Zwischen gestern und morgen

Illustrierte Filmbühne Nr. 33 (E. S.) – Es sind bewegende Monate im Frühjahr des Jahres 1948 in Frankfurt. In der aus den Trümmern aufgebauten Paulskirche steht die Jubiläumsveranstaltung der Nationalversammlung (vom 18. Mai 1848 bis zum 31. Mai 1849) auf dem Programm. Genau vor 100 Jahren hat in dieser Kirche das erste frei gewählte Parlament für die „deutschen“ Nachfolgestaaten des Heiligen Römischen Reichs getagt. Im März wird auch der Luftverkehr zwischen Frankfurt und Berlin wieder aufgenommen, das traditionsreiche Hotel „Frankfurter Hof” beherbergt schon wieder erste Gäste und vor allem: die Währungsreform wirft nach drei entbehrungsreichen Nachkriegsjahren ihre Schatten voraus.

Zwischen gestern und morgenIm April startet in Frankfurt auch der erste deutsche Film, der mit US-Lizenz entstanden ist. Er heisst Zwischen gestern und morgen, und läuft nach seiner Premiere vor vier Monaten in München seit dem 4. April 1948 im Bieberbau an der Hauptwache. Dieses Kino hat kurz vor Weihnachten 1947 mit dem unter britischer „Schirmherrschaft” entstandenen Camera-Streifen „…und über uns der Himmel” seine Pforten geöffnet und ist zu dieser Zeit d a s Frankfurter Kino Nr. 1 für Erstaufführungen. Hier werden alle wichtigen in- und ausländischen Filme gestartet, weil außer der Scala (Eröffnung Mitte September 1947) und dem Luxor (27. März 1948) andere Häuser noch nicht wieder zur Verfügung stehen. Erst im Laufe des Jahres 1948 kommen im Zuge des Wiederaufbaus der Stadt weitere Lichtspielhäuser in der Innenstadt dazu (Roxy, Eden).

Zwischen gestern und morgen beschäftigt sich sowohl mit Ereignissen im Jahr 1938 als auch mit der Situation im Deutschland der Nachkriegszeit. Manche Kritiker sind angetan von dem Film, andere beurteilen ihn eher zurückhaltend, vor allem, weil fast alle Mitwirkenden schon im Filmschaffen des „Dritten Reiches” eine wichtige Rolle gespielt haben.

Sowohl die Darsteller Willy Birgel, Sybille Schmitz, Victor de Kowa, Viktor Staal und Winnie Markus als auch Drehbuchschreiber und Regisseur Harald Braun haben bei der Ufa gearbeitet – immerhin ist Braun jedoch nicht an belastenden Propagandafilmen beteiligt gewesen. Die Jungschauspielerin Hildegard Knef – sie hat bei der alten Ufa einige kleine Nebenrollen gespielt und bei der DEFA 1946 „Die Mörder sind unter uns” gedreht – wird in dieser Hinsicht als weniger exponiert angesehen.

Zweifellos ist bei solchen Voraussetzungen kaum ein antifaschistischer Film mit einer Abrechnung der Nazizeit zu erwarten. Das haben viele Kritiker der damaligen Zeit bei ihren Beurteilungen zu wenig berücksichtigt. Denn obwohl der Film ein wenig melodramatisch-schwülstig, manchmal sogar oberflächlich, daherkommt, werden doch die politischen und menschlichen Probleme dieser dramatischen Zeiten mit der Verstrickung vieler Menschen in die Diktatur durchaus angesprochen.

Auch die Frage von Schuld, kollektiver Verantwortung und Aussöhnung werden thematisiert. Dass sich jedoch der von der Gestapo verfolgte Karikaturist Michael Rott nach seiner Rückkehr aus dem Schweizer Exil in München bei alten Freunden im Palast-Hotel rechtfertigen muss, weil sie ihn verdächtigen, er habe der Jüdin Nelly Dreyfuss Juwelen entwendet, und sei deshalb – und nicht aus politischen Gründen – geflohen, ist ein Schwachpunkt des Films. Diese Konstellation entwertet vieles von der guten Absicht der Macher, wirkt sie doch teilweise wie eine Denunziation politischer Flüchtlinge.

Gleichwohl aber erscheint mir der Film beachtenswert, weil sich auch aus nicht ganz gelungenen Produktionen einiges lernen lässt und für viele Kinobesucher sich nach diesem Streifen vielleicht neue Blickwinkel ergeben.

Daten zum Film

Zwischen gestern und morgen (Illustrierte Filmbühne Nr. 33) aus dem Jahr 1947 ist der erste in der amerikanischen Besatzungszone nach 1945 gedrehte Film der Neuen Deutschen Filmgesellschaft (NDF). Unter der Regie von Harald Braun – er hat auch das Drehbuch geschrieben und ist Produzent – spielen in dem 112 Minuten langen Streifen nach einer Vorlage von Jacob Geis die Darsteller Viktor de Kowa (als Zeichner Michael Rott), Winnie Markus (als Studentin Annette Rodenwald), Willy Birgel (als Schauspieler Alexander Corti), Hildegard Knef (als junges Mädchen namens Katharina), Erich Ponto (als Professor von Walther), Otto Wernicke (als Ministerialdirektor Trunk), Viktor Staal (als Hotelbesitzer Rolf Ebeling), Sybille Schmitz (als Jüdin Nelly Dreyfuß, die frühere Frau von Corty).

Erstaufführung am 11. Dezember 1947 im Luitpold-Theater in München in Anwesenheit von Winnie Markus, Willy Birgel und Viktor Staal; Frankfurter Premiere am 9. April 1948 im Bieberbau.