Wiener Geschichten

Illustrierte Filmbühne Nr. 1048 und Filmkurier Nr. 3107 (E. S.) – In der Nachkriegszeit eröffnen in Frankfurt am Main zahlreiche Caféhäuser ihre Pforten. An die flüsterleise Stimmung in solchen Tortentempeln werde ich erinnert, als ich den Film Wiener Geschichten sehe, in dem es um die spezielle Wiener Caféhaus-Stimmung geht.

Wiener Geschichten - nDiese besondere Wiener Atmosphäre ist natürlich nicht in eine Stadt wie Frankfurt zu übertragen, aber immerhin wird das neuartige „Wipra” zwischen Hauptwache und Römer in dieser Zeit zu einer Attraktion. Das im Erdgeschoss eines Trümmerhauses eingerichtete Etablissement nennt sich „Café der Tierfreunde”. Es gibt dort ein Papageien-Zimmer, einen Wintergarten mit Aquarien sowie Pinselohräffchen und Schimpansen zwischen all den geschäftigen oder ausruhenden Menschen. Auch alte Frankfurter Cafés haben den Betrieb wieder aufgenommen wie das dem Wipra gegenüberliegende Café Liebfrauenberg. Ende März 1950 eröffnet Heinrich Adam, bestens bekannt als Besitzer des alten Café Schneider an der Neuen Kräme, sein neues Domizil in der Kaiserstraße 12 (damals vorübergehend Friedrich-Ebert-Straße).

Direkt an der Hauptwache errichtet das traditionsreiche Berliner Kranzler eine Filiale. Das ist alles erfreut die Menschen, aber den berühmten Wiener Schmäh‘ sucht man natürlich vergebens. Den findet man dann eher im Film Wiener Geschichten, der auch durch Schlager wie „Der Wiener braucht sein Stammcafé“ und „Ja, das sind halt Wiener G’schichten“ Aufmerksamkeit erregt. Wiener Geschichten weiterlesen

Jetzt schlägt’s 13!

Illustrierte Filmbühne Nr. 884 (E. S.) – Was am Anfang der Fünfziger Jahre aus deutscher oder österreichischer Produktion in die Kinos kommt, ist mehr als durchschnittlich; Unverbindliches ist an der Tagesordnung, leichte Kost wird wöchentlich neu angerichtet. Es hat auch mit der schwierigen finanziellen Situation der Filmwirtschaft zu tun, zumal viele branchenfremde Geldgeber investieren und natürlich Profit machen wollen.

Jetzt schlägt's 13Unter kommerziellen Umständen sind Lustspiele besonders populär – sowohl bei den Produzenten als auch bei vielen  Theaterbesitzern. Und das Publikum, das den Krieg zu vergessen (und zu verdrängen) beginnt, lässt sich gerne auf diese nette Weise unterhalten. Als dann im Mai 1951 im Frankfurter Turmpalast das Lustspiel Jetzt schlägt’s 13 gestartet wird, ist an den ersten Tagen der große Saal gut besetzt. Das hat auch mit den Darstellern zu tun. Hans Moser und Theo Lingen sind das „Komiker-Traumpaar” in deutschen oder österreichischen Filmen. Sie haben in zahllosen Streifen schon in den Dreissiger und Vierziger Jahren zusammen gespielt. Darunter in „Himmel auf Erden”, „Rosen in Tirol”, „Sieben Jahre Pech”, „Sieben Jahre Glück”, „Wiener Blut” –  um nur einige wenige zu nennen.

In diesem Film geben sie wieder ein kongeniales Duo. Theo Lingen als entlassener Diener Max sieht in seinem Nachfolger Ferdinand (Hans Moser) einen steckbrieflich gesuchten Verbrecher; dieser glaubt das gleiche von Max und so entsteht bei ihren gegenseitigen Verdächtigungen und der Detektiv-Spielerei ein heilloses Durcheinander – ganz im Sinne eines lachbegierigen Publikums. Jetzt schlägt’s 13! weiterlesen

Der Theodor im Fußballtor

Illustrierte Filmbühne Nr. 775 (© E. S.) Im Jahr 1949 führt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den so genannten Vertragsspieler ein. Erstmals dürfen Fußballvereine den Spielern der Oberligen eine Vergütung zahlen, was sehr verschämt als „Entschädigung” bezeichnet wird. Richtiger Profifußball bleibt aber nach wie vor verpönt. Die Bezahlung selbst ist eher ernüchternd. Richard Herrmann vom FSV Frankfurt – immerhin bereits ein angehender deutscher Nationalspieler – erhält zum Beispiel in einem Monat mit Grundgehalt, einer „Aktivitätszulage” und Prämien gerade 360 Mark. Nach dem üblichen Abzug von Lohn- und Kirchensteuer bleiben ihm netto 339,05 DM.

TheodorDiese  neuen „Vertragsspieler” oder auch die allgemeine Situation im Fußballsport spielen in Der Theodor im Fußballtor jedoch keine besondere Rolle. Denn es geht hier nicht um finanzielle Aspekte, Gehälter oder zusätzliche Prämien, sondern nur um Liebesgeschichten und Heiratssachen. Der Fußball ist in dem Film nur Staffage. Der in seine tüchtige Sekretärin verliebte Inhaber eines kleinen Reisebüros (Theo Lingen) – zugleich begeisterter Hobby-Kicker – sieht  in seinem Vereinskollegen Theo Haslinger jr. (Josef Meinrad) einen gefährlichen Rivalen um die Gunst der angebeteten Charlotte (Charlott Daudert). Die Spannung zwischen beiden wirkt sich negativ auf die ganze Mannschaft aus. Haslingers Vater (noch so ein Theodor) und zugleich Klub-Chef (Hans Moser) hat seinen Sohn aus diesem Grund aus dem Tor verbannt und dessen Liebeskonkurrenten aus dem Reisebüro – einen gelernten Feldspieler –  in den Kasten gestellt.

Doch irgendwie kommt alles zu einem guten Ende. Der junge Haslinger kehrt ins Tor zurück, Lubitz versucht sich lieber wieder als Mittelstürmer und verzichtet zu Gunsten von Haslinger. Bis zu diesem glücklichen Ende gibt es viel Krach im Haus Haslinger: Versöhnung, Trennung, Tränen und Versöhnung. Der Theodor im Fußballtor weiterlesen

Der Millionär

Illustrierte Filmbühne Nr. 322  (E. S.)  – Einer der ersten Filme, die 1947 in die Lichtspielhäuser kommen, ist eine deutsche Komödie: sie heisst knapp Der Millionär. Das Lustspiel handelt von dem Postboten Leopold Habernal, der nach einer Erbschaft zum reichen Mann wird, aber entgegen aller Erwartungen seiner Mitmenschen weiter unverdrossen seine Postsendungen austrägt. Es ist das Hohelied vom braven Mann.

Der MillionärIn den ersten Monaten nach dem Krieg beschäftigen also nicht nur zahlreiche „Trümmerfilme” die eifrigen deutschen Filmemacher, es wird auch schon wieder recht emsig am Lustspiel-Genre gearbeitet – wenn in diesem Fall auch nur indirekt. Denn es handelt sich bei diesem belanglosen Streifen nicht um eine Nachkriegsproduktion, sondern um einen Überhang-Film aus der Zeit vor der deutschen Kapitulation. Die Münchener Bavaria hat das Stück von November 1944 bis in den Januar 1945 gedreht, für eine Uraufführung reicht es in den letzten Kriegsmonaten nicht mehr. Die Defa in Ost-Berlin vollendet den Streifen, danach genehmigen die Besatzungsbehörden aller Zonen die Vorführung, darunter auch in Frankfurt.

Der Film wirkt freilich irgendwie recht ambivalent. In der Nazi-Zeit, als ganz Europa schon in Schutt und Asche versunken ist, soll diese mehr als seichte Unterhaltungsware die Menschen zum Durchhalten animieren, zwei Jahre später dient er unter anderen politischen Voraussetzungen dazu, der Bevölkerung das schwierige Leben im Deutschland der Nachkriegszeit wenigstens filmisch zu versüßen. Der Millionär weiterlesen

Der Hofrat Geiger

Illustrierte Filmbühne Nr. 302  (E. S.) – Der südliche Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen hatte seit vielen Jahren zwei Lichtspielhäuser: Die Harmonie in der Dreieichstraße am Lokalbahnhof und das „Wall“ – nur wenige hundert Meter entfernt in der Wallstraße. Nach dem Krieg aber boomt das Kino-Geschäft und so entstehen schnell weitere Spielstätten. Als drittes Lichtspieltheater im Süden der Stadt beginnt die Filmbühne im früheren Schwanthaler Hof in der Nähe der Schweizer Straße Anfang März 1949 ihren Betrieb.

Der Hofrat GeigerFilm-Lustspiele haben zu dieser Zeit durchaus ihre belebende Konjunktur, wollen die Menschen doch ihre Alltagssorgen möglichst schnell verdrängen. Und immerhin gibt es in dieser Hinsicht positive Nachrichten. Ab 1. März wird in den drei westlichen Besatzungszonen die Fleischration  m 100 Gramm auf 500 Gramm (monatlich!) erhöht. Zugleich wird in Teilen der britischen Zone die Rationierung von Tabak aufgehoben. Zu solchen Meldungen passen heitere Leinwand-Erlebnisse wie etwa der österreichische Spielfilm Der Hofrat Geiger mit Paul Hörbiger, Maria Andergast, Hans Moser und Waltraud Haas. Neben dem Herr Hofrat steht dabei vor allem die blutjunge Mariandl im Mittelpunkt, und immer wieder wird in der Filmhandlung der gleichnamige Schlager intoniert, der – lieblich vorgetragen von Maria Andergast – schon seit der Wiener Erstaufführung 1947 in den Radios mächtig Furore macht und  vielen kleinen Mädchen den Vornamen Marianne einträgt. Obwohl der Film eher seicht daherkommt und viel gezielte Werbung für die Wachau betreibt, hat er auch noch einen interessanten politischen Aspekt. Der Hofrat Geiger weiterlesen

Schrammeln

Illustrierte Filmbühne Nr. 39  (E. S.) – Schon bald nach dem Ende des Weltkrieges haben in Frankfurt wieder zahlreiche Weinstuben in den Trümmern der Stadt geöffnet. Riart’s Bodega” am Dom ist eine erste Adresse, in der Petersstrasse empfängt das kleine „Juliette” seine Gäste, der „Brückenkeller” an der Obermain-Brücke kredenzt „gepflegte Weine und Unterhaltungsmusik”, in derReblaus in Sachsenhausen klimpert ein immer übertrieben gut aufgelegter Mann sowohl rheinische Schunkel-Lieder als auch Wiener Heurigen-Melodien.

SchrammelnUnd überall in diesen Lokalen – noch ist das knappe Angebot an Speisen und Getränken überschaubar –  ist auch ein kräftiger Schuss Schrammel-Musik dabei. Sie steht unsichtbar auf den noch dürftigen Speisenkarten. Doch was ist das nun eigentlich, diese Schrammel-Musik? Sie gilt Ende des ausgehenden 19. Jahrhunderts als typische Wiener Volksmusik und erhält ihren Namen nach den Geigen spielenden und auch selbst komponierenden Brüdern Johann und Josef Schrammel. Die beiden haben zusammen mit Anton Strohmayer (Gitarre) und Georg Dänzer (Klarinette) ganz Wien im Sturm erobert. Die Männer gelten neben Johann Strauß (Vater und Sohn) als wichtige Repräsentanten der leichteren Musik in Österreich. Deshalb ist es unvermeidbar, dass aus ihrer Lebensgeschichte der Film Schrammeln gemacht wird. Neben dem beachtlichen musikalischem Erfolg werden auch frühere finanzielle Not und  Streitigkeiten zwischen den Beteiligten ausgiebig abgebildet. Als der Film in den Harmonie-Lichtspielen gezeigt wird, strömt das Publikum in Scharen in’s Kino. Die gespielte Musik ist so recht nach dem Geschmack der Menschen in der Nachkriegszeit, um bei gefühlsduseligen Weinliedern Not und Elend der vergangenen Jahre zu vergessen. Schrammeln weiterlesen

13 Stühle

Illustrierter Filmkurier Nr. 2840 ( E. S.) – Die reisenden Wanderkinos sind in den 30er und 40er Jahren meist kleine Familienunternehmen, die ihren Ursprung in Zirkuszelten haben, meist mit einem Last- oder Lieferwagen über die kleinen Dörfer tingeln und den Einwohnern ein wenig Aufheiterung in den meist tristen, dörflichen Alltag bringen. In dem winzigen Ort Reichenborn (Westerwald) kommen auf diese Weise beim Lustspiel 13 Stühle viele Dorfbewohner und Evakuierte in Berührung mit den Komikern Heinz Rühmann und Hans Moser. Der Krieg tobt, und es gibt immer noch Unterhaltung dieser Art. Irgendwie ist es komisch. 

13 StühleBeim reichsten Bauern des Dorfes steht eine große Scheune, die für Feste aller Art genutzt wird: Tanzabende, Versammlungen – und sie dient auch dem Wanderkino als Vorführsaal. Ein altes und bereits ziemlich klappriges Auto mit Holzvergaser rumpelt über die holprige Straße auf den Hof; eine Leinwand wird ausgeladen und schnell aufgestellt, Lautsprecher und dazu ein 16-Millimeter-Projektor installiert. Es ist ein Sonntag im wahrhaft sonnigen Frühjahr 1945, die Alliierten sind im Sommer zuvor bereits an der Küste der Normandie gelandet, aus den Volksempfängern tönt nach den Berichten „über die Lage“ vor allem Schlagermusik, so als sei die Welt durchaus noch in Ordnung. Doch das tägliche Brot der aus der Stadt Geflüchteten hieß bisher Fliegeralarm, Entwarnung, Bunker, Brand- und Sprengbomben, Hunger und viel Angst.

Nach mehrtägigen, schweren Fliegerangriffen im März 1944 sind viele „Ausgebombten” aus Frankfurt nach Reichenborn evakuiert worden. Doch auch die Kinder spüren – obwohl es hier vorerst noch einigermaßen ruhig zugeht – das Kriegsende nahen. Auf der etwas entfernten Landstraße ziehen Kolonnen von deutschen Militärfahrzeugen vorbei, eindeutig auf dem Rückzug, am Frühlingshimmel transportieren amerikanische und britische Fliegerbände ihre tödliche Last in die Großstädte. Und nun also als Abwechslung der Kinotag. 13 Stühle weiterlesen