Unsterbliche Geliebte

Illustrierte Filmbühne Nr. 1000 (E. S.) – Im ersten Halbjahr 1951 gibt es in Frankfurt am Main erheblichen Wirbel um den von Regisseur Veit Harlan gedrehten Film Unsterbliche Geliebte mit Kristina Söderbaum und Hans Holt. Dabei geht es nicht um den Inhalt des Film – erzählt wird darin die tragische Liebesgeschichte einer Pastorenfrau, deren Kind ertrinkt, während sie mit dessen unehelichem Vater ein Stelldichein hat  – , sondern einzig und allein um die Person des Regisseurs.

Unsterbliche-GeliebteHarlan – „eine der Galionsfiguren des Nazifilms“, wie der Filmhistoriker Rudolf Worschech in einem Artikel über das Nachkriegskino in der Mainmetropole vermerkt – hat 1940 den antisemitischen Hetzfilm „Jud Süss“ gedreht und in den letzten Kriegsmonaten mit dem Historienfilm „Kolberg“ die Deutschen mit Durchhalteparolen gefüttert. Harlan hat nach 1945 zunächst Berufsverbot und wird danach von den „Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes“ (VVN) und der „Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen“ wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ angezeigt. Doch im April 1949 spricht das Hamburger Landgericht den Regisseur mangels Beweises frei, ein Urteil, das auch exakt ein Jahr später in einer Revisionsverhandlung bestätigt wird.

Allerdings wird darauf hingewiesen, dass der Film „Jud Süss“ sowohl objektiv als auch subjektiv durchaus den Tatbestand eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit erfülle. Für Harlan ist gleichwohl der Weg frei, um in sein altes Metier zurückzukehren. Als ersten Film nimmt er das Melodram Unsterbliche Geliebte in Angriff und der Streifen soll am 24. Februar 1951 im „Metro in Schwan” in Frankfurt anlaufen.

Doch obwohl viele Menschen in Deutschland die Vergangenheit schnell vergessen wollen, gibt es politisch Engagierte, die sich gegen das Comeback von Harlan wenden. Einen Tag vor der geplanten Aufführung in Frankfurt veröffentlicht die „Frankfurter Rundschau“ eine Nachricht, der zufolge sich Vertreter der Gewerkschaft, der Sozialdemokratischen Partei,  vieler Jugendorganisationen und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit bei einer Zusammenkunft mit Vertretern der Filmwirtschaft scharf gegen die geplante Aufführung im „Metro im Schwan“ ausgesprochen hätten.

Dabei wird bekannt, dass die Gewerkschaften bereits beim Hessischen Innenministerium, bei Oberbürgermeister Dr. Walter Kolb und Polizeipräsident Klapproth vorstellig geworden sind und vor möglichen Unruhen gewarnt haben. SPD-Vertreter Schröder bezeichnet die Aufführung gerade für Frankfurt und seine mit den jüdischen Mitbürgern eng verknüpfte große Tradition als „ausgesprochene Provokation“.

Eine Frage der moralischen Haltung

Auf den Einwand von Vertretern der Filmwirtschaft, Veit Harlan sei schließlich von den Gerichten freigesprochen worden, und man sei außerdem vertraglich zur Vorführung des Films verpflichtet, erwidert Max Kahn von der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Filmangelegenheiten seien eben nicht nur Rechtsfragen, sondern auch „Fragen des guten Geschmacks und der moralischen Haltung.“ Theaterbesitzer Friedrich Wollenberg lenkt zusammen mit dem Herzog-Filmverleih zunächst ein und sagt die Aufführung kurzfristig ab, doch im Verlauf der nächsten Wochen kommt es wegen eines neuen Aufführungstermins zu zahlreichen verbalen Auseinandersetzungen.

Bei einem Diskussionsabend im „Seminar für Politik“ kommt es zu harten Konfrontationen. Der Filmkritiker Dieter Fritko stellt dabei fest, dass es in diesem Fall nicht um Fragen des Geschäfts, von  formaler Justiz oder der Massenwirkung gehe, sondern einzig und allein nur um die Frage der inneren Anständigkeit.

Auch die Stadtverordneten beschäftigen sich mit dem Harlan-Film. Vertreter der CDU, der SPD, der KPD protestieren gegen die Aufführung, die FDP nimmt eine eher zwiespältige Haltung ein. Jugendorganisationen wenden sich in einem Offenen Brief an den Theaterbesitzer Wollenberg und fordern vehement die Nichtaufführung. Der Filmverleih, außerdem eine so genannte „Vereinigung zur Wahrung demokratischer Rechte“ und der Kinobesitzer starten eine dubiose Postkartenaktion, in der die Bürger aufgerufen werden, sich zu äußern. 108 188 Postkarten werden in verschiedenen Stadtteilen verteilt, doch nur 35 Prozent der Empfänger nehmen überhaupt an der Abstimmung teil. Davon sprechen sich 88,6 Prozent für und 10,9 Prozent gegen eine Aufführung aus.

Metro-Besitzer Wollenberg sieht sich Anfang April 1951 veranlasst, in einem Offenen Brief an die „Frankfurter Rundschau“ mitzuteilen, er habe den Film vorläufig zurückgestellt, zeigt sich aber nicht kompromissbereit. Es sei schließlich keine Frage des Taktgefühls, sondern „es ist die Frage, inwieweit dem Theaterbesitzer die politische Verantwortung für einen Film aufgebürdet werden kann, wenn die dazu berufenen behördlichen Instanzen bereits entschieden haben.“

Oberbürgermeister Kolb greift ein

Nach monatelangem Tauziehen zwischen der Filmwirtschaft Kirchenleitungen, Jugendverbänden, Gewerkschaften und Parteien plant der Herzog-Filmverleih dann, die Unsterbliche Geliebte zu Ostern 1952  in mehreren Filmtheatern der Stadt  gleichzeitig anlaufen zu lassen, doch weil weitere Kundgebungen und Proteste gegen die Aufführung angekündigt werden, entschließt sich Oberbürgermeister Kolb in deiner Eigenschaft als oberster Chef der Polizei, die Aufführung zu untersagen. In der Begründung wird unter anderem angeführt, die Bevölkerung habe wiederholt ihren Unwillen über die Aufführung ausgedrückt. Die Aufführung in 13 Filmtheatern würde es darüber hinaus der Polizei unmöglich machen, im Hinblick auf die angekündigten Drohungen und Gewaltmaßnahmen die Ruhe und Sicherheit aufrecht zu erhalten.

Der Herzog-Filmverleih erhebt gegen das Verbot Einspruch, man versteigt sich sogar zu der absurden Behauptung, die Protestaktionen gegen Harlan seien als „zweite Kristallnacht“ von der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“, inszeniert. Diese Provokation wird auch auf einer von den betroffenen Filmtheatern organisierten Versammlung wiederholt, worauf anwesende Presseleute und Vertreter der Stadtverwaltung aus Protest den Raum verlassen.

In Stadtteilkinos gestartet

Im Juli 1952 entscheidet schließlich der Einspruchsausschuss der Stadt Frankfurt über die Beschwerde der 13 Lichtspieltheater gegen das Aufführungsverbot von Ob Kolb. Der Ausschuss kommt zwar zu dem Schluss, die Aufführung des Harlan-Films hätte die demokratische Grundauffassung verletzt, hauptsächlich wird jedoch die Rechtmäßigkeit des Verbots mit formalen Argumenten im Hinblick auf die  Sicherheit begründet. Am 6. März 1953 läuft der Film dann in mehreren Frankfurter Stadtteilkinos an, allerdings mit der Auflage, keine Werbung betreiben zu dürfen. Gleichwohl kommt es wieder zu Demonstrationen, Zerstörungen und Festnahmen, worauf OB Kolb einen Tag später ein generelles Verbot für Aufführungen von Harlan-Filmen erlässt.

Der Herzog-Filmverleih stellt Schadenersatzforderungen an die Stadt und nach vielem formaljuristischem Hickhack kommt es schließlich im Jahr 1953 zwischen dem Verleih und der Stadt zu einem Vergleich. Veit Harlan aber dreht unbeeindruckt von seiner Vergangenheit weitere Filme, darunter „Sterne über Colombo“, „Verrat an Deutschland“ und „Anders als Du und ich“.

Daten zum Film

Unsterbliche Geliebte (Illustrierte Filmbühne Nr. 1000) ist eine melodramatische Literaturverfilmung (nach einer Novelle von Theodor Storm) aus Deutschland im Jahr 1950. Hergestellt von den Produktionsfirma Hans Domnick, verliehen von der Herzog-Film GmbH.  Der Film hat eine Länge von 108 Minuten. Unter der Regie von Veit Harlan spielen Kristina Söderbaum (als Katharina von Hollstein), Alexander Golling (als Wulf von Hollstein), Franz Schafheitlin (als Talma), Hans Holt (als Johannes S.), Hermann Schomberg (als Pfarrer Georg Bonnix). Weitere Mitwirkende sind Otto Gebühr, Tilo von Berlepsch, Eduard Marks und Paul Weber. Regisseur Harlan schreibt auch das Drehbuch, an der Kamera steht Werner Krien. Musik von Wolfgang Zeller. – Deutsche Erstaufführung am 31. Januar 1951 in Herford, Frankfurter Start geplant für den 24. Februar 1951 im „Metro im Schwan“, nach zwischenzeitlichem Verbot lief der Film dann am 6. März 1953 in Stadtteilkinos in Eschersheim, Bockenheim, Bornheim und Höchst.

Quellen

Rudolf Worschech, „Lebende Bilder einer Stadt – Kino und Film in Frankfurt am Main“, 1995.

Archiv Frankfurter Rundschau: (23. 2. 1951 – 26. 2. 1951 – 14. 3. 1951 – 22. 3. 1951 – 30. 3. 1951 – 7.4. 1951 – 10. 4. 1951 – 11. 4. 1951 – 18. 1. 1952 – 9. 4. 1952 – 11. 4. 1952 – 17. 4. 1952 – 18. 4. 1952 – 26. 7. 1952.