Die Höllenfahrt nach Santa Fé

Illustrierte Filmbühne Nr. 915 (E. S.) – Es ist zwischen 1945 und 1950 eine Eigentümlichkeit der Kino-Szene, dass ausländische Produktionen oft erst mit einer gewissen Verspätung  in den deutschen Verleih kommen. Gerade deshalb sind manche große Stars in ihren Erstlingserfolgen erst zu sehen, nachdem schon andere ihrer Filme gezeigt worden sind. Ein Beispiel dafür ist Höllenfahrt nach Santa Fé (mit John Wayne). Obwohl schon 1939 gedreht, kommt der Streifen – bedingt auch durch die Kriegsereignisse und die Filmpolitik der Nazis – erst Ende 1950 nach Deutschland.

HöllenfahrtZu dieser Zeit sind von John Wayne schon das „Haus der sieben Sünden”, „Die Freibeuterin”, „Die Hölle von Oklahoma” und einige alte B-Western der Republic (wie etwa „Der schwarze Reiter”) zu sehen gewesen, aber seine ganz großen Erfolge werden erst später noch kommen. Nun allerdings sehen wir im Oktober 1950 mit elfjähriger Verspätung erst einmal die Höllenfahrt nach Santa Fé nach einer Erzählung von Ernest Haycox, deren Originaltitel allerdings „Stage to Lordsburg”) heisst. Der deutsche Filmtitel wird später durch den schlichten amerikanischen Originaltitel Stagecoach (Postkutsche) ersetzt. Auch der Name Ringo nach dem Namen des Haupthelden wird gelegentlich verwendet. Für das Publikum und für uns junge Filmfreaks ist es zunächst nur ein Western ohne große Bedeutung. John Wayne ist hierzulande (noch) keine große Nummer. Und für amerikanische Postkutschen interessiert sich der deutsche Mensch in diesen Tagen nicht sonderlich, er beschäftigt sich vielmehr gedanklich mit seiner eigenen „Kutsche”. Denn just einen Tag nach der Erstaufführung des Films gibt das VW-Werk in Wolfsburg eine Preisreduzierung für die schon berühmt gewordenen „Käfer” bekannt.

Demnach sinkt der Preis für das Standardmodell von 4800 auf 4400 Deutsche Mark, das Exportmodell wird statt für 5450 nun für 300 Mark weniger angeboten. Das ist für den autobesessenen Bundesbürger ein wahrhaft spannenderes Thema als ein Wildwest-Streifen.

Menschliche Abgründe

Doch das ist kurzsichtig. Denn der Film ist nicht alleine pure Western-Unterhaltung nach bis dahin bekanntem Muster. Vielmehr spielen sich zwischen den bizarren Felsen und den weiten Ebenen Dramen ab, wobei Abgründe der menschlichen Seele freigelegt werden. Im Mittelpunkt stehen dabei die Gewissenskonflikte der Reisenden; ihre Charaktere werden genau gezeichnet und in den Stunden der Gefahr zeigen sie ihr wahres Gesicht. Insofern ist dieser Western nur Staffage für ein Szenario, das vor allem von den Passagieren gestaltet wird.

Ein Western-Klassiker

Da ist die schwangere Lucy Mallory. Sie befindet sich auf der Fahrt zu ihrem Mann; ein gewisser Herr Peacock gibt sich als geistlicher Würdenträger aus, ist aber ein übler Schnapshändler; der Arzt Dr. Boone ist eher dem Alkohol als seinem Beruf zugetan; der gerissene Major Hatfield ist als Spieler unterwegs; die hübsche Dallas hingegen ist von den „Damen der Liga für Gesetz und Ordnung” aus der Kleinstadt Tonto verwiesen wurde. Außerdem dabei der später zugestiegene (und in Wahrheit unschuldige) Revolvermann Ringo Kid; er entpuppt sich im Verlauf des Geschehens als Mann der Tat.

Regisseur John Ford hat einen jener frühen Western geschaffen, die sich deutlich vom Zelluloid-Schund mit billigen Reiterjagden und sinnfreien Revolverkämpfen unterscheiden. So hat dieser Film das Genre auf Jahre hinaus entscheidend geprägt und wird zum Klassiker dieser Filmgattung. Für John Wayne ist es der erste große Auftritt in einem „richtigen” Film – nach jahrelangem Herumdümpeln in längst vergessenen B-Filmen.

Daten zum Film

Höllenfahrt nach Santa Fé (Illustrierte Filmbühne Nr. 915) mit dem Originaltitel Stagecoach (außerdem bekannt als Ringo) ist ein Western-Drama der United Artist aus dem Jahr 1939 in Schwarz-Weiss nach einem Roman von Ernest Haycox und produziert von Walter Wanger. Unter der Regie von John Ford spielen John Wayne (als Outlaw Ringo), Claire Trevor (als Dallas), John Carradine (als Hatfield), Thomas Mitchell (als Dr. Josiah Boone), Andy Devine (als Buck Rickabaugh), George Bancroft (als Sheriff Curly Wilcox). Außerdem dabei sind noch Donald Meek, Berton Churchill, Louise Platt, Tim Holt, Tom Tyler, Elvira Rios, Francis Ford. – Deutsche Stimmen: Ethel Reschke (Claire Trevor), Franz Nicklisch (John Wayne).

Der Film begründete den Weltruhm von John Wayne, der bis dahin in B-Western aufgetreten war. – Der Film erhielt 1940 fünf Oscars: Thomas Mitchell (als bester Nebendarsteller) und Richard Hageman, W. Franke Harling, John Leipold und Leo Shuken (jeweils für die Musik). – Erstaufführungen: am 15. Februar 1939 in Los Angeles, ab 2. März USA-weit, 13. Oktober 1950 (Bundesrepublik Deutschland).