Toselli-Serenade

Das Neue Filmprogramm (E. S.) Im März 1947 ist eine kleine Notiz in den Tageszeitungen zu lesen, der zufolge Kronprinzessin Luisa von Sachsen-Florenz am 23. März als arme Blumenfrau in Brüssel verstorben ist. Ihre Urne, so ist zu lesen, werde im Kloster Hedingen in Sigmaringen, der Grablege der Fürsten von Hohenzollern, beigesetzt.

ToselliAn diese kleine Notiz werde ich erinnert, als fast auf den Tag genau fünf Jahre später, an Gründonnerstag, 22. März 1951, im Frankfurter Filmpalast ein so genannter „historischer Liebesfilm“ gezeigt wird. In den Nachmittagsvorstellungen läuft an diesem Tag noch der Film „Der Bandit und die Königin” mit Cornel Wilde, aber für 21.00 Uhr wird als besonderes Ereignis die Premiere des Films Toselli-Serenade annonciert. Die Zeitungsinserate versprechen großspurig das „klingende Dokument einer unmöglichen Liebe”. Damit nicht genug. Sie verheissen außerdem noch „den ersten weltbewegenden Liebesskandal und das erste weltbewegende Liebeslied dieses Jahrhunderts.” Große Worte fürwahr! Die Französin Danielle Darrieux und der Italiener Rossano Brazzi spielen das historische Paar. Im Anzeigentext liest sich das so: „Kronprinzessin Luise von Sachsen und Enrico Toselli in allem Glück und allem Leid, das ihnen das Schicksal vorzeichnete”. Der Film bezieht sich weniger auf das Leben des Komponisten Toselli, sondern in erster Linie auf die Liebesgeschichte und Ehe zwischen ihm und Prinzessin Luisa von Sachen-Florenz.

Da trieft das Schmalz aus jedem belichteten Meter Film, doch die Realität und der teilweise doch sehr kitschige Inhalt klaffen meilenweit auseinander. Liebe, Krankheit, Verzicht und Tod werden in unwirklichem Gartenlauben-Stil zusammengepantscht, so dass die wichtige historische Rolle der Kronprinzessin als unabhängige, sich gegen alle Konventionen durchsetzende Frau nicht gewürdigt wird.

Anders als in diesem Streifen hat Luisa ihren Ehemann, König Friedrich August III. von Sachsen, nicht wegen Toselli verlassen, sondern ist bereits vor dessen Thronbesteigung (1904) geschieden worden, weil sie sich dem Hofettikett nicht beugen mag. Sie hat danach verschiedene andere Lebenspartner – für diese Zeit außergewöhnlich und „skandalös” – , ehe sie im Jahr 1907 den Komponisten Toselli heiratet. Sie ist 34 Jahre alt und hat schon sieben Kinder geboren, Toselli dagegen ist zwölf Jahre jünger. Diese unkonventionelle Ehe wird im Film zu einer hochdramatischen Liebesgeschichte, die in der Realität jedoch nur von kurzer Dauer ist.

Bereits 1908 trennt sich Luise von Toselli, 1912 erfolgt die Scheidung. Auch Luisas Tod ist im Gegensatz zum Filmgeschehen nicht im Zusammenhang mit Toselli zu sehen. Sie stirbt erst vierzig Jahre nach der Heirat mit Toselli als verarmte Blumenfrau in Brüssel. Filmlegenden und Wahrheiten sind eben immer zwei verschiedene Dinge…

Daten zum Film

Toselli-Serenade (Das Neue Filmprogramm) mit dem Originaltitel Romanzo d’Amore ist ein italienisch-französisches Liebesdrama aus dem Jahr 1950, hergestellt von der Firma Lux-Film in einer Länge von 96 Minuten. In den Hauptrollen sind Danielle Darrieux (als Kronprinzessin Luise von Sachsen) und Rossano Brazzi (als Enrico Toselli) zu sehen. In weiteren Rollen Harry Hardt, Charles Rutherford, Robert Valberg, Egon von Jordan und Heinz Moog. Die Regie führt Duilio Coletti, das Drehbuch stammt von Suso Cecchi d’Amico, Aldo de Benedetti und Fulvio Palmieri. An der Kamera steht Piero Portalupi, die Musik komponieren Gino Marinuzzi und Enrico Toselli.

Weltpremiere am 9. Dezember 1950 in Italien, deutsche Erstaufführung am 2. März 1951, in Frankfurt gestartet am Donnerstag, 22. März 1951, 21.00 Uhr, im Filmpalast.