Straßenbekanntschaft

Illustrierte Filmbühne Nr. 256 (E. S.) – In der Kinowerbung wird wieder einmal scharf geschossen. Als ein „Aufklärungsfilm mit erschütternder Offenheit” wird zum Beispiel der DEFA-Film Straßenbekanntschaft annonciert. Doch damit noch nicht genug, wird auch „Das Schicksal lebenshungriger Mädchen” beschworen und alles mit dem Satz „Die Sexualfrage unserer Zeit” ausgeschmückt, was die Vermutung nahelegt, dass dem Reklamemann der Gaul durchgegangen ist.

StraßenbekanntschaftDas Thema ist  brisant, denn von Herbst 1944 bis Oktober 1945 gibt es ein Dekret der Westalliierten, demzufolge ihre Soldaten keinerlei „gesellschaftlichen Umgang“ mit der deutschen Bevölkerung pflegen durften (Fraternisierung). Später wurde dieser erste Erlass durch eine neue schriftliche Richtlinie „der Umerziehung der Bevölkerung zu demokratischen Mitgliedern der Völkergemeinschaft“ ersetzt. In den ersten Monaten der Nachkriegszeit, und dabei insbesondere in den großen Städten, warnen die dafür zuständigen Militärbehörden jedoch immer wieder eindringlich vor möglichen gesundheitlichen Gefahren. In Frankfurt am Main werden – wie auch in vielen anderen Metropolen und Garnisonsstädten – an den Einfallstraßen der Stadt Transparente oder Schilderbrücken aufgestellt, auf denen die US-Soldaten eindringlich auf V. D. aufmerksam gemacht werden, was nichts anderes ist als die Abkürzung für „Veneral Disease” (Geschlechtskrankheiten). Im allgemeinen Sprachgebrauch gilt  V. D. aber auch als warnender Begriff namens „Veronika Dankeschön”. 

Der Film Straßenbekanntschaft der DEFA spielt allerdings im Berlin der Nachkriegszeit, und hat nichts mit Fraternisierung zu tun, eher mit dem Lebenshunger einer gebeutelten Kriegsgeneration. Eine junge Frau namens Erika (Gisela Trowe) hat die jahrelangen, kriegsbedingten Entbehrungen satt und liebäugelt mit einem lockeren Leben und leicht verdientem Geld. Weil ihr Freund Walter (Siegmar Schneider) ihr das Ersehnte nicht bieten kann, versucht sie, ihre Wünsche anderswo zu erfüllen – zum Beispiel bei ihrer Freundin Anemie (Alice Treff), in deren Wohnung sich gut situierte Männern (und Schwarzhändler) täglich ein Stelldichein geben, um die Frauen mit Strümpfen und anderen begehrten Naturalien für sich einnehmen.

Es ist ein gefährliches Spiel, doch rechtzeitig erwacht Erika aus ihren Träumen von einer so genannten besseren und sorgenfreien Zukunft, denn bei einer Untersuchung wird bei ihr eine Geschlechtskrankheit diagnostiziert – und erst durch diesen Schock erkennt Erika, dass sie sich bereits am Rande der Prostitution bewegt hat und kehrt um. Hier allerdings gerät der Film zu sehr in den Bereich eines Aufklärungsfilms mit erhobenen Zeigefinger, obwohl er ein ernsthaftes Anliegen vertritt. Und das ist fast ein wenig schade.

Daten zum Film

Straßenbekanntschaft (Illustrierte Filmbühne Nr. 256) ist ein Drama der DEFA aus dem Jahr 1948. Peter Pewas führt Regie, als Darsteller sind Gisela Trowe (als Erika), Alice Treff (als Annemie), Ursula Voß (als Marion), Siegmar Schneider (als Walter Helbig) und Harry Hindemith (als Herbert Petzold) mit von der Partie. Die Musik stammt von Michael Jary. Die deutsche Erstaufführung war am 13. April 1948, ab 15. Februar 1950 auch im Eden.