Weißes Gift

Illustrierte Filmbühne Nr. 1103 (E. S.) – Ein amerikanischer Freund ist höchst irritiert. In den Zeitungen liest er Berichte über den Hitchcock-Film Weißes Gift, und da ist von einem Rauschgift-Drama die Rede – er selbst aber hat den Film in den USA bereits gesehen und schwört Stein und Bein, es gehe nicht um irgendwelche Dealer, sondern um Nazi-Spione und um die Jagd nach Uran.

Nachforschungen ergeben, dass der Freund recht hat. Die deutschen Zeitungen haben jedoch von der Manipulation keine Ahnung. In einer Frankfurter Tageszeitung ist im September 1951 die Version zu lesen, dass es sich bei Ingrid Bergman um eine kratzbürstige „Wildkatze” handelt, bei Cary Grant um einen schlichten Detektiv und bei Claude Rains um einen gefährlichen Rauschgiftkönig. „Zwischen ihnen spielen sich dialoggeladene Seelenkämpfe ab, die am Rande des weißes Giftes üppig gedeihen”, schreibt der getäuschte Filmkritiker. Es ist die Rede von Hass, Liebe, Kriminalität und Psychologie. Tatsächlich aber hat der Verleih den Film für die deutschen Zuschauer gefälscht. Aus Nazispionen sind internationale Rauschgiftschmuggler geworden. Der Grund für den Schwindel ist politischer und wirtschaftlicher Natur: Wie in vergleichbaren anderen Fällen auch (z. B. „Casablanca”) will der Verleih die deutschen Zuschauer nicht mit der eigenen düsteren Vergangenheit konfrontieren, natürlich auch in Erwartung auf gut gefüllte Kinokassen. Weißes Gift weiterlesen

Die Nacht vor der Hochzeit

Illustriertes Filmprogramm/Odlas, Wien (E. S.) – Dieser Schwarzweiß-Film ist ein Klassiker der amerikanischen Screwball-Comedys der 30er und 40er Jahre, vollgepackt mit subtiler Gesellschaftskritik, witzigen und hintergründigen Dialogen und einer glanzvoller Besetzung. Der Film startet in der Bundesrepublik am 7. Februar 1950, der Autor sieht ihn im Laufe des Sommers in den Harmonie-Lichtspielen in Frankfurt-Sachsenhausen. 

Die-Nacht-vor-der-HochzeitSeltsamerweise ist zu diesem Streifen in Deutschland kein Filmprogramm-Heft erschienen; in Österreich ist jedoch eine Ausgabe des „Illustrierten Filmprogramms“ (siehe Bild) produziert worden. Obwohl 1950 vor allem so genannte leichtere Kost in den Kinos bevorzugt wird, ist die US-Komödie entweder bei der Planung der Filmbühne übersehen worden oder die Presseabteilung der MGM hat den Start des Films verschlafen. Immerhin gibt es wöchentlich mehrere Premieren und deutsche Streifen haben in dieser Zeit Hochkonjunktur. Film des Jahres in der Bundesrepublik ist zum Beispiel der Heimatfilm »Schwarzwaldmädel« mit Sonja Ziemann und Rudolf Prack in den Hauptrollen. Die „Illustrierte Filmbühne“ verkauft Hunderttausende von Programmheften zu dieser Heimatschnulze. Überhaupt finden in diesen Monaten gesellschaftliche Ereignisse großes Interesse. Die Wahl der ersten Miss Germany, die Verlobung des Schahs von Persien mit der Fürstentochter Soraya oder die Heirat des ehemaligen Hollywood-Kinderstars Liz Taylor mit dem Erben des Hotelimperiums Hilton sind wichtige Themen in der Regenbogen-Presse. Wahrscheinlich spielt auch politische Situation eine Rolle. In der Bundesrepublik steht die Wiederbewaffnung auf der Tagesordnung, international droht der Korea-Konflikt. Von diesen Dingen haben die Menschen genug. Heile Welt ist ihnen da lieber. Die Nacht vor der Hochzeit weiterlesen

SOS – Feuer an Bord

Illustrierte Filmbühne Nr. 841 (E. S.) – Wieder einmal bin ich im Filmpalast an der Konstablerwache in Frankfurt zu Gast: Es ist der 12. November 1950 und gezeigt wird hier ein Abenteuerdrama, das in Südamerika spielt, und eine mehr oder weniger in sich geschlossene Männergesellschaft porträtiert, die allerdings von zwei Frauen ein wenig durcheinander gewirbelt wird. SOS – Feuer an Bord heisst das Ganze und ist gelegentlich auch unter dem Titel Flugpioniere in Not in den Kinos zu sehen.

SOSDer Film trägt klar erkennbar die Handschrift von Howard Hawks, der seiner bekannten Leidenschaft für’s Fliegen freien Lauf lässt. Gleichwohl wirken einige Szenen mehr als zwiespältig. Wenn sich die raubeinigen Yankee-Piloten in den Anden wie Kolonialisten aufführen, mag das noch verzeihlich sein, wenn sie jedoch einen geradezu kindischen Ehrenkodex von so genannter „Kameradschaft“ zelebrieren, der sie dann auch „ungerührt in den sicheren Tod fliegen lässt”, wie der Hayworth-Biograf Gerald Peary später einmal formulieren wird, ist das mehr als infantil. Wir Kinobesucher mögen im Jahr 1950 kaum glauben, dass sich verantwortungsvolle Piloten – zum Beispiel all jene  amerikanischen Soldaten und Piloten, die bei der Luftbrücke von Westdeutschland aus nach West-Berlin von Juni 1948 bis August 1949 im Einsatz waren, so verhalten haben wie diese Männer. Oder doch? Täuschen wir uns vielleicht?

Trotz dieser Einschränkung zum „Fliegerlatein“ überwiegen die spannenden Momente. Jeff Carter (Cary Grant) gibt den hartgesottenen Besitzer einer Fluglinie in den Bergen, wo nicht nur bei Starts und Landungen ständig Gefahren lauern. Angriffe von Kondoren, unerwartete Motorschäden und natürlich das plötzliche „Feuer an Bord”: das alles sind beklemmende Ereignisse. Aber als der Flieger Kidd Dabb (Thomas Mitchell) nach einem Absturz mit seinem Leben bezahlt, wird von den anderen nur kurz innegehalten, denn: Das Leben geht schließlich weiter… SOS – Feuer an Bord weiterlesen

Ich war eine männliche Kriegsbraut

Illustrierte Filmbühne Nr. 695 (E. S.) – Als der Centfox-Film Ich war eine männliche Kriegsbraut am 21. April 1950 im „Metro im Schwan“ in Frankfurt Premiere hat, will ich unbedingt dabei sein. Immerhin ist die groteske Roadmovie-Groteske in den Regionen Rhein-Neckar und Rhein-Main gedreht worden. Grund genug, sich schon am ersten Tag ins Kino zu setzen.

Mänliche KriegsbrautDie Außenaufnahmen sind von Regisseur Howard Hawks und seinen Mitarbeitern  auf dem Neckar bei Heidelberg , im nördlichen Kraichgau sowie auch in Schwetzingen, Mannheim und Frankfurt am Main aufgenommen worden. Weil ich die Dreharbeiten aufgrund einer Abwesenheit verpasse, – sonst bin ich möglichst immer dabei, wenn in Frankfurt Filmaufnahmen gemacht werden –, will ich nun doch im Kino einen Blick auf die Stadt werfen, werde aber enttäuscht, weil die einzelnen Schauplätze kaum zu erkennen sind. Die Frankfurter Szene ist nur kurz und unauffällig und selbst für Alteingesessene kaum wahrnehmbar. Immerhin entschädigt der Film dann für dieses entgangene Vergnügen. Es ist eine witzige übermütige Parodie auf den Bürokratismus beim amerikanischen Militär geworden. Am eigenen Leib erfahren hat dies der französische Offizier Henri Rochard, der nach seiner Einreise in die Vereinigten Staaten und nach seiner Heirat seine kuriosen Erlebnisse mit der Militärbürokratie aufgeschrieben hat. Ich war eine männliche Kriegsbraut weiterlesen

Nur meiner Frau zuliebe

Illustrierte Filmbühne Nr. 674 (E. S.) – Die Frankfurter Innenstadt ist durch die Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges völlig zerstört, die Trümmerberge aber sind 1950 weitgehend beseitigt. Doch es gibt Streit zwischen Einwohnern, Politikern und Städteplanern über den zukünftigen Weg. Einige wollen die alten Straßen und Gassen wieder aufbauen, andere plädieren für einen Neuaufbau.

Nur meiner Frau zuliebeDoch weil der Streit nicht so schnell und ohne weiteres beigelegt werden kann, wird zunächst einmal ein Baustopp für die ganze Innenstadt verhängt. Das verschlimmert die Wohnungsnot der Bevölkerung und ruft manche Spekulanten auf den Plan, die auch noch von einem Gesetz profitieren, das Bauherren die Möglichkeit einräumt, von ihren zukünftigen Mietern so genannte „Baukosten-Zuschüsse“ zu kassieren. Zwar soll dieses Geld über die Mietabrechnung zurückgezahlt werden, aber dabei geht nicht immer alles korrekt zu. Doch nicht nur die Kriegsverlierer in Deutschland haben mit Wohnungsnot zu kämpfen, auch bei den Siegern im fernen Amerika ist der Wohnraum – vor allem in den Metropolen – äusserst knapp bemessen. In New York wohnt zum Beispiel der Werbetexter Jim Blandings (Cary Grant) mit seiner Familie in einer mehr als kleinen, engen Wohnung, in der sich alle gegenseitig über den Haufen rennen. Irgendwann hat Blandings die Nase voll von dem Getümmel und erwirbt ohne nachzudenken, ein Haus auf dem Land. Nur meiner Frau zuliebe, wie er sich selbst einredet. Nur meiner Frau zuliebe weiterlesen

Tag und Nacht denk‘ ich an Dich

Illustrierte Filmbühne Nr. 608  (E. S.) –Es ist natürlich völlig widersinnig, in einem biografischen Film über eine bekannte Persönlichkeit wirklich die historische Wahrheit erfahren zu wollen. Eine korrekte Schilderung wäre langweilig und würde kaum ein ausreichend interessiertes Publikum finden. Deshalb wird auch in Tag und Nacht denk’ ich an Dich – der Film wird als die Lebensgeschichte des legendären Musical-Komponisten Cole Porter vermarktet –  an fast allen Ecken und Enden (und ganz offenherzig) geschummelt.

Tag und NachtCole Porter hat Cary Grant, den Darsteller seiner Person höchstpersönlich ausgesucht, aber nicht nur, um den finanziellen Erfolg des Films abzusichern. Mit dieser Wahl schafft er nämlich auch von sich selbst ein Bild, das in Wirklichkeit dem Charmeur Cary Grant gehört. Dass im übrigen die Warner-Produzenten, Drehbuchschreiber und der Regisseur Michael Curtiz es mit der historischen Wahrheit nicht ganz genau nehmen, ist durchaus gewollt, und wird auch von Porter selbst bestätigt, der nach der Premiere in New York im Juli ’46 sinngemäß sagt, in dem Produkt könne schon deshalb nichts stimmen, weil ja schließlich ein guter Film herauskommen sollte. Diese Erwartung erfüllt sich zwar nicht ganz, aber ein Publikumserfolg ist es allemal. Im übrigen aber zählt am Ende ohnehin nur die musikalische Wahrheit, nicht aber die filmische Vermarktung.

Jenseits aller Manipulationen gehören die Musicals „Kiss me Kate”(„Küss mich Kätchen”) und „Silk Stockings” (Seidenstrümpfe oder Ninotschka) zu den großen, unvergessenen Werken Porters. Auch die Evergreens „Night and Day”, „Begin the Beguine” und „True Love” (in dem Film „Die oberen Zehntausend”) sind in bleibender Erinnerung. Tag und Nacht denk‘ ich an Dich weiterlesen

Verdacht

Illustrierte Filmbühne Nr. 1 (M. F.) – Ende des Jahres 1946 läuft in den drei westlichen Besatzungszonen der amerikanische RKO-Film Verdacht an. Es ist einer der ersten Filme von Alfred Hitchcock in den USA und ab 9. März 1947 ist er auch im Offenbacher Gloria-Theater zu sehen.

VerdachtDie Hauptdarsteller sind Cary Grant und Joan Fontaine. Zu dieser Zeit sind die beiden hierzulande noch unbekannte Größen, was sich allerdings sehr bald ändern wird. Höchst interessant ist dabei vor allem, dass der bekannte Filmprogramm-Verlag von Paul Franke (Berlin, später München) zu diesem Psycho-Thriller das erste Exemplar der Reihe „Filmbühne”, die einige Zeit später als „Illustrierte Filmbühne” reüssieren wird, auf den Markt bringt. Sage und schreibe weitere 8068 schöne Exemplare werden noch folgen.

Der Film ist nebenbei bemerkt auch einer der ersten, die nach dem Krieg in der amerikanischen und britischen Zone in deutscher Sprache gezeigt werden, was natürlich bei den potentiellen Zuschauern die Lust erhöht, ins Kino zu gehen. Die deutschen Schauspieler Axel Monjé und Viktoria von Ballasko leihen den US-Stars dabei ihren Stimmen. Verdacht weiterlesen