Unsere kleine Stadt

Illustrierte Filmbühne Nr. 31 (E. S./M. F.) – Als der neue Frankfurter Kino-Zar Siegfried Lubliner 1948 im Bieberbau-Kino in der Nähe der Frankfurter Hauptwache den amerikanischen Film Unsere kleine Stadt spielen lässt, sind viele Besucher unzufrieden, obwohl die Vorlage von Thornton Wilder stammt. Sie lassen ihrem Unmut freien Lauf.

Unser kleine StadtDiese Reaktionen sind ein sehr gutes Beispiel dafür, dass viele Deutsche die frisch ins Land gekommen US-Filme (noch) nicht so recht goutieren mögen. Zweifellos lechzen die Kinobesucher viel eher nach den alten UFA- und Bavariastreifen oder ähnlicher deutscher Unterhaltungsware. Unsere kleine Stadt dagegen ist nicht gerade leichte Kost, auch wenn er ja mit einem glücklichen Finale versehen ist. Dass der Film in den USA als Beispiel für die Darstellung amerikanischer Lebensart gilt, zählt hier nicht viel. Der Film ist einer jener Streifen, die schon bald nach Ende des Krieges von den US-Verantwortlichen nach  Deutschland geschickt werden, um die Bevölkerung mit ihrer Art von Unterhaltung zu versorgen (und zu „demokratisieren”). Doch nicht immer klappt dieses Rezept, obwohl die Story immerhin auf dem bekannten Theaterstück Our Town des Dramatikers Thornton Wilder basiert, der dafür nach der Uraufführung 1938 den begehrten Pulitzerpreis erhalten hat. Die Produktionsgeschichte ist höchst interessant. Nachdem Wilder so großen Erfolg am Theater hatte, wird die Verfilmung schnellstens in Angriff genommen. Für 75.000 US-Dollar gehen die Rechte an den Filmproduzenten Sol Lesser, die Regie übernimmt Sam Wood.

Doch es geschieht Merkwürdiges. Zwar folgt der Film im wesentlichen der Vorlage von Wilder, doch das Ende ist völlig anders als im Theaterstück. Während dort die krank gewordene Ehefrau Emily Gibbs (Martha Scott) stirbt, überlebt sie wundersamer Weise im Film und es kommt zum eher seichten Happyend.

Der Produzent hat Wilder dieses Zugeständnis abgerungen, denn Lesser ist der Ansicht, ein tragisches Ende werde von den Kinobesuchern nicht akzeptiert, womit auch der kommerziellen Erfolg des Films in Frage gestellt sei. Und so wird es kein Drama wie im Theater, sondern zur letztlich rührenden Geschichte der Familien Gibbs und Webbs in der Kleinstadt Grover’s Corners in New Hampshire. Happyend mit einbegriffen.

Daten zum Film

Unsere kleine Stadt (Illustrierte Filmbühne Nr. 31 – zuvor auch Nr. 31 des 3. Jahrgangs) ist ein SW-Spielfilm von 1940 nach einem Theaterstück von Thornton Wilder, hergestellt von Sol Lesser für Principal Artists Productions in den USA. Die Regie führt Sam Wood, Darsteller sind Martha Scott (als Emily Gibbs), William Holden (als  George Webb), Fay Bainter, Thomas Mitchell. Weltpremiere am 24. Mai 1940 in den USA, ab 29. November in der amerikanischen Zone, im Jahr 1948 im Bieberbau in Frankfurt gespielt.