Frankfurt als Verleihzentrum

Von Erich Stör (Frankfurt am Main)

Obwohl Frankfurt am Main im Jahr 1949 das Rennen um den Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland gegen Bonn verliert, kann es auf anderem Gebiet reüssieren: Die Stadt entwickelt sich zur Metropole der internationalen und deutschen Filmverleiher. Besonders die sogenannten „Major Companies“ der USA nehmen hier Quartier.

Altmann-BildDas ist vor allem der zentralen Lage in Westdeutschland und der unsicheren politischen Situation West-Berlins geschuldet. In der alten Hauptstadt hatten diese Firmen meist ihre Zentralen, ehe ihnen von den Nazis 1941 die Tätigkeit untersagt wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedeln sich die US-Konzerne deshalb in Frankfurt an, vor allem in der Taunus- und in der Kaiserstraße*, direkt am Hauptbahnhof gelegen. Der brüllende Löwe von Metro-Goldwyn-Mayer firmiert mit der deutschen Zentrale und der für den Raum Südwestdeutschland zuständigen Filiale lange in der Taunusstraße 40-42, ehe 1957 die Zentrale in die Schäfergasse umzieht, wo MGM ein eigenes Filmtheater errichtet hat. Im mächtigen Industriehaus in der Taunusstraße 52-60 befinden sich die Räume von Paramount Pictures und United Artists. Das ist keine Überraschung, hat hier doch auch die MPEA („Motion Pictures Export Association“) bereits seit 1945 ihren Sitz. Diese Dachgesellschaft der großen US-Verleihfirmen organisiert dort zusammen mit dem Amerikanischen Militärverleih den Einsatz der US-Filme in den Westzonen.

Schräg gegenüber auf der Südseite hat die RKO ihre Büros bezogen, die Columbia residiert ganz in der Nähe. Beliebt ist auch die Nummer 66 in der Kaiserstraße. In diesem Eckhaus tätigen die Universal, 20th Century Fox und Warner Bros. ihre Geschäfte. Die britische Rank-Organisation bezieht am Rossmarkt (nähe Hauptwache) ihre Büros; auch die Deutsche London-Film, die britische Eagle Lion, der Jugend-Filmverleih und die Atlantic haben ihren Sitze in der Nähe.

Deutsche Verleiher tummeln sich mit ihren Zentralen oder Filialen ebenfalls im Bahnhofsbezirk, darunter die Herzog, Allianz, Commerz, Schorcht (Kaiserstraße 58), Internationale Filmallianz, Prisma, Union, Constantin, Gloria und viele andere mehr. Diese Zusammenballung in Bahnhofsnähe ist sowohl für Kinobesitzer als auch für die Verleiher praktisch. Denn noch werden viele Geschäftsreisen aus der Provinz mit Eisenbahnen oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigt, und so kann der Kunde praktisch alle Verleihfirmen zu Gesprächen und Dispositionen zu Fuß erreichen.

Für die Verleiher selbst ist es ebenfalls praktisch, nahe am Bahnhof zu arbeiten, können sie doch ihre Kopien und das sonstige Werbematerial schnell und unkompliziert an die Packwagen der Züge bringen, wo das Material dann per so genannter „Zugvorschrift“ auf den Weg gebracht wird. Auch die mit Autos ausgerüsteten Filmspeditionen, die vor allem Kinos in der süddeutschen Provinz ansteuern, haben ihre Räumlichkeiten in Bahnhofsnähe. Wie hilfreich die Nähe zum Bahnhof in der täglichen Arbeit ist, kann der Autor aus eigener Arbeitserfahrung in den Werbeabteilungen der Filmgesellschaften Warner Bros. und MGM bestätigen.

(*) Die Kaiserstraße hieß in den Jahren zwischen 1947 und 1955 zwar Friedrich-Ebert-Strasse, doch wird in diesem Beitrag – um Verwirrung zu vermeiden – durchgängig der Namen Kaiserstrasse verwendet.