Du lebst noch 105 Minuten

Illustrierte Filmbühne Nr. 1160 (E. S.) – Eine neurotische und zudem gehbehinderte Frau liegt krank im Bett, sie ist allein in ihrem luxuriösem Haus, sie versucht ihren Mann im Büro zu erreichen… Ihre Dienerschaft hat sie weggeschickt, denn sie erwartet ihren Mann. Doch der kommt nicht. Sie ruft ihn im Büro an… Ein Knacken in der Leitung, unbekannte Männerstimmen besprechen einen Mordplan an einer einsamen Frau im Herzen von New York…

Du-neuFurcht breitet sich aus in ihr. Leona Stevenson (Barbara Stanwyck) hört gebannt zu, noch ahnt sie nicht, dass sie selbst gemeint sein könnte. Sie versucht, telefonisch auf den Mordplan aufmerksam zu machen, 105 Minuten lang, bei der Telefongesellschaft, bei der Polizei, bei ihrem Vater, bei ihrem Arzt – alles erfolglos. In diesem schlimmen Minuten erkennt sie in wachsender Verzweiflung, dass es um sie selbst geht, dass sie selbst das Opfer sein wird… Kurz vor 23.15, der verabredeten Mordzeit, hört sie Schritte auf der Treppe, der gedungene Mörder schleicht sich heran, um die Tat auszuführen, die ihr eigener Ehemann Henry (Burt Lancaster) selbst in Auftrag gegeben hat. Endlich gelingt es ihr, mit Henry zu sprechen, doch es ist zu spät, die Uhr tickt unbarmherzig ihrem Ende entgegen. Du lebst noch 105 Minuten weiterlesen

Entgleist

Illustrierte Filmbühne Nr. 1085 (E. S.) – Der Titel des Films „Entgleist“, der Anfang April 1951 im Frankfurter Roxy anläuft, ist doppeldeutig. Nicht nur ein Eisenbahnzug entgleist und bringt Leid über die Passagiere, sondern auch die Hauptfigur Helen Ferguson selbst – ohnehin schon mit diversen Problemen konfrontiert – wird aus ihrer Lebensbahn geworfen. 

EntgleistDas ist sechs Jahre nach Ende des Krieges in Deutschland – das tägliche Leben ist immer noch von manchen Mühen gekennzeichnet –, als Film nicht außergewöhnlich dramatisch, aber doch ähnlich dem, was manche Zuschauer selbst als eigene Schicksalsschläge haben verkraften müssen. Und aus diesem eigenem Erleben lässt sich manches besser verstehen. So auch bei diesem Drama, in dem Helen Ferguson (Barbara Stanwyck) – von ihrem brutalen Geliebten Stephan Morle (Lyle Bettger) im schwangeren Zustand verlassen und brutal gedemütigt –, im Zug die ebenfalls schwangere Patricia Harkness (Phyllis Thaxter) kennen lernt. Die junge Frau ist mit ihrem Mann Hugh (Richard Denning) auf der Reise zu dessen Familie. Helen Ferguson probiert gerade spaßeshalber den Ehering der anderen, als es zu einer Zugkatastrophe mit vielen Toten kommt. Wegen des Ringes an ihrem Finger wird sie für Patricia Harkness gehalten, die aber in Wirklichkeit mit ihrem Mann um’s Leben gekommen ist. Für Helen ergibt sich nun die Möglichkeit, mit der Identität von Patricia zu leben. Das wird begünstigt, weil niemand in der Familie Patricia Harkness zuvor gesehen hat. Entgleist weiterlesen

California

Illustrierte Filmbühne Nr. 783 (E. S.) _ Im Luxor-Filmtheater am Hauptbahnhof in Frankfurt ist Ende Oktober 1950 ein Wildwest-Film zu sehen, der die Grenzen des Genres in manchen Bereichen überschreitet und neben dem Goldgräber-Wahn auch noch  hintergründige, politische Ränkespiele aufzeigt und außerdem in mancher Beziehung wie ein Abziehbild deutscher Nachkriegsgeschichte wirkt.

CaliforniaAuch das ferne Kalifornien ist im Jahr 1848 ein prächtiges Dorado für Glücksritter jeder Art: viele korrupte und karrieresüchtige Politiker sind ebenso darunter wie arbeitsame Goldgräber. Und alles, was der Kinobesucher in California vorfindet, gehört zwar zur klassischen Ausstattung von Wildwest-Filmen jedweder Art: diverse Tanzbars und Spielhöllen, Saloons, leichte Mädchen, Trecks, Cowboys, Soldaten, Rinderbarone, Gold-Claims, Geldgier. Das alles ist dem Publikum hinlänglich bekannt. Doch der Film geht über die üblichen Klischees weit hinaus und thematisiert die vorhandene  gesellschaftliche Strukturen des Landes an der Westküste. In der Zeit kurz nach dem Krieg gegen Mexiko will fast jeder sein Schäfchen in’s Trockene bringen – ob es nun um die winzigen Nuggets geht oder um politische Macht, die Motive ähneln sich. Das wird auch im Film sichtbar.

Die meisten Menschen, die diesen zusammen gewürfelten Haufen bilden, plädieren für einen Anschluss des Landes an die Vereinigten Staaten, weil sie sich davon einen persönlichen Vorteil erhoffen. Die korrupte Oberschicht will Kalifornien jedoch selbst beherrschen und ihre Macht absichern. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. California weiterlesen

Frau ohne Gewissen

Illustrierte Filmbühne Nr. 690 (E. S.) – Kriminalität existiert in vielen Facetten. Raub, Diebstahl, Betrug, Mord, Korruption – und das sowohl in der Wirklichkeit wie auch im Kino. Auf der Realität beruht jedenfalls eine Meldung von Ende September 1950, der zufolge ein gewisser William O’Brien, Polizeidirektor von New York, zurücktreten muss, weil einige seiner korrupten Beamten der Dienststelle Bestechungsgelder in Millionenhöhe kassiert haben; erfunden ist dagegen der Film Frau ohne Gewissen, der allerdings durchaus auch der Wirklichkeit entsprungen sein könnte.

Frau ohne GewissenIm wahren Leben hat die Jagd nach dem großen Geld schon immer viele schwach werden lassen wie der Bestechungsfall von New York zeigt. Gleiches wird von den Film-Traumfabriken in Hollywood angeboten, doch dort begnügt man sich in der Regel nicht mit Bestechung oder Diebstahl. Mord und Totschlag sind die bevorzugten Themen wie auch Frau ohne Gewissen zeigt. Eine skrupellose Frau, ein Mann, der sich aus falsch verstandener Liebe in einen Mord verstricken lässt und ein väterlicher Versicherungschef bilden die Zutaten zu diesem Film, den ich im September 1950 – passend zu der aktuellen Meldung über die New Yorker Bestechungsaffäre – im Frankfurter Kino Roxy zu sehen bekomme. Schlichte Bestechung spielt in dem Streifen von Paramount freilich keine Rolle; es geht zunächst nur um Versicherungsbetrug und endet schließlich mit Mord in übelster Form.

Phyllis Dietrichson zieht in diesem „Tanz um das Goldene Kalb“ die Fäden. Der Film wird als lange Rückblende gezeigt. Der eigentlich biedere und harmlose Walter Neff (Fred MacMurray), ein Durchschnittsbürger und Versicherungsmensch, spricht gleich zu Beginn – von einer schweren Schussverletzung gezeichnet – ein umfangreiches Geständnis auf Tonband. Es ist eine Beichte für seinen Freund und Vorgesetzten Barton Keyes (Edward G. Robinson). Frau ohne Gewissen weiterlesen

Die Frau gehört mir

Illustrierte Filmbühne Nr. 2  (E. S.) – Im März des Jahres 1947 ist es noch immer kalt in Frankfurt, auch wenn das Schlimmste vorbei ist. Eine extreme Kältewelle hatte seit Dezember 1946 ganz Mitteleuropa umklammert. Die Temperaturen sind teilweise bis auf minus 30 Grad abgesunken, der Ärmelkanal ist fast völlig zugefroren, die Flüsse lange unpassierbar, der Frost greift bis zum Mittelmeer, Hunderte von Kälte-Toten werden registriert, die Monate Dezember, Januar und Februar werden in den Geschichtsbüchern fortan als „Hunger-Winter“ beschrieben.

Die Frau gehört mirDie rationierten Lebensmittel sind in diesen harten Tagen wieder knapper geworden, die zwei Tageszeitungen „Frankfurter Rundschau” und „Neue Presse” erscheinen wegen der geringen Papierzuteilung nur zwei- oder dreimal die Woche, aber in Frankfurt haben nach dem Krieg doch schon wieder 14 Kinos geöffnet. Schauburg und das Apollo in Bornheim, das Titania in Bockenheim, das Hansa und die Lichtburg in der Kaiserstraße am Hauptbahnhof, das Harmonie in Sachsenhausen, die Zoo-Lichtspiele im Ostend. Außerdem wird in den Stadtteilen Rödelheim, Höchst, Bonames, Eckenheim, Sindlingen und Fechenheim wieder gespielt. Gleich in fünf Häusern wird dabei der Wildwest-Film Die Frau gehört mir gezeigt.

Weil die Kälte Anfang März etwas abgeklungen ist, steht der Western auf dem Wunschzettel. Der Besuch am Sonntag ist jedoch nur zu Fuß von Sachsenhausen über den wieder aufgebauten Eisernen Steg und Römerberg in Richtung Innenstadt möglich – und von dort geht es mit der Tram nach Bornheim. Die Frau gehört mir weiterlesen