Die rote Lola

Illustrierte Filmbühne Nr. 867 (E. S.) – Das ist überaus ein zwiespältiger Film. Als ich als junger Mann 1951 Die rote Lola in der Harmonie sehe, empfinde ich ihn als nicht besonders überzeugend. Die Rückblende zu Beginn erscheint verwirrend, zumal sie sich am Ende des Films als glatte Lüge erweist. 

Rote LolaDas geht mir nicht alleine so. Auch viele Kritiker urteilen nicht anders, sehen den Film sogar als eine „Verhohnepiepelung“ des Publikums; wahrscheinlich, weil sowohl den Zuschauern als auch den professionellen Beobachtern diese Art der Filmerzählung Anfang der Fünfziger Jahre noch recht fremd ist. Allerdings ändert sich die Betrachtung später grundlegend. Es wird nun anerkannt, dass der Regisseur Alfred Hitchcock mit seiner Darstellung  seiner Zeit (wieder einmal) weit voraus gewesen ist. Abgesehen davon bleibt für mich trotz mancher Einwände schon 1951 die Hand des „großen Meisters“ spürbar. Allerdings ist der in Deutschland vom Warner-Verleih gewählte Titel wieder einmal völlig verfehlt. Er hat mit dem Inhalt des Films nichts zu tun, und wird von vielen Filmhistorikern als ein kommerzielles Trittbrettfahren im Zusammenhang mit Marlene Dietrich und ihrem früheren deutschen Erfolgsfilm „Der blaue Engel“ interpretiert.

Gleichwohl fasziniert wieder einmal, wie Hitchcock hier seine Figuren agieren lässt. Es entsteht ein höchst interessantes Bild über die Natur des Rollenspiels und damit über die Welten zwischen Phantasie und Wirklichkeit.

Am besten für ein solches Spiel eignet sich ein Theater, in dem ohnehin jeder eine andere Identität annimmt. „So verwischen sich von Anfang an die Unterschiede zwischen dem Leben auf der Bühne und dem auf der Straße“, wie der Autor Donald Spoto in einer Biografie über Hitchcock später einmal formulieren wird.

Der vermeintlich Unschuldige ist schuldig

Der Film handelt von der Schauspielschülerin Eve Gill (Jane Wyman), die ihren Freund Jonathan Cooper (Richard Todd) vom Verdacht befreien will, den Ehemann des Revuestars Charlotte Inwood (Marlene Dietrich) ermordet zu haben. Insofern enthält der Streifen zunächst einmal das von Alfred Hitchcock immer wieder aufgegriffene Thema eines unschuldig verfolgten Menschen. Doch in Die rote Lola wird das dahingehend variiert, dass sich der vermeintlich Unschuldige am Ende doch als Täter entpuppt. Das jedenfalls muss Eve Gill erkennen, als Cooper in einem Gespräch im Theater nicht nur den Mord, sondern auch ein weiteres Verbrechen zugibt.

Nach diesem Geständnis kommt Cooper der Gedanke, ein weiterer motivloser Mord könne seine „geistige Unzurechnungsfähigkeit“ beweisen. Diese Idee setzt sich in Coopers Kopf fest und bringt Eve in höchste Lebensgefahr, denn es beginnt eine gnadenlose Jagd durch das Theater, bei dem der Mörder schließlich durch einen eisernen Vorhang erschlagen wird. Dass sich Eve nun in die Arme des Detektivs Smith (Michael Wilding) rettet, in den sie sich inzwischen (und fast nebenbei) verliebt hat, ist nur eine Marginalie am Rande des eigentlichen Themas.

Daten zum Film

Die rote Lola (Illustrierte Filmbühne Nr. 867) mit dem Originaltitel Stage Fright ist ein Kriminalfilm der Transatlantic Pictures im Verleih von Warner Bros. aus dem Jahr 1950, beruhend auf dem Roman „Man Running“ von Selwyn Jepson. In dem 110 Minuten langen US-Streifen, der aber in London gedreht worden ist, spielen unter der Regie von Alfred Hitchcock – er ist auch Produzent – die Darstellerinnen Jane Wyman (als Schauspielschülerin Eve Gill) und Marlene Dietrich (als Revuestar Charlotte Inwood) die Hauptrollen. Die männlichen Parts werden von Michael Wilding (als Kriminalinspektor Smith) und Richard Todd (als Mörder Jonathan Cooper) übernommen. Weitere Rollen spielen Alastair Sim, Sybil Thorndike, Kay Walsh und die Hitchcock-Tochter Patricia. Die deutschen Stimmen gehören zu Ingeborg Grunewald (Marlene Dietrich), Käthe Pontow (Jane Wyman), Erwin Linder (Michael Wilding) und Peer Schmidt (Richard Todd).

Der Film wird erstmals gezeigt bei der Premiere in New York City ( 23. Februar 1950). Landesweite US-Aufführung am 15. April 1950, deutsche Erstaufführung am 1. September 1950. In Frankfurt vom Autor gesehen im Jahr 1951 in den Harmonie-Lichtspielen.