Weißes Gift

Illustrierte Filmbühne Nr. 1103 (E. S.) – Ein amerikanischer Freund ist höchst irritiert. In den Zeitungen liest er Berichte über den Hitchcock-Film Weißes Gift, und da ist von einem Rauschgift-Drama die Rede – er selbst aber hat den Film in den USA bereits gesehen und schwört Stein und Bein, es gehe nicht um irgendwelche Dealer, sondern um Nazi-Spione und um die Jagd nach Uran.

Nachforschungen ergeben, dass der Freund recht hat. Die deutschen Zeitungen haben jedoch von der Manipulation keine Ahnung. In einer Frankfurter Tageszeitung ist im September 1951 die Version zu lesen, dass es sich bei Ingrid Bergman um eine kratzbürstige „Wildkatze” handelt, bei Cary Grant um einen schlichten Detektiv und bei Claude Rains um einen gefährlichen Rauschgiftkönig. „Zwischen ihnen spielen sich dialoggeladene Seelenkämpfe ab, die am Rande des weißes Giftes üppig gedeihen”, schreibt der getäuschte Filmkritiker. Es ist die Rede von Hass, Liebe, Kriminalität und Psychologie. Tatsächlich aber hat der Verleih den Film für die deutschen Zuschauer gefälscht. Aus Nazispionen sind internationale Rauschgiftschmuggler geworden. Der Grund für den Schwindel ist politischer und wirtschaftlicher Natur: Wie in vergleichbaren anderen Fällen auch (z. B. „Casablanca”) will der Verleih die deutschen Zuschauer nicht mit der eigenen düsteren Vergangenheit konfrontieren, natürlich auch in Erwartung auf gut gefüllte Kinokassen.

Unter diesen Umständen wird also eine Rauschgift-Story zusammengeschustert, in der auch einige deutsche Rollennamen der Veränderung zum Opfer fallen. Hinweise auf die eigentlichen Drahtzieher aus der Chemieindustrie in Deutschland werden entfernt. Hitchcocks spannender Triller sieht in Wirklichkeit jedoch ganz anders aus. Es handelt sich zwar einerseits um einen menschlichen Konflikt zwischen Liebe und Pflicht, stellt aber andererseits die internationalen politischen Aspekte – auch im Zusammenhang mit der Uran- und Atomforschung sowie den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki zu sehen – in den Blickpunkt.

Die zentrale Rolle spielt Alicia Huberman (Ingrid Bergman), die sich als Tochter eines wegen Spionage für Nazi-Deutschland verurteilten Amerikaners bereit erklärt, mit amerikanischen Geheimdiensten zusammen zu arbeiten, um die noch existierende Spionagegruppe ihres Vaters zu enttarnen. Sie heiratet aus diesem Grund sogar den Chef der Gruppe (Claude Rains). Als dieser ihre tatsächliche Rolle aufdeckt, versucht er sie auf Druck seiner Mutter zu vergiften, obwohl er sie selbst zu lieben begonnen hat.

Daten zum Film

Weißes Gift (Illustrierte Filmbühne Nr. 1103) trägt den Originaltitel Notorious und stammt aus dem Jahr 1946. Der 97 Minuten lange Film ist 1969 vom ZDF in einer an der Originalfassung angelehnten Synchronisation unter dem Titel „Berüchtigt“ gesendet worden. Der Thriller ist von Regisseur Alfred Hitchcock für die RKO nach einer eigenen literarischen Vorlage produziert worden. Das Drehbuch stammt von Ben Hecht, an der Kamera steht Ted Tetzlaff, die Musik komponiert Roy Webb.

Als Darsteller sind Ingrid Bergman (als Alicia Huberman), Cary Grant (als Geheimagent Devlin), Claude Rains (als Alexander Sebastian), Leopoldine Konstantin (als seine Mutter), Louis Calhern (als Paul Prescott), Reinhold Schünzel (als Dr. Anderson) und Moroni Olsen (als Walter Beardsley) zu sehen. Ferner wirken mit: Ivan Triesault, Alexis Minotis, Wally Brown, Gavin Gordon, Peter von Zerneck. Deutsche Stimmen von Wolfgang Luklschy (Cary Grant), Tilly Lauenstein (Ingrid Bergman), Alfred Balthoff (Claude Rains), Friedel Schuster (Leopoldine Konstantin). – Erstaufführungen in den USA am 15. August 1946 in New York City und am 22. August in Los Angeles. In Deutschland erstmals zu sehen am 21. August 1951 im Frankfurter Bieberbau.