Wiener Geschichten

Illustrierte Filmbühne Nr. 1048 und Filmkurier Nr. 3107 (E. S.) – In der Nachkriegszeit eröffnen in Frankfurt am Main zahlreiche Caféhäuser ihre Pforten. An die flüsterleise Stimmung in solchen Tortentempeln werde ich erinnert, als ich den Film Wiener Geschichten sehe, in dem es um die spezielle Wiener Caféhaus-Stimmung geht.

Wiener Geschichten - nDiese besondere Wiener Atmosphäre ist natürlich nicht in eine Stadt wie Frankfurt zu übertragen, aber immerhin wird das neuartige „Wipra” zwischen Hauptwache und Römer in dieser Zeit zu einer Attraktion. Das im Erdgeschoss eines Trümmerhauses eingerichtete Etablissement nennt sich „Café der Tierfreunde”. Es gibt dort ein Papageien-Zimmer, einen Wintergarten mit Aquarien sowie Pinselohräffchen und Schimpansen zwischen all den geschäftigen oder ausruhenden Menschen. Auch alte Frankfurter Cafés haben den Betrieb wieder aufgenommen wie das dem Wipra gegenüberliegende Café Liebfrauenberg. Ende März 1950 eröffnet Heinrich Adam, bestens bekannt als Besitzer des alten Café Schneider an der Neuen Kräme, sein neues Domizil in der Kaiserstraße 12 (damals vorübergehend Friedrich-Ebert-Straße).

Direkt an der Hauptwache errichtet das traditionsreiche Berliner Kranzler eine Filiale. Das ist alles erfreut die Menschen, aber den berühmten Wiener Schmäh‘ sucht man natürlich vergebens. Den findet man dann eher im Film Wiener Geschichten, der auch durch Schlager wie „Der Wiener braucht sein Stammcafé“ und „Ja, das sind halt Wiener G’schichten“ Aufmerksamkeit erregt.

Im Kino ist eine Geschichte zu sehen, die im Wien des Jahres 1905 spielt: Ferdinand (Paul Hörbiger) und Josef (Hans Moser) gelten als die zwei perfekten Zahlkellner im „Fenstergucker” an der Ecke Kärtnerstraße/Walfischgasse. Während Josef ein konservativer Traditionsbewahrer und ewiger Raunzer ist, gibt sein Gegenspieler Ferdinand den eher fortschrittlichen Bruder Leichtfuß. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit lesen sie ihren Stammgästen jeden Wunsch von den Augen ab; gleichzeitig bemühen sich beide um die Gunst der Caféhaus-Besitzerin, der verwitweten, aber noch sehr jugendlichen Christine Lechner (Marte Harell).

Missverständnisse wie so oft 

Der feschere Ferdinand (Paul Hörbiger) scheint schon das Rennen bei ihr zu machen, als er sich der blutjungen Mizzi (Olly Holzmann) – Tochter eines verstorbenen Freundes – annimmt. Christine Lechner ist enttäuscht, glaubt sie  doch – ohne die Hintergründe zu kennen – an eine Liebschaft „ihres” Ferdinands mit Mizzi. Erst nach zahlreichen  Missverständnissen, die darin gipfeln, dass Ferdinand seine Arbeit im „Fenstergucker” aufgibt, und direkt nebenan ein Konkurrenz-Café eröffnet, glätten sich die Wogen.  Auch weil der zwielichtige Baron von Brelowsky (Siegfried Breuer) sich in eigennütziger Absicht der unerfahrenen Mizzi nähert, und Ferdinand ihm gehörig die Parade fährt.

Schließlich ist es dem knorzigen, wenn auch gutmütigen Josef zu verdanken, dass es nach Aufklärung aller Missverständnisse zu einer Versöhnung der zerstrittenen Liebesleute kommt. Auch Mizzi findet ihr Glück, denn sie verlobt sich mit einem jungen Komponisten. Die Zusammenlegung der benachbarten Caféhäuser ist nur eine Frage der Zeit. Fast wie im wirklichen Leben…

Daten zum Film

Wiener Geschichten gelegentlich auch Wiener Gschichten benannt (Illustrierte Filmbühne Nr. 1048 und alter Berliner Filmkurier Nr. 3107) ist ein Film der Styria-Produktion, hergestellt im Jahr 1940, also nach den so genannten „Anschluss” Österreichs an das „Großdeutsche Reich“. Die Regie des 92 Minuten langen Films führt Géza von Bolvary, als Schauspieler agieren Marte Harell (als Caféhaus-Besitzerin Christine Lechner), Paul Hörbiger (als Kellner Ferdinand), Hans Moser (als Kellner Josef), Olly Holzmann (als Ferdinands Nichte Mizzi), Oskar Sima (als Stangberger), Siegfried Breuer (als Baron von Brelowsky), Hedwig Bleibtreu (als Baronin Neudegg). Das Drehbuch ist von Ernst Marischka und Hans Gustl Kernmayer, an der Kamera steht Willy Winterstein, die Musik stammt von Bruno Uher.

Erstaufführung am 8. August 1940 in Deutschland, am 27. September 1940 in den USA, in Frankfurt am Main zu Beginn der Fünfziger Jahre zu sehen.