Die Lady von Shanghai

Illustrierte Filmbühne Nr. 650  (E. S.) – Der Film Die Lady von Shanghai ist für mich verwirrend und verstörend. Auch die Filmkritiker sind sich nicht qanz  einig bei der Beurteilung, Columbia-Chef Harry Cohn lässt den Streifen von über 150 Minuten um eine Stunde kürzen, er hat angeblich Angst um das Image von Rita Hayworth, die hier nicht die „göttliche, strahlende Diva” gibt, sondern eine eher bösartig-verruchte Frau. Cohns Eingreifen ist künstlerisch nicht zu tolerieren, aber für den Filmmogul geht es um’s Geld.

Lady von ShanghaiAuch in der Zeitung lese ich Seltsames. Die Premiere war nicht wie üblich in New York oder Los Angeles, noch nicht einmal in den USA. Vielmehr wird der Film zunächst am 24. Februar 1947 erstmals in Frankreich uraufgeführt, danach läuft er in Finnland, Großbritannien, Australien, Schweden und Mexiko. Erst 15 Monate später erlebt der Film am 9. Juni 1948 seinen USA-Start, weil Cohn den Streifen zunächst auf Eis gelegt hat. Der Produzent glaubt nicht an einen irgendwie gearteten Erfolg. Er ist immer noch wütend. Cohn versteht die Handlung nicht. Nebenbei bemerkt keine Seltenheit bei Studiobossen. Er will demjenigen 1000 Dollars zahlen, der ihm die Story des Films erklären kann. Die meisten können es nicht. Auch ich betrachte als junger Mann das Gesehene eher ratlos. Doch der Cohn will natürlich sein investiertes Geld zurück, zumal ihm diverse Geldgeber im Nacken sitzen. So gibt er dann doch noch Grünes Licht für die US-Aufführung. Der Matrose O’Hara (Orson Welles) verfällt jedenfalls der ebenso schönen wie reichen Elsa Bannister (Rita Hayworth) und wird unversehens in eine dubiose Mordsache verwickelt. Schließlich muss er erkennen, dass er von Elsa nur als nützliches Werkzeug benutzt worden ist. Die Lady von Shanghai weiterlesen

Der dritte Mann

Illustrierte Filmbühne Nr. 512 (E. S.) – In der turbulenten Zeit, in der sich die Konfrontation der politisch-militärischen Ost-West-Blöcke verstärkt, der Korea-Krieg im Fernen Osten seine düsteren Schatten vorauswirft und in der Bundesrepublik (Organisation Gehlen, später BND) und in der DDR (Ministerium für Staatssicherheit) die jeweiligen Nachrichtendienste ihre Strukturen aufbauen, ist ein Film wie Der dritte Mann prädestiniert dafür, die Konflikte zweier Gesellschaftssysteme zu thematisieren, auch wenn es sich vordergründig „nur” um einen Kriminalreißer handelt, in dem der skrupellose Dealer Harry Lime (Orson Welles) verunreinigtes Penicillin verschiebt.

Der dritte MannDoch der Thriller geht durch die Auftritte der Protagonisten auch in eine politische und durchaus propagandistische Richtung und bettet sich damit ein in den Kalten Krieg der Supermächte und ihrer jeweiligen Verbündeten. Das kommt vor allem zum Ausdruck, weil sich die durch den Major Calloway (Trevor Howard) repräsentierten Briten in der Viersektoren-Stadt sich als die hilfsbereiten und guten Menschen darstellen dürfen, die Offiziere und Soldaten der Sowjetunion dagegen nur tumbe Gesellen sind, die dem üblen Gangster und Mörder Harry Lime in ihrem Sektor Unterschlupf gewähren und seine kriminellen Machenschaften schützen. Nur diese gewollt einseitige Betrachtung macht die Handlung in dieser Form jedoch erst möglich und den dritten Mann zu einem außergewöhnlichen Film. Der finale Erfolg beruht aber vor allem auf der Musik von Anton Karas, der bislang in Wiener Heurigen-Lokalen als Zither-Spieler ein eher karges Einkommen hat. In dieser Musik liegt ohne Zweifel für viele  Zuschauer – und das über die Jahre hinweg – die eigentliche Faszination des Films. Der dritte Mann weiterlesen

Die Waise von Lowood

Illustrierte Filmbühne Nr. 4  (E. S.) – Im Sommer 1947 wird der Film Die Waise von Lowood von der „Motion Pictures Export Association (MPEA)”, der großen Export-Organisation der Major Companies aus den USA, in Zusammenarbeit mit dem US-Militär in die deutschen Kinos gebracht. In den Hauptrollen sind Joan Fontaine  – sie hat gerade kurz vorher in dem Hitchcock-Drama „Rebecca” eine ähnliche Rolle gespielt – sowie Orson Welles zu sehen, doch die Zuschauer in Deutschland haben beim Kampf um das Überleben in der Nachkriegszeit noch ganz andere Sorgen als sich mit einem solch schwermütigen Stoff zu „vergnügen”. 

Waise von LowoodWohl deshalb wird der Film, der immerhin auf dem Roman „Jane Eyre”, einer Perle der Weltliteratur beruht, hierzulande nicht gerade zu einem finanziellen Erfolg und verschwindet bald schon wieder aus den Lichtspielhäusern. Auch in Frankfurt ist der Film inmitten der Trümmerberge nur kurz zu sehen. Dabei ist es eine aufwühlende, aber zugleich auch eine recht romantische Melodramatik, die den im Jahr 1847 erschienenen autobiografischen Roman der britischen Schriftstellerin Charlotte Brontë  – er ist zunächst unter dem männlichen Pseudonym Currer Bell im Verlag „Smith, Elder und Co.” herausgekommen – von der ersten bis zur letzten Seite innewohnt.

Denn nach einer ziemlich freudlosen Jugend in England kommt Jane Eyre als Erzieherin in das Schloss des herrischen Mr. Edward Rochester. Der Hausherr fühlt sich bald zu der intelligenten Gouvernante hingezogen, und auch sie entwickelt Zuneigung zu dem älteren Mann. Doch Rochester verbirgt ein düsteres Geheimnis, was die spröde Liebe der beiden ungleichen Menschen überschattet.

Die Dramatik wird offenbar, als Jane Eyre am Tage ihrer geplanten Hochzeit mit Rochester erfährt, dass dieser noch verheiratet ist und seine unheilbar geisteskranke und zudem gewalttätige Gattin verborgen hält. Die Waise von Lowood weiterlesen