Blutsfeindschaft

Illustrierte Filmbühne Nr. 962 (E. S.) – Mit politischen Tyrannen und Herrschern haben wir genug zu tun gehabt in den vergangenen Jahren, und auch in einer Familie der Nachbarschaft habe ich einen kleinen Despoten erlebt – soll ich mir also diesen Film ansehen, bei dem es genau um dieses Thema geht und der Anfang November 1951 im Frankfurter Roxy anläuft? Das Kinos in der Innenstadt ist eher für Gangsterfilme Thriller, Krimis oder Western bekannt. Und jetzt ein Drama? Ich gehe trotzdem…

BlutsfeindschaftUnd werde auch nicht enttäuscht. Spannung und Dramatik sind eben doch nicht nur in Krimis oder Western zu erleben, auch in eher „seriösen“ und gut gemachten Streifen wird oft exzellente Unterhaltung geboten. Dabei ist die Geschichte nicht einmal so ungewöhnlich. Der italienische Einwanderer Gino Monetti (Edward G. Robinson) macht als Bankier eine steile Karriere in New York. Der frühere Barbier ist rücksichtslos und tyrannisch, aber gerade das ermöglicht ihm den steilen gesellschaftlichen Aufstieg. Auf der Strecke bleibt seine Familie, die er unbarmherzig seinem despotischen Willen unterwirft. Nur der Freigeist Max (Richard Conte), einer seiner vier Söhne und Rechtsanwalt, lässt sich nicht „unterbuttern“, fühlt sich frei und unabhängig und ist vielleicht deshalb der einzige, den sein Vater nicht wie einen ABC-Schützen schulmeistert. Joe, Petro und Toni (Luther Adler, Paul Valentine, Efrem Zimbalist jr.) dagegen sind die „Sklaven“ des hasserfüllten Vaters. Doch auch Max ist abhängig von seinem Vater, wenn auch auf andere Art. In gewisser Weise ist auch er ihm hörig, denn als die dunklen Geschäfte seines Vaters aufzufliegen drohen, nimmt er die Schuld auf sich, schwört sogar einen Meineid und muss mehrere Jahre ins Gefängnis. Während er seine Strafe verbüsst, stirbt sein Vater und die drei anderen Söhne leiten nun im Auftrag der Mutter die Bankgeschäfte. Blutsfeindschaft weiterlesen

Hafen des Lasters

Illustrierte Filmbühne Nr. 698 (E. S.) – Als ich im Jahr 1951 in den Harmonie-Lichtspielen in Frankfurt-Süd den Spielfilm Hafen des Lasters sehe, werde ich an einen vierwöchigen Besuch in Hamburg erinnert. Meine Bekannten haben sich einen Spaß daraus gemacht, mich trotz meines jugendlichen Alters auf die Reeperbahn zu schleppen und mir dort genüsslich die „sündigste Meile der Welt” vorzuführen.

HafenTrotz leichter Beklemmungen hat mich das Vergnügungsviertel in St. Pauli fasziniert. Die „verruchte” Atmosphäre mit den glitzernden, tanzenden Lichtern, die laute Musik, die düsteren Kneipen, und die vielen Tanzetablissements sind mir ebenso in guter Erinnerung geblieben wie der sehr verstohlene Blick zu den leicht bekleideten Frauen in der Herbertstraße. Aber auch der nahe Hafen, in dem die Frachter aus aller Welt ihre Ladung löschen, die gewaltigen Kräne an den Kais, das hektische Treiben der Hafenarbeiter, die abgemusterten und vorübergehend  arbeitslosen Seemänner auf dem Weg von den Schiffen zum Hamburger Kiez – das sind doch sehr beeindruckende Bilder.

Ähnliches erwarte ich natürlich von einem Film, der als Hafen des Lasters firmiert. Doch von einem Hafen nach St. Pauli-Muster ist nichts zu sehen, der von der Verleihfirma Warner Bros. für Deutschland gewählte Titel für den Gangsterstreifen ist schlicht irreführend. Das amerikanische Original mit der knappen Ortsbezeichnung Key Largo ist treffender und präziser, noch besser ist der spätere Fernseh-Titel Gangster in Key Largo. Hafen des Lasters weiterlesen

Frau ohne Gewissen

Illustrierte Filmbühne Nr. 690 (E. S.) – Kriminalität existiert in vielen Facetten. Raub, Diebstahl, Betrug, Mord, Korruption – und das sowohl in der Wirklichkeit wie auch im Kino. Auf der Realität beruht jedenfalls eine Meldung von Ende September 1950, der zufolge ein gewisser William O’Brien, Polizeidirektor von New York, zurücktreten muss, weil einige seiner korrupten Beamten der Dienststelle Bestechungsgelder in Millionenhöhe kassiert haben; erfunden ist dagegen der Film Frau ohne Gewissen, der allerdings durchaus auch der Wirklichkeit entsprungen sein könnte.

Frau ohne GewissenIm wahren Leben hat die Jagd nach dem großen Geld schon immer viele schwach werden lassen wie der Bestechungsfall von New York zeigt. Gleiches wird von den Film-Traumfabriken in Hollywood angeboten, doch dort begnügt man sich in der Regel nicht mit Bestechung oder Diebstahl. Mord und Totschlag sind die bevorzugten Themen wie auch Frau ohne Gewissen zeigt. Eine skrupellose Frau, ein Mann, der sich aus falsch verstandener Liebe in einen Mord verstricken lässt und ein väterlicher Versicherungschef bilden die Zutaten zu diesem Film, den ich im September 1950 – passend zu der aktuellen Meldung über die New Yorker Bestechungsaffäre – im Frankfurter Kino Roxy zu sehen bekomme. Schlichte Bestechung spielt in dem Streifen von Paramount freilich keine Rolle; es geht zunächst nur um Versicherungsbetrug und endet schließlich mit Mord in übelster Form.

Phyllis Dietrichson zieht in diesem „Tanz um das Goldene Kalb“ die Fäden. Der Film wird als lange Rückblende gezeigt. Der eigentlich biedere und harmlose Walter Neff (Fred MacMurray), ein Durchschnittsbürger und Versicherungsmensch, spricht gleich zu Beginn – von einer schweren Schussverletzung gezeichnet – ein umfangreiches Geständnis auf Tonband. Es ist eine Beichte für seinen Freund und Vorgesetzten Barton Keyes (Edward G. Robinson). Frau ohne Gewissen weiterlesen

Die Nacht hat tausend Augen

Illustrierte Filmbühne Nr. 599 (E. S.) – Die Stadt Frankfurt ist zwar nicht zum  westdeutschen Regierungssitz gewählt geworden, gilt jedoch im Jahr 1950 wenigstens als die richtige „Hauptstadt” der US-Verleiher. Die amerikanischen „Major Companies” (MGM, Warner Bros., 20th Century Fox, Paramount, Columbia, Universal RKO und United Artists) haben nach Gründung der Bundesrepublik und DDR sowie der politischen Entwicklung um West-Berlin ihre Quartiere gleich mal  „sicherheitshalber” rund um den Hauptbahnhof aufgeschlagen. Gleichwohl werden viele Filme später als anderswo in die Premierenkinos gebracht. 

1000AugenDas erscheint seltsam, hat aber Gründe. Denn obwohl es zu dieser Zeit mit dem Metro im Schwan, Turmpalast, der Scala, Filmpalast, Bieberbau, Luxor, Eden und Roxy viele Premierenkinos in Frankfurt gibt, entsteht beim reichhaltigen Angebot doch ein  „Stau”. Außerdem sind die Theaterbesitzer vertraglich verpflichtet, bei hoher Zuschauerzahl die Filme um eine, zwei oder gar drei Wochen zu verlängern, was die Konkurrenz auf die Palme bringt, pochen die doch ihrerseits auf fest gebuchte Aufführungstermine. Das birgt einigen Zündstoff in sich und sowohl die Kinos als auch die Verleiher liefern sich deshalb manches Scharmützel. Auch der Film Die Nacht hat tausend Augen findet nach seinem bundesweiten Start an Weihnachten 1949 erst neun Monaten später (am 25. August 1950) den Weg nach Frankfurt. Kurioserweise ist die Zentrale der Paramount, die den  Streifen vermarktet, nur knapp zwei Kilometer Luftlinie vom Roxy-Kino entfernt, das den Film in Erstaufführung zeigt. Die Nacht hat tausend Augen weiterlesen

Der Seewolf

Illustrierte Filmbühne Nr. 295  (E. S.) – In den Scala-Lichtspielen in Frankfurt am Main startet an Weihnachten 1949 der Warner-Spielfilm Der Seewolf nach dem Roman von Jack London. Die Werbung verspricht „Piratenleben, Meuterei auf See, Sensationen und Abenteuer voller atemberaubender Spannung” und weist zusätzlich daraufhin, der Film basiere auf dem immerhin besten Roman des Abenteuerschreibers.

Der Seewolf Ein guter Grund, sich diesen Film anzusehen. Unter mehreren Filmen suchen meine Freunde und ich uns diesen Seewolf aus, der vor Jahren schon von Hollywoods viel beschäftigtem Zelluloid-Schuster Michael Curtiz in Szene gesetzt worden war. 97 Minuten lang werden die bösartigen Untaten des berüchtigten Kapitäns Wolf Larsen (Edward G. Robinson)  gezeigt, doch es ist letztlich doch nur ein Unterhaltungsspektakel. Der grausame Kapitän Wolf Larsen rettet bei seinen Reisen über See Schiffbrüchige nur deshalb, um sie auf seinem Schiff gefangen zu halten und brutal auszubeuten. Die Solidarität ist gering, jeder auf dem Schiff ist sich in seiner Not nur selbst der Nächste.. Der Seewolf weiterlesen