des Traditionshauses täuscht freilich nicht über die Trümmerberge hinweg. Das Haus links neben dem Eingang ist völlig zerstört, rechter Hand sind die Außenfronten übersät mit Einschlägen von Bombensplittern, die kaputten Fensterhöhlen sind nur provisorisch hergerichtet. Und direkt neben dem Eingang, wo die Menschen in einer langen Schlange anstehen, liegen immer noch Berge von Schutt. Die Menschen, die von Alltagssorgen geplagt werden, suchen hier nach Zerstreuung, wollen etwas erleben. Kino heisst das Zauberwort, auch bei dem Film In Ketten um Kap Horn. Es ist allerdings ein bisschen viel an Dramatik, was den Zuschauern da vorgesetzt wird, auch wenn das Ganze auf einem Tatsachenbericht von Richard Henry Dana (Brian Donlevy) beruht, der selbst auf dem Schiff mitsegelte. Weiterlesen →