Weißes Gift

Illustrierte Filmbühne Nr. 1103 (E. S.) – Ein amerikanischer Freund ist höchst irritiert. In den Zeitungen liest er Berichte über den Hitchcock-Film Weißes Gift, und da ist von einem Rauschgift-Drama die Rede – er selbst aber hat den Film in den USA bereits gesehen und schwört Stein und Bein, es gehe nicht um irgendwelche Dealer, sondern um Nazi-Spione und um die Jagd nach Uran.

Nachforschungen ergeben, dass der Freund recht hat. Die deutschen Zeitungen haben jedoch von der Manipulation keine Ahnung. In einer Frankfurter Tageszeitung ist im September 1951 die Version zu lesen, dass es sich bei Ingrid Bergman um eine kratzbürstige „Wildkatze” handelt, bei Cary Grant um einen schlichten Detektiv und bei Claude Rains um einen gefährlichen Rauschgiftkönig. „Zwischen ihnen spielen sich dialoggeladene Seelenkämpfe ab, die am Rande des weißes Giftes üppig gedeihen”, schreibt der getäuschte Filmkritiker. Es ist die Rede von Hass, Liebe, Kriminalität und Psychologie. Tatsächlich aber hat der Verleih den Film für die deutschen Zuschauer gefälscht. Aus Nazispionen sind internationale Rauschgiftschmuggler geworden. Der Grund für den Schwindel ist politischer und wirtschaftlicher Natur: Wie in vergleichbaren anderen Fällen auch (z. B. „Casablanca”) will der Verleih die deutschen Zuschauer nicht mit der eigenen düsteren Vergangenheit konfrontieren, natürlich auch in Erwartung auf gut gefüllte Kinokassen. Weißes Gift weiterlesen

Stromboli

Illustrierte Filmbühne Nr. 933 (E. S.) – Der italienische  Film Stromboli, in Zusammenarbeit zwischen dem neorealistischen Regisseur Roberto Rosselini und dem Hollywoodstar Ingrid Bergman entstanden, wird bei seinem Start in Deutschland 1951 von Zuschauern und Kritikern als zähes Melodram eher zwiespältig aufgenommen. 

Titel- StromboliWeil filmästhetische Gesichtspunkte für viele ohnehin keine große Rolle spielen, bleibt dieser Film vor allem in Erinnerung wegen der „echten“ Romanze zwischen Ingrid Bergman und dem Regisseur Robert Rosselini, die von den Hollywood-Mächtigen, ihren sehr willfährigen Schreiblakaien und der überaus prüden Öffentlichkeit zum „Skandal“ erhoben wird. Denn Ingrid Bergman ist zur Zeit dieser Liason noch mit dem schwedischen Arzt Petter Lindström verheiratet – und obwohl diese Ehe schon als zerrüttet beschrieben wird, lassen die tugendhaften Sittenwächter der USA kein gutes Haar mehr an der Schwedin.

Vor allem christlich-religiöse und puritanische Gruppen erheben ihre Stimme gegen die Schauspielerin. Der Senator Edwin C. Johnson, der sich lange, aber vergeblich um ein Verbot des Films in den Vereinigten Staaten bemüht, scheut sich nicht, das Paar sogar als „Apostel der Entartung“ zu apostrophieren und bedauert, dass aus seiner früheren Lieblingsschauspielerin nun eine „mächtige Kraft des Bösen“ geworden ist. Stromboli weiterlesen

Sklavin des Herzens

Illustrierte Filmbühne Nr. 881 (E. S.) – Dieser Film ist ein Melodram wie aus dem Bilderbuch. Es geht um Schuld und Sühne, doch obwohl das stets Alfred Hitchcocks wichtigsten Filmthemen sind, strapaziert er das Drama mit überlangen Einstellungen von bis zu zehn Minuten, die eher an Theateraufführungen als an Filmsequenzen erinnern. Die Aufnahmen mit komplizierten Farbtricks sind so schwierig, dass es zwischen Alfred Hitchcock und Ingrid Bergman zu ernsthaften Auseinandersetzungen kommt.

Sklavin des HerzensIn einem Interview wird Ingrid Bergman später einmal sagen, zum ersten und letzten Mal habe sie bei diesen Aufnahmen an einem Drehort geweint. In der Biografie „Alfred Hitchcock“ von Donald Spoto (im Kabel-Verlag, Hamburg) wird dieses Interview genau zitiert, und darin beklagt sich die Schwedin über diese endlos langen Aufnahmen und die sich ständig bewegende Kamera zwischen all den Kulissen. „Sechs Minuten ging vielleicht alles ganz wunderbar, und dann ging plötzlich irgend etwas schief, und wir mussten wieder ganz vorne vorne beginnen“. Dazwischen seien auch noch die Bühnenarbeiter herumgelaufen, die Möbel hätten sich hin- und herbewegt und die Kamera ebenfalls. „Das machte uns alle verrückt (…) Der ganze Boden war mit aufgemalten Nummern übersät, und jeder musste im richtigen Moment neben der richtigen Nummer stehen, sonst war die ganze Einstellung ruiniert.“ Und nicht nur die Dreharbeiten waren sehr problematisch. Schon das Thema ist schwer und düster, zusammengeschneidert aus einem Theaterstück und einem Roman. Sklavin des Herzens weiterlesen

Wem die Stunde schlägt

Illustrierte Filmbühne Nr. 789 (E. S.)  – Am 11. Januar 1951 startet um 18 Uhr in Frankfurt in einer Festvorstellung in deutscher Erstaufführung und dazu auch noch in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste aus dem In- und Ausland Wem die Stunde schlägt nach einem Roman von Ernest Hemingway. Der noch frische Turmpalast ist Schauplatz der Premiere dieses Films, in dem Paramount einige Ereignisse während des Spanischen Bürgerkrieges thematisiert; die Hauptrollen spielen Ingrid Bergman und Gary Cooper. 

Wem die Stunde schlägtDas Datum ist zwar eher zufällig zustande gekommen, doch ist dieser Tag politisch gesehen von historischer Bedeutung. An diesem 12. Januar 1951 tritt die UN-Konvention über die „Verhütung und die Bestrafung von Völkermord“  in Kraft, nachdem die Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York bereits zwei Jahre zuvor (genau am 9. Dezember 1948) das Dokument als Resolution Nr. 260 der Generalversammlung vorgelegt hat. Es ist eine interessante, wenn auch nur theoretische  Frage, wie die Staaten der Welt – wäre die Konvention zu dieser Zeit schon in Kraft gewesen – auf die Vorgänge in Spanien reagiert hätten, als zwischen Juli 1936 und April 1939 die demokratisch gewählte Volksfrontregierung der Zweiten Spanischen Republik von rechtsgerichteten Putschisten unter Führung von General Franco gestürzt wurde. Wem die Stunde schlägt weiterlesen

Arzt und Dämon

Illustrierte Filmbühne Nr. 351  (© E. S.) Ein „Horrorfilm” mit dem Titel Arzt und Dämon wird Anfang August 1949 in Zeitungsinseraten lauthals annonciert, was uns jugendliche Kinogänger allerdings nicht beeindruckt, haben wir doch in den Tagen des Krieges am eigenen Leib erfahren, was Angst und Schrecken im realen Leben bedeutet.

Arzt und DämonDer deutsche Filmstart des MGM-Thrillers ist am 13. Mai mit dem Ende der Berliner Blockade identisch. Auch wenn sich das alltägliche Leben wieder normalisiert und der Wiederaufbau der Stadt nun wieder vorangeht, ist die Zerrissenheit der politischen Lager nicht aufgehoben. Die ständig zunehmende Konfrontation zwischen West und Ost ist beängstigend und schafft  (wenn auch oft unbeabsichtigt) die „Guten” und die „Bösen”. Der Film wirkt deshalb wie eine Parabel auf diese Situation, wenn auch „nur” die Persönlichkeitsspaltung eines Individuums dargestellt wird. Arzt und Dämon weiterlesen

Die Glocken von St. Marien

Illustrierte Filmbühne Nr. 16  (E. S.) – Vom Sommer bis zum Spätherbst 1947 veröffentlichen die Frankfurter Zeitungen „Rundschau” und „Neue Presse” Berichte über die Rückkehr von sieben Domglocken, die in einem Hamburger Lagerhaus den Krieg überstanden haben. Am gewaltigsten ist die Glocke „Gloriosa”, die immerhin 256 Zentner auf die Waage bringt.

Glocken von St. MarienVon einem Schiff werden die Glocken Mitte Juli im Osthafen angelandet, entladen und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung an den Domplatz gebracht. Doch es dauert noch einige Monate, ehe das Geläut wieder seinen Platz im Glockenstuhl einnehmen kann. Und just zu dieser Zeit läuft in der amerikanischen Zone der RKO-Film Die Glocken von St. Marien an. Nach Frankfurt kommt der Streifen im Januar 1948. Zwar sind die realen Glocken von Frankfurt und die filmischen von St. Marien zwei völlig verschiedene Sachen, gleichwohl aber ist die Stimmung  vieler Menschen in der katholischen Dom-Gemeinde durchaus dazu angetan, einen gewissen Zusammenhang  zu erkennen.

Natürlich ist der Film von Hollywood konzipiert, wo solche Filme zwar einen religiösen Anstrich erhalten, aber doch eher als kommerzielle Unterhaltungsware eine Rolle spielen. Auch die Kasse muss schließlich stimmen. Es geht in dem Film um Pater Chuck O’Malley (Bing Crosby), dem Leiter der Katholischen Schule St. Marien, und der eigenwilligen Nonne Mary Benedict (Ingrid Bergman), deren unterschiedlichen Auffassungen über die Erziehungsmethoden immer wieder zu heftigen Konflikten führen. Die Glocken von St. Marien weiterlesen

Das Haus der Lady Alquist

Illustrierte Filmbühne Nr. 14  ( E. S.) – Der Film Das Haus der Lady Alquist hat bei seinem Erscheinen in den USA 1944 überwiegend positive Kritiken bekommen. Am 5. September 47 wird der Thriller in Berlin in einer deutschen Fassung gezeigt und kommt danach auch in den anderen Besatzungszonen zur Aufführung, darunter in Frankfurt. 

Das Haus der Lady AlquistDer Thriller ist in der Nachkriegszeit einer der ersten Filme in deutscher Sprache, wird von der Motion Pictures Export Association (MPEA) in München synchronisiert und gehört zu jener Spezies von Filmen, die zwischen 1945 und Anfang 1948 vom „Amerikanischen Allgemeinen Filmverleih” der US-Militärbehörden für die ersten Aufführungen zugelassen werden, auch wenn alle Filme in Wahrheit Produkte der „Major Companies” (u. a. MGM, Universal, Columbia, United Artist, Warner, Fox, Paramount, RKO) sind. Die MPEA wiederum ist die Export-Organisation dieser Studios und hat bei der Bavaria in Geiselgasteig  bei Münchens eigens ein Synchronstudio für diese Filme eingerichtet.

Weil Das Haus der Lady Alquist sich entschieden von der seichten Kost abhebt, die deutsche Zuschauer in den vergangenen Jahren gewohnt sind, wird der MGM-Thriller mit Charles Boyer, Ingrid Bergman (Oscar) und Joseph Cotten zum fast selbstverständlichen Erfolg im deutschen Trümmerfeld. Die Zuschauer gehen aus dem Kino, vorbei an den Ruinen der zerstörten Städte und zurück zu ihren brennenden Alltagsproblemen, zum Beispiel, ob es für den kommenden Winter genügend Heizmaterial gibt, und genügend Lebensmittel zu bekommen sind. Insofern erfüllt auch Das Haus der Lady Alquist den Zweck der Ablenkung, genau wie im „Dritten Reich” die Produkte der Ufa, Terra oder Tobis – nur unter anderen Voraussetzungen. Das Haus der Lady Alquist weiterlesen