Von Mensch zu Mensch

Filmpost Nr. 337  (E. S.) – In Frankfurt werden im Jahr Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger Jahre zahlreiche neue und respektable Lichtspielhäuser eingeweiht. Eines davon ist der „Filmpalast” in der Großen Friedberger Straße 26-28. Zur Eröffnung wird am 27. September 1949 der französische Film Von Mensch zu Mensch gezeigt, der das Leben von Henri Dunant, dem Begründer des Roten Kreuzes, nachzuzeichnen versucht.

Von Mensch zu MenschDer Filmpalast steht an einem traditionsreichem Platz. Schon seit 1929 werden hier Filme gezeigt; das Kino heisst zunächst Roxy-Palast, später dann auch „Pali“ (Palast-Lichtspiele). Und nach der Bombenzerstörung im Zweiten Weltkrieg baut August Reichard das Haus wieder auf und macht im wahrsten Sinne des Wortes einen Palast daraus. Satte 1500 Sessel stehen in dem prächtigen Saal, es gibt zusätzlich einen Rang und Seitenlogen, in denen allein fast 600 Besucher Platz finden. Es gibt auch einen Orchestergraben, in dem 50 Musiker Platz finden, grüner Marmor und indirektes Licht schaffen im Foyer eine heimelige Atmosphäre. Jedenfalls sind die ersten Zuschauer, die den riesigen Saal betreten, – darunter auch der Autor –, beeindruckt von dem Ambiente. Ich jedenfalls war nie zuvor in einem solchen Prachtbau.

Später erhält das Kino als erstes Lichtspiel-Theater in Frankfurt sogar Sitze mit neigbaren Rückenlehnen, was sich allerdings am Anfang als gewöhnungsbedürftig erweist, vor allem bei Filmen, bei denen sich vor Aufregung und Spannung unruhig bewegt wird. Schon wenige Wochen nach der Eröffnung verpachtet Reichard das Haus an den Stuttgarter Kino-König Willy Colm.

Für die Eröffnungsvorstellung hat sich Reichard etwas Besonderes einfallen lassen. Die gesamten Einnahmen werden dem Deutschen Roten Kreuz gestiftet, so dass die Wahl dieses Premierenfilms über das Leben von Henri Dunant einerseits eine karitative Botschaft verbreitet, andrerseits aber auch dem Image des Theaters zugute kommt.

Trotz einiger Längen zeigt der Streifen eindrucksvolle Stationen eines außergewöhnlichen Lebens. Herausragend dargestellt wird der Mensch Dunant, der als Begründer des Internationalen Roten Kreuzes gilt, von Jean-Louis Barrault. 1828 in der Schweiz geboren und 1910 im Alter von 83 Jahren dort in einem Spital als armer Mann verstorben,  wurde Dunant geprägt von den Bildern der Schlacht im französisch-sardischen Krieg von Solferino im Jahr 1859. Dort beobachtete er nicht nur das Grauen des Krieges, sondern erlebt vor allem die Qualen der Verwundeten. Im Laufe der nächsten Jahre gelingt ihm mit Unterstützung vieler Freunde nicht nur die Etablierung des Roten Kreuzes – er ist auch am Anschieben der Genfer Konvention beteiligt.

Das alles kostet – trotz der Unterstützung der reichen Elsa Kastner – immer wieder Kraft und viel Geld, von dem Dunant immer zu wenig besitzt. Gläubiger sitzen ihm im Nacken und er gerät in Vergessenheit, vielleicht auch, weil er zum Eigenbrötler wird. Erst als ihm 1901 der erste Friedensnobelpreis verliehen wird, den er umgehend dem Roten Kreiuz stiftet, rückt er wieder etwas mehr in den Blickpunkt. Gleichwohl ist die Zeit über sein Wirken hinweggerollt…

Daten zum Film

Von Mensch zu Mensch (Büdinger Filmpost Nr. 337) mit dem Originaltitel D’homme a Homme ist eine französische Biografie über Henri Dunant, der als Begründer des Internationalen Roten Kreuzes gilt. Unter der Regie von Christian-Jaque spielen Jean-Louis Barrault (als Henri Dunant), Bernard Blier (als Coquillet), Berthe Bovy (als Mutter von Dunants), Carmen Boni (als Comtesse Tamberlani) und Hélène Perdrière (als Elsa Kastner). –

Welt-Erstaufführung am 29. August 1948 in Stockholm anlässlich des 17. Kongresses des Internationalen Roten Kreuzes. In in den westlichen Zonen Deutschlands ab 1948 vor allem bei Sondervorstellungen eingesetzt, läuft er ab 27. September 1949 bei der Eröffnung des Filmpalastes in der Großen Friedberger Straße (an der Konstablerwache). Am 1. Mai 1964 in der DDR in den Kinos.