Panik am Roten Fluss

Illustrierte Filmbühne Nr. 1068 (E. S.) – Knorrige, hartgesottene Menschen, meist karg im Reden, rasch im Handeln – das sind die Charaktere dieser Geschichte. Gefühle äussern sie meist nur in Blicken und dürren Gesten. Das Land dagegen atmet, der Staub der Prärie blendet die Augen, der Geruch der riesigen Rinderherde liegt über der Steppe, die rasende Flucht der Tiere reisst förmlich hinein in einen schier unentrinnbaren Strudel von Leidenschaft und Erbarmungslosigkeit. Das ist ein Stoff wie gemalt für einen Regisseur wie Howard Hawks, der den Film Panik am Roten Fluss in epischen, aber auch spröden Bildern dokumentiert.

Red RiverDieser ursprüngliche Western wird von Hawks nach einer Geschichte von Borden Chase erzählt. Sie ist unter dem Titel „The Chisholm Trail” in der „Saturday Evening Post” erschienen und hat einen historischen Bezug zu einem berühmten Rinderweg in den USA. Dieser „Chisholm Trail” ist ein Herdenweg, der hauptsächlich in den Jahren zwischen 1867 und 1887 benutzt wird, um Rinder aus dem Süden von Texas zum Verladebahnhof in Abilene in Kansas zu treiben, wo die Tiere dann mit der „Kansas Pacific Railway” in die Schlachthöfe des Osten  transportiert werden. Die Strecke – immerhin rund 500 Meilen (800 Kilometer) lang –, ist nach dem Geschäftsmann Jesse Chisholm benannt, der schon vor Beginn des Bürgerkrieges entlang dieser Route eine Reihe von Post- und Handelsstationen eingerichtet hat.

Sie werden bald zu wichtigen Stützpunkte in den schönen, aber auch trostlosen Landschaften des Westens, vor allem, als es zum mörderischen Rindertreiben kommt. Diese Trecks sind vor allem dem Krieg zwischen den Nordstaaten und den Konföderierten geschuldet, denn über Jahre hinweg können die Rinder des konföderierten Texas nicht mehr in den Norden geliefert werden.

Diese Situation  führt dazu, dass die Herden unaufhörlich anwachsen, was zu einem dramatischen Preisverfall führt. So wird in Texas für ein gesundes Rind nur noch ein Preis von vier US-Dollar erzielt, während im Norden und in den Staaten der Ostküste meist das Zehnfache gezahlt wird. Es ist also unumgänglich, dass die Herden an die großen Bahnstationen getrieben werden müssen. Der „Chisholm Trail” ist also ein interessantes Stück amerikanischer Geschichte.

Ein anderer Titel

Ende Mai 1951 sehe ich in der Frankfurter Scala Panik am Roten Fluß, ein Jahr später bei einem Aufenthalt in Köln lädt ein Kino in der Nähe des Bahnhofs zu Red River ein. Die Fotos im Schaukasten beachte ich nicht, auch das große Plakat über dem Eingang entgeht meinem Blick. Ich kaufe eine Eintrittskarte und sehe auf der Leinwand die dramatische Geschichte des  hartgesottenen Viehbarons Tom Dunson (John Wayne) und seines rebellischen Pflegesohnes Matthew (Montgomery Clift), die gemeinsam mit rund 30 Cowboys einen Treck von tausenden Rindern von Texas über Oklahoma nach Abilene in Kansas treiben. Natürlich fällt mir schon nach den ersten Szenen ein, dass ich das Drama unter einem anderen Titel bereits gesehen habe, doch ich bin auch beim zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit von diesem Streifen beeindruckt und erlebe, wie der autoritäre Rancher durch seinen skrupellosen Ehrgeiz nicht nur in heftige Konflikte mit einigen Viehtreibern, sondern auch mit Matthew gerät.  Der Film wird so auch auch zu einem Dokument von Menschenverachtung und Ausbeutung – auch dies typisch für die Erschließung des Westens.

Tom Dunsons Grausamkeit

Was sich auf der Leinwand abspielt, liest sich in der „Illustrierten Filmbühne” Nr. 1068 unter anderem so:

 „Meinungsverschiedenheiten über die Grausamkeit Dunsons, der nach dem Übergang über den Roten Fluss zwei desertierte Treiber hängen lassen will, führen zu Zerwürfnissen, die mit ihren erregenden Spannungsmomenten das Schicksal der Menschen und Tiere beeinflussen.“ 

Das klingt schlicht und vermag auch die Dramatik des Geschehens nicht wirklich zu erfassen. Genau wie das Finale, das spannender ist, als es die gedruckte Beschreibung vermuten lässt, denn erst durch die Vermittlung von Tess Millay (Joanne Dru) gelangt Dunson am Schluss zu der späten Einsicht, dass die so genannten Ideale des „Wilden Westens“ überholt sind und eine neue und junge Generation mit anderen Methoden die gleichen Ziele erreichen will. Beschrieben wird das Finale mit den Worten:

„Auf offener Straße kommt es zu dem gefürchteten Zusammentreffen zwischen Dunson und Matthew. Die entzückende Tess meistert jedoch die gefährliche Situation, indem sie beide Männer mit erhobener Pistole auffordert, ihre wahren Gefühle zu offenbaren. Den Rivalen bleibt nichts anders übrig, als ihre alte Freundschaft neu zu besiegeln. Zwei junge Menschen – Matthew und Tess – haben sich für ein gemeinsames Leben gefunden.“

Das liest sich wie das Happy-End eines beliebigen Heimatfilms, doch in Wirklichkeit ist es der dramatische Schlusspunkt eines Westerns, der ein Stück amerikanischer Geschichte eindrucksvoll widerspiegelt. Red River ist eine packender Film, der auch beim zweiten Ansehen seine Anziehungskraft nicht verloren hat. Ursprünglich war Cary Cooper für die Rolle des Tom Dunson vorgesehen, doch er hat abgelehnt, weil ihm die Figur zu unsympathisch ist. Auch Cary Grant mag den Part des Glücksspielers und Revolvermannes Cherry Valance nicht spielen, ist ihm doch dessen Auftritt zu unbedeutend. Die Rolle übernimmt John Ireland.

Sind solche Besetzungsprobleme nicht manchmal auch ein Glücksfall für einen Film? Red River ohne die Figuren John Wayne und John Ireland sind im Rückblick kaum vorstellbar, aber andererseits sind die Männer gleichwohl nur die Puppen in einem Spiel, das von Howard Hawks bei seinem ersten Western meisterhaft aufgezogen wird. Seine Handschrift erst macht den Film über den Tag hinaus sehenswert.

Daten zum Film

Panik am Roten Fluss (Illustrierte Filmbühne Nr 1068) heisst im Original Red River und wird von der der deutschen Niederlassung der Verleihfirma Columbia bald nach der Aufführung in der Bundesrepublik auch wieder umgetitelt. Der Streifen beruht auf einer Erzählung von Borden Chase, die unter dem Titel „The Caisholm Trail” in der „Saturday Evening Post” erschienen ist. Chase schreibt auch am Drehbuch mit. Hergestellt von der Firma Monterey für United Artists (1948) erreicht er im Original eine Länge von 130 Minuten (in Deutschland läuft eine gekürzte Fassung). Unter der Regie von Howard Hawks – sein erster Western – spielen John Wayne (als Rancher Tom Dunson), Montgomery Clift (als sein Pflegesohn Matthew Garth), Joanne Dru (als Tess Millay), Walter Brennan (als Groot), Coleen Gray (als Fen), John Ireland (als Cherry Valance), Noah Beery jr. (als Buster McGee), Harry Carey (als Mr. Millvile), Harry Carey jr. (als Dan Latimer).

Weitere Mitwirkende sind Shelley Winters, Paul Fix, Hank Worden, Dan White und Tom Tyler. Howard Hawks ist gleichzeitig auch Produzent des Films, am Drehbuch arbeitet neben Borden Chase noch Charles Schnee, an der Kamera steht Russell Harlan, die Musik komponiert Dimitri Tiomkin. Deutscher Sprecher für John Wayne ist Heinz Engelmann. – Uraufführung am 26. August 1948 in Texas, Oklahoma und Kansas. USA-weit am 17. September 1948 angelaufen, Festpremiere am 30. September in New York City. – Deutsche Erstaufführung am 9. Februar 1951, in Frankfurt ab 18. Mai 1951 in den Scala-Lichtspielen zu sehen.