Captain Boycott

Illustrierte Filmbühne Nr. 226  (E. S.) – Als Captain Boycott im Jahr 1948 in den Kinos der britischen und amerikanischen Zone anläuft, können sich viele so genannte „Städter” ein gutes Bild von den Problemen der Landbevölkerung machen, haben sie doch als „Evakuierte” lange Zeit in Dörfern gelebt. Deshalb sind ihnen die Vorkommnisse in dem englischen Film nicht ganz fremd. Denn Differenzen zwischen Großbauern einerseits und kleinen Landwirten sind auch da – wenn auch in abgemilderter Form – immer wieder aufgetreten.

Captain BoycottIm Mittelpunkt von Captain Boycott steht ein weitaus größeres Problem. Es geht um den Widerstand irischer Landpächter und Landarbeiter gegen die massive, brutale Unterdrückung und Ausbeutung durch die Großgrundbesitzer, exzessiv vorgeführt vom adligen Earl of Erne und seinem recht rüden Verwalter und Geldeintreiber Charles Boycott (Cecil Parker). Es ist ein höchst sozialpolitischer Film, allerdings eingebettet in einer ziemlich am Rande des Geschehens spielende Liebesgeschichte zwischen dem patriotischen Landwirt Hugh Davin (Stewart Granger) und der hübschen Anne Killain (Kathleen Ryan). Schauplatz des Geschehens ist Irland im Jahr 1880, als ein schon länger schwelender Konflikt offen ausbricht, weil das schlechte Wetter dem Land eine Missernte beschert hat. Der Earl of Erne und auch Captain Boycott bleiben vom Wunsch nach einer Pachtminderung ziemlich unberührt. Charles Boycott selbst – ein ehemaliger, strammer englischer Armeeoffizier – reagiert stattdessen mitleidlos mit Räumungsbefehlen, setzt Arbeiter aus der Stadt Ulster als Erntehelfer ein und lässt diese durch Soldaten beschützen. Captain Boycott weiterlesen

Gaslicht und Schatten

Illustrierte Filmbühne Nr. 219  (E. S.) – Gaslicht und Schatten! Diesen Film habe ich versäumt, als er nach Kriegsende in englischer Originalfassung in vielen deutschen Kinos gezeigt wird. Im April 1949 aber läuft das Stück in einer deutsch synchronisierten Fassung in der Lichtburg am Hauptbahnhof in einer Nachaufführung. Gelegenheit also, das Versäumte nachzuholen.

Gaslicht und SchattenDer Titel weckt, noch bevor ich in die Lichtburg eingetreten bin, Erinnerungen an unsere frühere Wohnung in Bockenheim. Dort muss noch Anfang der Vierziger Jahre allabendlich das bläulich-weiße Gaslicht entzündet werden, um etwas sehen zu können. Als wir dann nach Sachsenhausen in eine andere Wohnung ziehen, mache ich eine ganz neue Erfahrung, denn dort gibt es Elektrizität und „richtige” Glühlampen. Doch als bei einem schweren Luftangriff 1944 Bombeneinschläge für einen ziemlich langen Stromausfall sorgen, müssen wir uns auch hier mit einer Notlösung behelfen: Kerzenlicht! Aufgrund solcher persönlicher „Licht”-Erlebnisse aus der Kindheit verlockt nun also Gaslicht und Schatten zum Besuch in einem Kino, das trotz langer Tradition nicht zu den ersten Häusern am Platz zählt. Doch die Kino-Situation in Frankfurt ist noch sehr bescheiden. Die neuesten Filme starten zu dieser Zeit im Bieberbau, im Eden, Luxor, Scala oder Roxy, während in der Lichtburg (mit durchgehendem Einlass für Bahnreisende) meist nur Zweit-und Drittaufführungen angeboten werden. Die Innenstadt rüstet allerdings kräftig auf. Der Filmpalast und das Metro im Schwan werden beide im Dezember 1949 ihren Betrieb aufnehmen, der Turmpalast soll Ende März 1950 folgen. Gaslicht und Schatten weiterlesen

Cornwall Rhapsodie

Illustrierte Filmbühne Nr. 169 (E. S.) – Die wunderschönen Gegenden Englands sind schon früh in den deutschen Kinos zu bewundern: wenn auch nur im guten, alten Schwarz-Weiß-Look, aber immerhin. Die Cornwall Rhapsodie, deren Originaltitel Love Story lautet, kommt bereits etwa ein Jahr nach dem Ende des Krieges (16. April 1946) in die Kinos der britischen und später der amerikanischen Besatzungszone.

Cornwall RhapsodieDer Londoner Streifen wirkt in der Scala ein wenig  schwülstig und die ganze Geschichte melodramatisch überhöht. Der im Film immer noch andauernde Zweite Weltkrieg  – das Produktionsjahr des Gainsborough-Films ist 1944 – spielt eine zentrale und wichtige Rolle. Dargestellt wird die Romanze zwischen einem langsam erblindenden, ehemaligen englischen Fliegeroffizier und einer durch ein Herzleiden dem Tode nahen Pianistin. Die englischen Stars dieser Zeit sind die Protagonisten der Handlung, die sich zwischen Liebesfilm und einem Drama nicht so richtig zu entscheiden vermag, und oft in Kitsch abzugleiten droht. Aber die Stars Margaret Lockwood, Patricia Roc und Stewart Granger geben der Geschichte einen gewissen Kick. Vor allem die  Landschaftsaufnahmen Englands sind – untermalt mit herausragender und effektvoller Musik – mehr als beeindruckend. All dies lässt die Düsternis der Trümmerland ringsum wenigsten für eineinhalb Stunden in den Hintergrund treten, obwohl die Steilküsten durchaus vergleichbar sind mit so mancher Ruine in Frankfurt. Cornwall Rhapsodie weiterlesen

Der Herr in Grau

Illustrierte Filmbühne Nr. 67  (E. S.) –  Es ist wahrlich nicht alles Gold, was glänzt bei den ausländischen Filmen, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten in die Besatzungszonen geschickt werden. Auch Der Herr in Grau aus England erfüllt kaum die Erwartungen und ist in seiner düsteren Schwermütigkeit – garniert mit Rückblenden – nicht unbedingt geeignet, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen.

Der Herr in GrauIm Frühsommer des Jahres 1948 – die seit langem geplante Währungsreform vom 20. Juni steht unmittelbar bevor – haben die Menschen noch viele Probleme zu lösen. Zum Beispiel wird in der Politik intensiv um Zahlungen zum Lastenausgleich gerungen, es werden Regeln gegen die Preistreiberei gesucht und es geht immer wieder darum, die totale Demontage wichtiger Betriebe zu verhindern. Unter solchen Umständen ist Der Herr in Grau zu unverständlich für das deutsche Publikum. Die Menschen sehnen sich in diesen schwierigen Zeiten – wie immer man das dieses Verhalten auch bewerten mag – eher nach leichter Unterhaltung als nach schwermütigen Dramen der viktorianischen Zeit und des 18. Jahrhunderts. Immerhin aber sind vier Top-Schauspieler des britischen Kinos auf der Leinwand zu sehen, was dann doch ein wenig versöhnt. James Mason, Margaret Lockwood, Phyllis Calvert und Stewart Granger. James Mason ist dabei als in einer seiner stärksten Darbietungen zu sehen, er beherrscht souverän den ganzen Film und stellt sowohl Margaret Lockwood, Phyllis Calvert und Stewart Granger, der hier seinen ersten großen Erfolg feiert, eindeutig in den Schatten. Der Herr in Grau weiterlesen

Caesar und Cleopatra

Illustrierte Filmbühne Nr. 61 (E. S.) – Weihnachten 1946 sind bereits eineinhalb Jahre nach Kriegsende vergangen, aber es gibt immer noch bittere Not in den Städten; es fehlt an fast allem, das Geld ist längst nichts mehr wert und die Lebensumstände sind beschwerlich. Gleichwohl lassen die Menschen den Mut nicht sinken; inzwischen haben überall schon wieder Kinos ihren Betrieb aufgenommen, im Dezember kommt der Film Caesar und Cleopatra in die Kinos der britischen Zone und die Kassen klingeln.

Caesar und CleopatraIrgendwie ist es ja doch merkwürdig. Die Menschen kämpften ums Überleben, haben genügend alltägliche Sorgen und trotz allem blüht ungebrochener Optimismus. In Frankfurt zum Beispiel ist der von deutschen Pionieren gesprengte Eiserne Steg vor kurzem wieder eröffnet worden, erste Theaterstücke werden aufgeführt, zum Beispiel in Sachsenhausen Goldinis „Diener zweier Herren”. Aufführungsort ist das „Kleine Komödienhaus”, aber was so bombastisch klingt, ist in Wirklichkeit eine Turnhalle mit primitivster Ausstattung.

Ganz bescheiden geht unterdessen am Römerberg ein erster Weihnachtsmarkt über die Bühne. Egal wie: Die Menschen lechzen nach Unterhaltung. Ein 129 Minuten langer Monumentalschinken aus England passt da also durchaus gut ins Bild, auch wenn der Film zunächst nur in Städten der britischen Zone zu sehen ist. Erst eineinviertel Jahr später kommt er nach Frankfurt. Caesar und Cleopatra weiterlesen

Paganini

Illustrierte Filmbühne Nr. 52  (E. S.) – Ehrlich gesagt, habe ich noch nichts von Nicolo Paganini gehört, als ich im Sommer 1948 vor den Wall-Lichtspielen ein Plakat zu diesem Film betrachte. Gleichwohl interessiere ich mich für das Programm, aber nicht wegen des Geigers, sondern wegen der Hauptdarsteller Stewart Granger und Phyllis Calvert. Die beiden englischen Stars sind nach einigen anderen Filmen Idole an unserer Schule.

PaganiniDoch beim Betrachten der Schaukästen klingelt es bei mir. Habe ich nicht erst vor einigen Wochen in der Zeitung von einem mordenden Geigenspieler gelesen? Die Erinnerung an den Raub ist freilich nur dunkel im Gedächtnis geblieben, kein Wunder, denn zuviel Kriminelles ist in diesen höchst unsicheren Zeiten an der Tagesordnung; aber doch: ein Kellner ist es gewesen, der in der Frankfurter Innenstadt wegen einer kleinen Handvoll Schmuck seine alte Vermieterin erschlagen hat, womit er ohne Zweifel das Sprichwort: „Wo man singt, dort lass’ Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder”, dann doch ein klein wenig ad absurdum geführt hat. Mit Paganini hat das freilich alles nichts zu tun. Erst der Film gibt mir Auskunft über den italienischen Teufelsgeiger. Jetzt weiß ich, dass  Paganini – ist nicht schon der Namen Musik in unser aller Ohren? – ein begnadeter italienischer Geigenvirtuose und Gitarrenspieler ist. Trotz seines unattraktiven Erscheinungsbildes – aufgrund von verschiedenen Krankheiten wirkt er eher leicht verwachsen und unansehnlich – wird er durch seine außergewöhnliche musikalische Begabung und seiner faszinieren Technik bereits früh zu einer Legende. Paganini weiterlesen

Die Madonna der sieben Monde

Illustrierte Filmbühne Nr. 49  (E. S.) – Britische Filme sind in der Nachkriegszeit in den Kinos der damaligen Westzonen mehr als präsent. Eagle Lion und die Verleih-Großmacht J. Artur Rank, die von einem ein muskulöser Mann mit mächtigem Gong den jeweiligen Film einleiten lässt, sind die Giganten im Auftrag der Militärbehörden. 

Die Madonna der sieben MondeDie Währungsreform von 1948 hat die Situation im Land zwar verändert und immer mehr Menschen strömen in die Kinos. Gleichwohl geht manches noch verquer und es mangelt an vielem. In Berlin werden Briketts aus Teer und Sägespänen produziert und für 33 Pfennige verhökert, im Anzeigenteil der Tageszeitung „Frankfurter Rundschau” bietet ein unbekannter Chiffre-Auftraggeber dagegen ein immerhin 600 Quadratmeter grosses, jedoch offenbar unwirtliches Trümmergrundstück in der Nähe des Hauptbahnhofes an – und in dieser Zeit kommt als einer der vielen Streifen von der Insel Die Madonna der sieben Monde in deutsche Lichtspielhäuser.

In einer Zweitaufführung ist der Film Anfang September in den Nidda-Lichtspielen in Nied zu sehen, jenem Kino, wo es an Werktagen nur eine einzige Vorstellung um 19,30 Uhr gibt. Die bekanntesten Darsteller aus England sind zu dieser Zeit James Mason, Margaret Lockwood, Phyllis Calvert, Stewart Granger, Vincent Price. Fast alle machen später in den USA Karrieren. Eine der großen Filmfirmen in London sind die Gainsborough Studios, die auch Die Madonna der sieben Monde produzieren. Die Madonna der sieben Monde weiterlesen

Gefährliche Reise

Illustrierte Filmbühne Nr. 47  (E. S.) Der englische Film Gefährliche Reise aus dem Jahr 1946 hat keinen  bleibenden Eindruck hinterlassen. Doch der Besuch in den Wall-Lichtspielen in Sachsenhausen ist angeregt worden durch ein sehr farbenfrohes Plakat, auf dem ein attraktiver Stewart Granger zu sehen ist, der bereits einigen anderen britischen Filmen Profil gegeben hat.

Gefährliche ReiseBei der Londoner Gainsborough, die unter den Fittichen des mächtigen J. Arthur Rank steht – Rank ist mit seinem Mischkonzern finanziell in  Filmproduktionen involviert und betätigt sich auch als Super-Verleiher –, hat Granger bereits in den Filmen „Der Herr in Grau”, „Cornwall Rhapsodie”, „Die Madonna der sieben Monde” sowie „Gaslicht und Schatten” gespielt, bei einer anderen Firma wird er in „Caesar und Cleopatra eingesetzt.

Die Gainsborough hat sich seit einiger Zeit auf Kostümfilme spezialisiert, da diese in England Mitte der Vierziger Jahre beim weiblichen Publikum sehr beliebt sind und viel Geld in die Kinokassen spülen. Doch bald nach dem Ende des Krieges lässt das Interesse an dieser meist nur schwer verdaulichen Kost wieder nach. Noch ehe man sich in den Studios auf andere Stoffe orientiert, muss Granger nach dem gleichen Strickmuster noch einen Part in Gefährliche Reise (und danach in „Paganini”) spielen, ehe er bald danach in Richtung Hollywood abdampft. Gefährliche Reise weiterlesen