Staatsgeheimnis

Das Neue Filmprogramm (E. S.) In der Bundesrepublik startet am 11. August 1950 der britische Film Staatsgeheimnis. Überraschend dabei ist, dass er bereits einen Monat vor der Heimatpremiere  in Großbritannien (11. September 1950) in die Kinos kommt. Auch in Schweden (3. Juli 1950) wird der Streifen früher in die Kinos gezeigt als im Vereinigten Königreich. 

StaatsgeheimnisIn Frankfurt am Main läuft Staatsgeheimnis am 10. Oktober 1950 gleichzeitig in den Innenstadt-Häusern der heftig konkurrierenden Frankfurter Kino-Zaren Siegfried Lubliner (Bieberbau) und Wollenberg (Luxor) an. Eine Zeitungskritik in der Frankfurter Rundschau macht die Filminteressierten auf den Thriller aufmerksam. „Dieser Film stellt keine nervenkitzelnde Utopie dar, sondern eine erschreckende (…) Wirklichkeit. Sein Dramaturg ist die Angst: die Angst vor dem grauenhaften Gestern der Diktatur und der Gefahr ihrer Ausbreitung im Morgen”, heisst es da, und weiter: „Die aalglatte Umgangsform der Tyrannei, die tödliche Scheinphilosophie der Staatsräson, der Biedermann mit dem Bluthundinstinkt: wir kennen das alles, haben es am eigenen Leibe bitter erfahren müssen.” Gleichwohl wirkt der Film nicht immer nur furchteinflößend auf die Kinobesucher, sondern enthält manche Passagen mit satirisch-komödiantischen Elementen zur Rolle von Diktatoren und deren totalitären Machtstrukturen: „Der Witz, der hier zuweilen waltet, enthüllt Abgründe, vor denen wir schaudern stehen”,  formuliert die eingangs erwähnte Zeitung.

Unter diesen Umständen fällt kaum in’s Gewicht, dass mit den immer wieder angedeuteten Parallelen zur politischen Situation der späten Vierziger Jahre, und der Hinweis auf  einen fiktiven Ostblock-Staat, mehr als unbekümmert umgegangen wird.

Gleichwohl ist klar, dass die untergegangenen und zukünftigen Diktaturen dieser Welt Pate bei den Autoren stehen. Als Ergebnis ihrer Arbeit kann der Film zweifellos vielen Genres zugeordnet werden: Er ist zugleich Abenteuerfilm, Persiflage, Thriller und Parodie. Die Kameraarbeit von Robert Krasker, der im Jahr darauf für die herausragende Schwarzweiß-Fotografie des „Dritten Mannes” mit einem Oscar ausgezeichnet wird, trägt entscheidend zur Dichte des Films bei. Kein Wunder also auch, dass „Der Dritte Mann“ oft zitiert wird, wenn von Staatsgeheimnis die Rede ist.

Dabei trägt die Handlung gelegentlich fast operettenhafte Züge. Der amerikanische Chirurg Dr. John Marlowe (Douglas Fairbanks jr.) ist der einzige Mitwisser des Todes von Diktator Niva (Walter Rilla). In dem fiktiven Staatsgebilde ist der bei einer Operation Verstorbene durch ein Double ersetzt worden, weil die Existenz der Diktatur auf dem Spiel steht. Alle Mitwisser des Schwindels sollen für immer verschwinden; auch der Arzt  wird von der Geheimpolizei des Landes verfolgt und gerät schließlich vor ein Erschießungskommando. Doch in letzter Sekunde wird er gerettet, aus dem Radio dringen unmissverständliche Revolutionsgeräusche: Die Niva-Herrschaft ist gestürzt… Sicherheitschef Galcon (Jack Hawkins) – eben noch die Exekution vorbereitend – „schenkt” dem Arzt das Leben, im Hinterkopf schon den Gedanken, auch beim neuen Regime eventuell wieder mitmischen zu können…

Daten zum Film

Staatsgeheimnis (Das neue Filmprogramm) mit dem Originaltitel State Secret ist eine britische Produktion der Lion-Eagle im Verleih der London-Film aus dem Jahr 1950 in einer Länge von 105 Minuten und nach einer Novelle von Roy Huggins. Produzenten sind Frank Launder und Sydney Gillat. Letzterer schreibt auch das Drehbuch und führt Regie. Als Darsteller sind Douglas Fairbanks jr. (als Dr. John Marlowe), Glynis Johns (als Lisa Robinson), Herbert Lom (als Karl Theodor), Jack Hawkins (als Sicherheitschef Galcon), Walter Rilla (als Diktator Niva), Karel Stepanek (als Dr. Revo), Lew Ayres (als Arthur J. Buckman), Carl Jaffe (als Janovic Prada) im Einsatz. An der Kamera stehen Robert Krasker und John Wilcox, die Musik komponiert William Alwyn. Deutsche Synchronstimmen von Siegmar Schneider (Douglas Fairbanks jr.), Gina Presgott (Glynis Johns), Alfred Balthoff (Herbert Lom), Walter Rilla (Walter Rilla), Franz Arzdorf (Karel Stepanek), Walter Suessgenguth (Jack Hawkins).

Erstaufführungen am 11. September 1950 in Großbritannien, am 4. Oktober in New York City für die USA, bereits am 11. August 1950 in der Bundesrepublik am  11. August 1950, ab 11. Oktober in Frankfurt im Bieberbau und Luxor gleichzeitig angelaufen.