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Arzt Melodram

Dr. Holl

Illustrierte Filmbühne Nr. 1118 (E. S.) – Mit diesem Streifen wird im Jahr 1951 in der Bundesrepublik das der Genre der Arztfilme kreiert. Weil Der Film Dr. Holl (Untertitel: Die Geschichte einer großen Liebe) einer der finanziell erfolgreicheren der Nachkriegszeit ist, folgten bald weitere, in denen Mediziner jeder Coleur im Mittelpunkt der Handlung stehen.

Dr. HollFür jene, die genauer hinschauen, ist der Stoff allerdings höchst unglaubwürdig. Für andere, die sich am Liebesleid- und schmerz berauschen können, ist es dagegen ein wahrer Genuss: Denn der Arzt Dr. Holl (Dieter Borsche) ehelicht – obwohl mit der jungen Medizinstudentin Helga Römer (Heidemarie Hatheyer) verlobt – die scheinbar unheilbare Patientin Angelika Alberti (Maria Schell), um ihr letzte Tage des Glücks zu schenken. Eine erstaunliche Haltung zweifellos! Immerhin ist aber schon bald zu ahnen, dass der Film ohnehin einen anderen (und glücklicheren) Ausgang nehmen wird als anfangs vermutet. Denn Dr. Holl beginnt nicht nur seine Patientin wahrhaft zu lieben, sondern entwickelt – wer hätte das im Geheimen nicht bereits geahnt? – ein Serum, mit dem Angelika Alberti vor dem sicher scheinenden Tod gerettet werden kann. Doch Dr. Holl ist weiter hin- und her gerissen zwischen den beiden Frauen. Ein publikumswirksames Gefühlsdrama wie aus dem Bilderbuch nimmt seinen Lauf. Wie wird es weitergehen? Dr. Holls Verlobte Helga Römer macht schließlich den Weg frei für Holl und Angelika. Helga gibt ihrer beruflichen Karriere den Vorrang, der Weg ist nun frei und aus der Mitleids- wird eine Liebesehe.

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Melodram Romanze

Liebesrausch auf Capri

Illustrierte Filmühne Nr. 1087 & DNF (E. S.) – Ohne nähere Einzelheiten über den Film „Liebesrausch auf Capri“ zu wissen, lockt doch der Titel in den Frankfurter Filmpalast. Denn Ende der Vierziger, auch noch Anfang der Fünfziger Jahre, ist in der Bundesrepublik ein Schlager in aller Ohren: „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt…”

Liebesrausch auf Capri

Viele Interpreten haben das Lied von Gerhard Winkler (Text: Ralph Maria Siegel) schon gesungen, am bekanntesten ist in dieser Zeit die einschmeichelnde Version mit Rudi Schuricke. Doch das Paramount-Melodram Liebesrausch auf Capri hat nun rein gar nichts zu tun, mit dem schnulzigen Ohrwurm, obwohl es sich im Film durchaus um eine Romanze der außergewöhnlichen Art handelt – wenn auch mit ernsterem Hintergrund.

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Melodram

Dämonische Liebe

Illustrierte Filmbühne Nr. 1042 (E. S.) – Just Scheu, Mainzer von Geburt, ist nach dem Krieg ein bekannter Mann bei Radio Frankfurt. Die Ratesendung „Doppelt oder nichts” mit ihm als Hauptperson geniesst hohe Popularität, Scheu ist aber auch Schauspieler, Romancier, Stückeschreiber, Schlagertexter. Und Ernst Nebhut, in Frankfurt lebend, ist nicht minder vielseitig. Manchmal lese ich in der Zeitschrift „Der Neue Sport” seine Glossen zum Fußball. Was ich (noch) nicht weiß, ist, dass Just und Nebhut eng zusammenarbeiten und Boulevard-Komödien sowie Filmdrehbücher schreiben…

Dämonisçhe LiebeDas erfahre ich erst, als ich Dämonische Liebe sehe, weil im Vorspann aufgeführt ist, dass der Film auf einer Vorlage der beiden Autoren beruht. Das Stück heisst „Der Teufel stellt Monsieur Darcy ein Bein”, ist Drama und Tragikomödie zugleich, und zeigt, wie der bisher überaus korrekte Pariser Bankkassierer Pierre Darcy (Paul Hörbiger) zusammen mit der geldgierigen, aber auch verführerischen Jaqueline (Margot Hielscher) auf einen Schlag zwei Millionen Francs verjubelt. Darcy hat das Geld unterschlagen, nur weil Jaqueline seinen Schlips bewundert hat. Wer glaubt’s wird selig, aber aus dem zu dieser Zeit üblichen „Diskretionsgründen” wird nicht mehr gezeigt. Erst am Abend erwacht Darcy aus seinem Liebesrausch und erkennt, dass er sein bisher so penibel geführtes Leben zerstört hat. Als er sich – entsetzt von seiner Tat – in seinem Stammcafé das Leben nehmen will, erscheint der Teufel in Gestalt des Gauners Poupoulle (Kurt Meisel) und gibt ihm die Chance, diesen Tag noch einmal zu erleben und es anders (und besser) zu machen. Doch auch der neue Tag verläuft wie der vorhergehende.

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Melodram

Die Sünderin

Illustrierte Filmbühne Nr. 1030 und DNF (E. S.) – Wieder einmal gibt es in Frankfurt großen Starrummel. Zur deutschen Erstaufführung des Films Die Sünderin im Turmpalast erscheinen der Regisseur Willi Forst sowie die Hauptdarsteller Hildegard Knef und Gustav Fröhlich. Alle drei verneigen sich artig vor einen Beifall klatschenden Publikum, doch bei den Pressegesprächen kommt auch reichlich Frust auf. Vor allem Forst gibt sich pikiert, weil sein Werk bei der Freiwilligen Filmkontrolle in Wiesbaden zunächst durchgefallen ist.

Die SünderinWilli Forst bittet die Journalisten eindringlich darum, ihn in der Wirrnis des deutschen Nachkriegsfilms nun „nicht im Stich zu lassen”. Täte man dies, dann würde es in Zukunft wohl nur noch „Das Dritte Schwarzwaldmädel von rechts” geben. Der Verdruss des Regisseurs ist durchaus verständlich. Der Österreicher hat schon bei den Vorbereitungen der Dreharbeiten erfahren müssen, dass das Thema seines Films nicht überall wohlgelitten ist. Forst will den Film ursprünglich in München realisieren, muss jedoch kurzfristig in die Studios der Jungen Filmunion nach Bendestorf  bei Hamburg ausweichen, da ihm in Bayern aufgrund des strittigen Filmthemas kein Atelier zur Verfügung gestellt wird. Weil in der Lüneburger Heide die Dreharbeiten dann ohne größere Aufmerksamkeit verlaufen, ahnt er nicht, dass sein Film bald Schlagzeilen in Deutschland verursachen wird. Die Aufregung um den melodramatischen Streifen beginnt drei Tage vor der geplanten Premiere am 18. Januar.

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Melodram Musik Romanze

Toselli-Serenade

Das Neue Filmprogramm (E. S.) Im März 1947 ist eine kleine Notiz in den Tageszeitungen zu lesen, der zufolge Kronprinzessin Luisa von Sachsen-Florenz am 23. März als arme Blumenfrau in Brüssel verstorben ist. Ihre Urne, so ist zu lesen, werde im Kloster Hedingen in Sigmaringen, der Grablege der Fürsten von Hohenzollern, beigesetzt.

ToselliAn diese kleine Notiz werde ich erinnert, als fast auf den Tag genau fünf Jahre später, an Gründonnerstag, 22. März 1951, im Frankfurter Filmpalast ein so genannter „historischer Liebesfilm“ gezeigt wird. In den Nachmittagsvorstellungen läuft an diesem Tag noch der Film „Der Bandit und die Königin” mit Cornel Wilde, aber für 21.00 Uhr wird als besonderes Ereignis die Premiere des Films Toselli-Serenade annonciert. Die Zeitungsinserate versprechen großspurig das „klingende Dokument einer unmöglichen Liebe”. Damit nicht genug. Sie verheissen außerdem noch „den ersten weltbewegenden Liebesskandal und das erste weltbewegende Liebeslied dieses Jahrhunderts.” Große Worte fürwahr! Die Französin Danielle Darrieux und der Italiener Rossano Brazzi spielen das historische Paar. Im Anzeigentext liest sich das so: „Kronprinzessin Luise von Sachsen und Enrico Toselli in allem Glück und allem Leid, das ihnen das Schicksal vorzeichnete”. Der Film bezieht sich weniger auf das Leben des Komponisten Toselli, sondern in erster Linie auf die Liebesgeschichte und Ehe zwischen ihm und Prinzessin Luisa von Sachen-Florenz.

Da trieft das Schmalz aus jedem belichteten Meter Film, doch die Realität und der teilweise doch sehr kitschige Inhalt klaffen meilenweit auseinander. Liebe, Krankheit, Verzicht und Tod werden in unwirklichem Gartenlauben-Stil zusammengepantscht, so dass die wichtige historische Rolle der Kronprinzessin als unabhängige, sich gegen alle Konventionen durchsetzende Frau nicht gewürdigt wird.

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Melodram

Unsterbliche Geliebte

Illustrierte Filmbühne Nr. 1000 (E. S.) – Im ersten Halbjahr 1951 gibt es in Frankfurt am Main erheblichen Wirbel um den von Regisseur Veit Harlan gedrehten Film Unsterbliche Geliebte mit Kristina Söderbaum und Hans Holt. Dabei geht es nicht um den Inhalt des Film – erzählt wird darin die tragische Liebesgeschichte einer Pastorenfrau, deren Kind ertrinkt, während sie mit dessen unehelichem Vater ein Stelldichein hat  – , sondern einzig und allein um die Person des Regisseurs.

Unsterbliche-GeliebteHarlan – „eine der Galionsfiguren des Nazifilms“, wie der Filmhistoriker Rudolf Worschech in einem Artikel über das Nachkriegskino in der Mainmetropole vermerkt – hat 1940 den antisemitischen Hetzfilm „Jud Süss“ gedreht und in den letzten Kriegsmonaten mit dem Historienfilm „Kolberg“ die Deutschen mit Durchhalteparolen gefüttert. Harlan hat nach 1945 zunächst Berufsverbot und wird danach von den „Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes“ (VVN) und der „Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen“ wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ angezeigt. Doch im April 1949 spricht das Hamburger Landgericht den Regisseur mangels Beweises frei, ein Urteil, das auch exakt ein Jahr später in einer Revisionsverhandlung bestätigt wird.

Allerdings wird darauf hingewiesen, dass der Film „Jud Süss“ sowohl objektiv als auch subjektiv durchaus den Tatbestand eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit erfülle. Für Harlan ist gleichwohl der Weg frei, um in sein altes Metier zurückzukehren. Als ersten Film nimmt er das Melodram Unsterbliche Geliebte in Angriff und der Streifen soll am 24. Februar 1951 im „Metro in Schwan” in Frankfurt anlaufen.

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Heimatland Melodram

Der Geigenmacher von Mittenwald

Illustrierte Filmbühne Nr. 980 (E. S.) – Am 9. August 1951 wird in Frankfurt am Main das 50. Kino nach dem Krieg eröffnet. Das schmucke Theater in der Mainzer Landstrasse 310 trägt den Namen Gallus-Lichtspiele, was sich auf den Stadtteil gleichen Namens bezieht. Die Besitzerin hat zur Eröffnung ein ganze Schar Prominenter für die Premiere aufgeboten.

Der Geigenmacher von MittenwaldPeter Frankenfeld, damals noch in Frankfurt zu Hause, und ohnehin bei vielen Premieren als Conferencier verpflichtet, gibt den launigen Unterhalter, und ein junger Mann namens Vico Torriani aus der Schweiz singt – noch ganz am Anfang seiner Karriere stehend – zu zarten Gitarrenklängen, wo seine „Wiege stand“ und erzählt von einer „Cafeteria in Lugano“. Das Lichtspielhaus selbst ist ansehnlich, fasst immerhin 550 Besucher (also durchaus beachtlich für ein Vorstadt-Kino), die Wände und Decken sind – wie auch zeitgenössischen Berichten zu entnehmen ist –, von zurückhaltender Lieblichkeit. Hinter dem Eingang mit Garderobe und Vitrinen nimmt ein ansprechendes Foyer mit einer großen Rundbank die Besucher in Empfang. Und eine technische Neuerung gibt es auch: Die für den jeweiligen Film gefertigte Werbetafel über dem Kinoeingang wird mit einer Spezialfarbe bemalt und mit ultraviolettem Licht angestrahlt, wobei ein plastisches Bild erzeugt wird. Das ist sehr beeindruckend. Was an diesem Premierentag im Frankfurter Westen über die neue Leinwand flimmert, ist allerdings weniger beeindruckend. Ein typisches Ganghofer-Drama um den Geigenmacher von Mittenwald

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Melodram

Melodie des Schicksals

Illustrierte Filmbühne Nr. 922 (© E. S.) Am Anfang der Fünfziger Jahre schießen in Frankfurt am Main die Kinos wie Pilze aus dem Boden. Das oft zitierte und beschworene „Wirtschaftswunder” kommt langsam ins Rollen, die Menschen suchen ihr Vergnügen nach den Kriegsjahren in den Kinos, im April 1951 gibt es außerdem schon die erste „Internationale Automobilschau“ auf dem Messegelände an der Festhalle; ganz klar, die Massenmotorisierung wirft ihre Schatten voraus – und in der Mainzer Landstraße 430 wird am 28. Juni 1951 als 49. Lichtspieltheater nach Ende des Krieges das „Arkaden“ eröffnet. Kein Wunder, Lichtspielhäuser versprechen Profit.

Melodie-neuDas Lichtspielhaus befindet sich in einem Eckhaus im westlichen Gallus, einem Stadtteil, der vorwiegend von Arbeitern bewohnt wird und von den Frankfurtern aus nicht eindeutig geklärten Gründen auch „Kamerun” genannt wird. In diesem reinen Arbeiterviertel produzieren die „Adlerwerke” Schreibmaschinen und Motorräder, andere Industriebetriebe sind ebenfalls vorhanden. Der Eingang zum neuen Lichtspieltheater befindet sich direkt an der Abzweigung zur Rüsselsheimer Straße, der Namen bezieht sich auf die Arkaden, die den großzügigen Eingang zieren. Besitzerinnen sind die beiden Frauen Elisabeth Schneider und Else Maschauer. Es gibt eine sehr launige Eröffnungsrede von Botho Jung, einem in diesen Jahren sehr populären und beliebten Nachrichtensprecher von Radio Frankfurt und Hessischem Rundfunk. Als Eröffnungsfilm läuft  Melodie des Schicksals, ein Streifen, der seine Premiere in der Frankfurter Innenstadt allerdings schon einige Wochen hinter sich hat. In dem Melodram selbst geht es um Liebe, Leidenschaft, Sühne und Versöhnung  im Künstlermilieu.

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Melodram

Ekstase

Illustrierte Filmbühne Nr. 903 (E. S.) – Als am 22. Oktober des Jahres 1950 in den Scala-Lichtspielen der österreichische Film Ekstase anläuft, wird die Vorführung vom Klang schriller Trillerpfeifen unterbrochen. Bei den Protestierenden handelt sich um eine christliche Jugendgruppe, die auf diese Weise ihren Unmut über „das Ärgernis dieser Vorführung“ kundtut.

EkstaseDie Scala-Direktion hat zusammen mit dem „Rex“-Filmverleih eine aggressive Werbung betrieben, denn dieser Film war vor 17 Jahren bei seiner Premiere in Prag und Wien ein großes Ereignis. Das ist jedoch weniger dem Inhalt oder der Handlung geschuldet – die Sehnsucht nach einem Kind treibt eine junge Frau nach der Trennung von ihrem Mann zu einem Liebhaber, den sie dann auch verlässt, um nur für das Kind zu leben –, als vielmehr der Tatsache, dass die Hauptdarstellerin Hedy Kiesler in einer zehnminütigen Nackteinstellung – erst beim Baden in einem See, dann im Wald – zu sehen ist und in einer Liebesszene nur ihr erregtes Gesicht präsentiert wird. Das ist 1933 eine große Sensation und Provokation, 1950 aber, nachdem viele Jahre in’s Land gegangen sind, wirkt das ganze mehr als antiquiert. Und die seelischen und körperlichen Nöte der jungen Frau reizen – vor allem nach den Kriegsereignissen – höchstens noch die Lachmuskeln, obwohl Deutschland in den ersten Jahren der Adenauer-Ära von extremer Prüderie geprägt ist – was sich ja unschwer auch am Trillerpfeifen-Protest ablesen lässt.

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Melodram

Die rote Lola

Illustrierte Filmbühne Nr. 867 (E. S.) – Das ist überaus ein zwiespältiger Film. Als ich als junger Mann 1951 Die rote Lola in der Harmonie sehe, empfinde ich ihn als nicht besonders überzeugend. Die Rückblende zu Beginn erscheint verwirrend, zumal sie sich am Ende des Films als glatte Lüge erweist. 

Rote LolaDas geht mir nicht alleine so. Auch viele Kritiker urteilen nicht anders, sehen den Film sogar als eine „Verhohnepiepelung“ des Publikums; wahrscheinlich, weil sowohl den Zuschauern als auch den professionellen Beobachtern diese Art der Filmerzählung Anfang der Fünfziger Jahre noch recht fremd ist. Allerdings ändert sich die Betrachtung später grundlegend. Es wird nun anerkannt, dass der Regisseur Alfred Hitchcock mit seiner Darstellung  seiner Zeit (wieder einmal) weit voraus gewesen ist. Abgesehen davon bleibt für mich trotz mancher Einwände schon 1951 die Hand des „großen Meisters“ spürbar. Allerdings ist der in Deutschland vom Warner-Verleih gewählte Titel wieder einmal völlig verfehlt. Er hat mit dem Inhalt des Films nichts zu tun, und wird von vielen Filmhistorikern als ein kommerzielles Trittbrettfahren im Zusammenhang mit Marlene Dietrich und ihrem früheren deutschen Erfolgsfilm „Der blaue Engel“ interpretiert.

Gleichwohl fasziniert wieder einmal, wie Hitchcock hier seine Figuren agieren lässt. Es entsteht ein höchst interessantes Bild über die Natur des Rollenspiels und damit über die Welten zwischen Phantasie und Wirklichkeit.

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Melodram

Der Mann, der zweimal leben wollte

 Illustrierte Filmbühne Nr. 859 (E. S.) – Das ist ein absonderlicher Film. Und nur schwer verdauliche Kost. Aber das ist Anfang der Fünfziger Jahre keine Seltenheit. Der deutsche Nachkriegsfilm befindet sich – im Gleichschritt mit politischen Entwicklungen der Adenauer-Ära – in einer Phase, in der die Lehren aus der Vergangenheit oft abgelöst werden werden von Unverbindlichkeit und Rückversicherung nach fast allen Seiten. 

Mann, der 2xaIn der Konsequenz kommen manche Machwerke  an’s Tageslicht. Auch Der Mann, der zweimal leben wollte ist ein nebulöses und sehr unglaubwürdiges Melodram – was sowohl an der Vorlage von Fred Andreas, als auch am Drehbuch von Harald Braun liegen mag. Auch Regisseur Viktor Tourjansky kann dem Ganzen kein Gesicht geben – was freilich bei der Vorlage nicht verwunderlich ist. Nach dem Besuch im Bieberbau bin ich erst einmal gespannt auf die Zeitungskritiken. Und die bestätigen die eigenen Erkenntnisse. Dieter Fritko schreibt am 21. Oktober in der „Frankfurter Rundschau“ mit harschen Worten: “Der Herr Professor (schreitet) einsam in jenen Nebel, der sowohl atmosphärisch als auch gedanklich den Film etwas verworren macht.“  So bekommt der ansonsten großartige Schauspieler Rudolf Forster also sein Fett weg. Ihm wird von Fritko außerdem attestiert, dass er „den soignierten Weltschmerz bis über die Grenze des Glaubhaften“ treibt. Das definitiv vernichtende Urteil: „Zusammen mit der unfilmischen Mimik der Burgtheater-Schule ergeben sich Eindrücke, die zuweilen an die Seelenzustände eines Sekundaners erinnern.“ Dem ist auch von meiner Seite nichts hinzuzufügen.

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Melodram

Unter den Brücken

Illustrierte Filmbühne Nr. 798 (E. S.)  – Als sich am 24. Juli 1951 im Frankfurter Kino Bieberbau der Vorhang öffnet, ist ein Film zu sehen, der von den meisten Kritikern über den grünen Klee gelobt wird. Einer der professionellen Beobachter schreibt dann auch unter anderem, „das Glucksen des Wassers und das Rauschen der Schilfhalme (bilde) einen unaufdringlichen Hintergrund zu der zarten Liebesmelodie, unter der sich der Alltag der Schiffer verschönt.” (Dieter Fritko am 25. Juli 1951 in der Frankfurter Rundschau).

Unter den BrückenDie Handlung des Films ist eher schlicht und zeigt das einfache und karge Leben im rauen Alltag von Flussschiffern. Unter den Brücken erzählt dabei atmosphärisch sehr dicht die  Geschichte von zwei Männern und einer Frau. Das Zusammenleben dieser drei Menschen wird der Liebe wegen auf eine sehr harte Zerreissprobe gestellt. Hendrik Feldkamp (Carl Raddatz) und Willy (Gustav Knuth) sind die knorrigen Männer, die auf einer ihrer Fahrten die vom Leben enttäuschte Anna Altmann (Hannelore Schroth) auf ihrem Lastkahn mitnehmen. Beide verlieben sich in die junge Frau, so dass Spannungen und eine vorübergehende Trennung unvermeidlich sind. Doch ihre lange Freundschaft hält diesen Belastungen stand, und nachdem sich die junge Frau schließlich für Hendrik Feldkamp entschieden hat – was Willi eher notgedrungen dann auch akzeptiert –, setzten alle drei gemeinsam ihre Fahrt fort. Obwohl Unter den Brücken in den letzten Monaten der Nazi-Herrschaft gedreht worden ist, hebt er sich von vielen oberflächlichen Produktionen dieser „staatstragenden” Zeit ab. Die Schlichtheit der Bilder ist beeindruckend. Kameramann Igor Oberberg rückt nicht allein die Schauspieler und ihre Figuren in den Blickpunkt, sondern lässt auch die karge Landschaft, den Fluss und den Schleppkahn erzählen.

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Maria Walewska

Illustrierte Filmbühne Nr. 705 (E. S.) – Die Romanze zwischen Napoleon und der polnischen Gräfin Maria Walewska dient der bis dahin sehr erfolgreichen US-Company Metro-Goldwyn-Mayer im Jahr 1937 zur Verwirklichung eine melodramatisches Films, der allerdings die Erwartungen beim amerikanischen Publikum und bei der Kritik nicht erfüllt und zum Kassenflop wird – was mich auch nicht wundert, als ich den Streifen 1950 im Frankfurter Bieberbau sehe.

Maria WaleskaIn der aufwendig inszenierten Handlung von Maria Walewska wird unterschwellig suggeriert, ein edler Zweck könne auch außergewöhnliche Mittel wie eine Liebesbeziehung rechtfertigen, um die Befreiung eines Landes von der Herrschaft Napoleons zu erreichen. Zwar bietet Greta Garbo eine durchaus gute Darbietung (obwohl das die meisten Kritiker anders einschätzen), doch das eigentliche Problem ist, das das gewählte Thema niemanden wirklich zu interessieren scheint. Weil sich die Produktionskosten nach 127 Drehtagen am Ende auf rund 2,7 Millionen Dollar belaufen, die Zuschauer aber ausbleiben, kommt es zu einem Verlust von etwa 1,4 Millionen Dollar. Zu dieser Zeit das größte Verlustgeschäft bei einer MGM-Produktion.

Die Firma versucht daraufhin das Image des großen Stars zu verändern und aus ihr eine Komödiantin zu machen. Die Schwedin dreht jedoch nur noch zwei weitere Filme. Erst die Komödie „Ninotchka”, danach „Die Frau mit den zwei Gesichtern”. Doch der Wandel in das anderes Rollenfach will nicht so recht gelingen, die Karriere der Garbo neigt sich deshalb dem Ende entgegen.

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Melodram

Die Lady von Shanghai

Illustrierte Filmbühne Nr. 650  (E. S.) – Der Film Die Lady von Shanghai ist für mich verwirrend und verstörend. Auch die Filmkritiker sind sich nicht qanz  einig bei der Beurteilung, Columbia-Chef Harry Cohn lässt den Streifen von über 150 Minuten um eine Stunde kürzen, er hat angeblich Angst um das Image von Rita Hayworth, die hier nicht die „göttliche, strahlende Diva” gibt, sondern eine eher bösartig-verruchte Frau. Cohns Eingreifen ist künstlerisch nicht zu tolerieren, aber für den Filmmogul geht es um’s Geld.

Lady von ShanghaiAuch in der Zeitung lese ich Seltsames. Die Premiere war nicht wie üblich in New York oder Los Angeles, noch nicht einmal in den USA. Vielmehr wird der Film zunächst am 24. Februar 1947 erstmals in Frankreich uraufgeführt, danach läuft er in Finnland, Großbritannien, Australien, Schweden und Mexiko. Erst 15 Monate später erlebt der Film am 9. Juni 1948 seinen USA-Start, weil Cohn den Streifen zunächst auf Eis gelegt hat. Der Produzent glaubt nicht an einen irgendwie gearteten Erfolg. Er ist immer noch wütend. Cohn versteht die Handlung nicht. Nebenbei bemerkt keine Seltenheit bei Studiobossen. Er will demjenigen 1000 Dollars zahlen, der ihm die Story des Films erklären kann. Die meisten können es nicht. Auch ich betrachte als junger Mann das Gesehene eher ratlos. Doch der Cohn will natürlich sein investiertes Geld zurück, zumal ihm diverse Geldgeber im Nacken sitzen. So gibt er dann doch noch Grünes Licht für die US-Aufführung. Der Matrose O’Hara (Orson Welles) verfällt jedenfalls der ebenso schönen wie reichen Elsa Bannister (Rita Hayworth) und wird unversehens in eine dubiose Mordsache verwickelt. Schließlich muss er erkennen, dass er von Elsa nur als nützliches Werkzeug benutzt worden ist.

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Melodram

Heimweh

Illustrierte Filmbühne Nr. 616  (E. S.) – Die Zentrale des Filmverleihs von MGM (Metro-Goldwyn-Mayer) in der Frankfurter Taunusstraße hat lange gezögert, ehe sie Heimweh 1950 in die deutschen Lichtspieltheater schickt. Einer der Gründe für die Zurückhaltung mag gewesen sein, dass die Bosse befürchteten, die durch Krieg gezeichnete junge Generation sei für den übersentimentalen Streifen (noch) nicht empfänglich.

HeimwehDoch im Herbst 1950 halten sie die Zeit dann für gekommen, um die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem Buben und seinem Hund Lassie auf den Markt zu werfen. Die Zeit der so genannten „Trümmerfilme” ist längst vorbei – und über die Bewältigung der Vergangenheit wird kaum noch gesprochen. Der Kitsch breitet sich aus. Auch die Filme aus deutscher Produktion sind Massenware und eher durchschnittlich. Eine gute Gelegenheit also, den 1943 nach einer Kurzgeschichte von Eric Knight entstandenen Streifen endlich vorführen zu lassen. Die Story handelt von Joe (Roddy McDowall), der seine Hündin an einen Adligen verkaufen muss, weil seine Familie in Geldproblemen steckt. Obwohl Lassie weit entfernt auf einen Landsitz verbracht wird, kehrt der Collie, ausgehungert und erschöpft von seinem langen Heimweg, zu dem Jungen zurück. In den USA ist der Film ein großer Erfolg gewesen. Vielleicht, weil nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor und dem daraus resultierenden Kriegseintritt der USA leichte, ablenkende Unterhaltung beim Publikum besonders gefragt ist. Die Firma MGM macht jedenfalls so gute Kasse, dass sogleich eine Serie aufgelegt wird.

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Melodram

Die Nacht hat tausend Augen

Illustrierte Filmbühne Nr. 599 (E. S.) – Die Stadt Frankfurt ist zwar nicht zum  westdeutschen Regierungssitz gewählt geworden, gilt jedoch im Jahr 1950 wenigstens als die richtige „Hauptstadt” der US-Verleiher. Die amerikanischen „Major Companies” (MGM, Warner Bros., 20th Century Fox, Paramount, Columbia, Universal RKO und United Artists) haben nach Gründung der Bundesrepublik und DDR sowie der politischen Entwicklung um West-Berlin ihre Quartiere gleich mal  „sicherheitshalber” rund um den Hauptbahnhof aufgeschlagen. Gleichwohl werden viele Filme später als anderswo in die Premierenkinos gebracht. 

1000AugenDas erscheint seltsam, hat aber Gründe. Denn obwohl es zu dieser Zeit mit dem Metro im Schwan, Turmpalast, der Scala, Filmpalast, Bieberbau, Luxor, Eden und Roxy viele Premierenkinos in Frankfurt gibt, entsteht beim reichhaltigen Angebot doch ein  „Stau”. Außerdem sind die Theaterbesitzer vertraglich verpflichtet, bei hoher Zuschauerzahl die Filme um eine, zwei oder gar drei Wochen zu verlängern, was die Konkurrenz auf die Palme bringt, pochen die doch ihrerseits auf fest gebuchte Aufführungstermine. Das birgt einigen Zündstoff in sich und sowohl die Kinos als auch die Verleiher liefern sich deshalb manches Scharmützel. Auch der Film Die Nacht hat tausend Augen findet nach seinem bundesweiten Start an Weihnachten 1949 erst neun Monaten später (am 25. August 1950) den Weg nach Frankfurt. Kurioserweise ist die Zentrale der Paramount, die den  Streifen vermarktet, nur knapp zwei Kilometer Luftlinie vom Roxy-Kino entfernt, das den Film in Erstaufführung zeigt.

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Vagabunden der Liebe

Illustrierte Filmbühne Nr. 583 (E. S.) – Zwischen Bleich- und Stiftstraße am Eschenheimer Turm öffnet fünf Jahre nach Ende des Krieges ein Kino, das zu den alten und bedeutenden in Frankfurt am Main zählt, seine Pforten. 1929 war das Lichtspielhaus Ufa-Palast Groß-Frankfurt aus einem Operettentheater entstanden, nun aber – Anfang der 50er Jahre – heisst das Kino  prosaischer nur noch „Turmpalast”, ist gleichwohl aber ein Prachtbau.

VagabundenLiebeDas Haus verfügt über 1200 Plätze und gehört zur GmbH von Siegfried Lubliner, Heribert Froechte und Hans Ulbrich, die schon seit knapp drei Jahren das Bieberbau an der Hauptwache als Premieren-Theater betreiben. Eine Kino-Eröffnung ist immer etwas Festliches, und deshalb bin ich auch diesmal gerne mit von der Partie. Es ist der 30. März 1950, gespielt wird in deutscher Erstaufführung der österreichische Film Vagabunden der Liebe. Wie zu dieser Zeit üblich, sind auch die Hauptdarsteller Paula Wessely und Attila Hörbiger anwesend und unterhalten das überaus festlich gestimmte Publikum mit launigen Worten. Die auch im wirklichen Leben verheirateten Künstler spielen auch in diesem Melodram ein Ehepaar, das durch eine aufstrebende, junge Filmschauspielerin eine kritische Zeit erlebt, aber am Ende doch wieder zusammenfindet. Allerdings resümiert die Ehefrau ernüchtert: „Gefühle sind Vagabunden. Manchmal verdingen sie sich wie Knechte auf einem Hof und haben den besten Willen zu bleiben. Aber nur ganz selten bleibt ein Gefühl immer und ewig am selben Fleck.” Das wirkt irgendwie dann doch sehr kitschig auf uns jüngere Zuschauer.

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Schatten der Nacht

Illustrierte Filmbühne Nr. 567  (E. S.) – In Frankfurt am Main fällt mir im Januar 1950 bei einer Straßenbahnfahrt eine Ausgabe des Nachrichten-Magazins „Der Spiegel” in die Hände und ich lese darin einen recht süffisanten Bericht über einen Publikumstest in den Eimsbütteler Atrium-Lichtspielen. In diesem Kino läuft als Normalprogramm der Film „Schicksal aus zweiter Hand”, doch den 400 überraschten Zuschauern wird mitgeteilt, es werde nun der brandneue Film Schatten der Nacht gezeigt.

Schatten der NachtEs ist eine Test-Vorführung der Hamburger Real-Film, wobei die Produktionsfirma sich von den Zuschauern ein unbeeinflusstes Urteil „des Volkes“ erhofft, noch ehe durch professionelle Kritiker die Weichen in eine bestimmte Richtung gestellt werden. Wer den Film sehen mag, kann bleiben, wer sich auf den eigentlichen Film gefreut hat, erhält auf Wunsch sein Eintrittsgeld zurück. Alle bleiben, ist es doch ohne Zweifel eine große Ehre, einer solchen Publikums-Jury anzugehören. Nachdem dann der Vorhang  gefallen ist, werden die Fragebögen verteilt – und die Antworten sind unterschiedlicher Natur. Einige Besucher erleben den jungfräulichen Film dramatisch und tief bewegend (ein ergreifendes Frauenschicksal eben), andere Probanden finden die Handlung dagegen eher an den Haaren herbei gezogen und stellen die Frage, warum so renommierte Schauspieler wie Hilde Krahl und Willy Fritsch sich für die Umsetzung eines so miserablen Drehbuches (Heinz Otto Jahn) hergeben.

Die Vermutung liegt freilich nahe – und das ist wahrlich nicht schwer zu erraten –, dass der pekuniäre Aspekt bei ihrer Mitwirkung die entscheidende Rolle gespielt hat. Auch Mimen müssen schließlich leben.

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Melodram

Gottes Engel sind überall

Illustrierte Filmbühne Nr. 366 (© E. S.) Die Nachkriegszeit hat einige recht unkonventionelle und ansprechende Filme hervorgebracht, ohne dass dabei auf die mächtige Pauke der „Vergangenheitsbewältigung” geschlagen wird. Gottes Engel sind überall – am 24. Februar 1950 ist er gleichzeitig in der Harmonie (Sachsenhausen), der Schauburg (Bornheim) und im Casino (Höchst) in Frankfurter Erstaufführung zu sehen – ist so ein feiner Streifen, der aus Österreich zu uns gekommen ist.

Gottes-Engel-sind-überallIn der Zurückhaltung von Regisseur Hans Thimig bei der Führung der Darsteller Attila Hörbiger (als handfester Haudegen) und Heiki Eis (als der herumirrende Bub) liegt die nachhaltige Wirkung dieses eigentlich schlichten Films, in dem die Geschichte eines österreichischen Soldaten erzählt wird, der in den letzten Tages des Zweiten Weltkrieges desertiert ist und sich nun von der Front in Deutschland bis nach Wien durchzuschlagen versucht. Da gabelt er unterwegs (und eher unfreiwillig) einen kleinen Jungen auf, der in den Wirren eines Fliegerangriffs von seiner Mutter getrennt worden ist und nun nach Hause tippeln will. Der Mann nimmt ihn unter seine Fittiche und gemeinsam stiefeln sie mühselig von Oberösterreich über das Salzkammergut und die Wachau in Richtung Wien.

Auf der beschwerlichen Wanderung entfaltet der kleine Dreikäsehoch eine geradezu entwaffnende Lebendigkeit, aber fern von jeder Altklugheit. So dominiert der Junge den Film auf eindrucksvolle Weise und schiebt selbst den erfahrenen Altmeister Attila Hörbiger ins zweite Glied, ohne dass dies dem Film irgendwie schaden würde. Ganz im Gegenteil: Weil Hörbiger fern jeder Eitelkeit klugerweise darauf verzichtet, sich auffällig in den Vordergrund zu schieben, bleibt dieser liebenswerte Film noch lange in unserem Gedächtnis.

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Melodram

Und es ward Licht

Illustrierte Filmbühne Nr. 264  (E. S.) – Im November 1948 eröffnet Ludwig Reichard in der Lange Strasse 22 am Allerheiligentor an der Grenze zwischen der Innenstadt und dem Frankfurter Ostend das neu aufgebaute Lichtspiel-Theater Eden. Von außen her betrachtet ist es ein eher schlichtes Gebäude im Stil der Nachkriegszeit, innen wirkt es für die damalige Zeit Verhältnisse recht luxuriös, die rund 700 Plätze sind mehr als beeindruckend. Gezeigt wird der französische Film Und es ward Licht.

Und es ward Licht1948 gibt es viele Impulse zur Normalisierung des Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg. Bereits im Juni hat die Währungsreform das wirtschaftliche Leben in eine neue Richtung gelenkt, wenngleich auch die in den Westzonen einseitig durchgeführte Umtauschaktion des Geldes die Spaltung Deutschlands beschleunigt. Auch in Frankfurt gibt es einige interessante Nachrichten. Der von den US-Streitkräften beschlagnahmte Palmengarten wird wieder für Deutsche geöffnet; im Oktober geht die erste Herbstmesse mit bereits genau 1771 Ausstellern über die Bühne. Obwohl die Veranstaltung nur an zwei Tagen für das Publikum geöffnet worden ist, kommen immerhin 300.000 Besucher in die Hallen. Und ein gewisser Herr Neckermann siedelt sich im Frankfurter Ostend mit einer Textil-Großhandlung an, aus der bald ein großes, mächtiges Versandhaus entsteht. Und der Filmboom nimmt seinen Lauf. In Frankfurt haben schon viele Lichtspielhäuser wieder geöffnet und spielen französische, britische, amerikanische und die ersten deutschen Nachkriegsfilme wie etwa „…und über uns der Himmel”. Längst werden auch so genannte deutsche Reprisen aus der Vorkriegs- und Kriegszeit gezeigt.

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Krimi Melodram

Martin Roumagnac

Illustrierte Filmbühne Nr. 263  (E. S.) – Die Hansa-Lichtspiele in der Friedrich Ebert-Straße, wie die alte Kaiserstraße nach dem Krieg von 1947 bis zum 12. Mai 1955 in Frankfurt am Main offiziell bezeichnet wird  – eine Umbenennung, die der Neuordnung nach dem Krieg geschuldet ist, in der Bevölkerung aber wenig beliebt ist –, machen 1948 in einer Werbeanzeige darauf aufmerksam, dass „das Theater gut geheizt” ist, eine keineswegs absurde Einlassung der Kinobesitzer.

Martin RoumanacDer wertvolle Hinweis auf ein warmes Plätzchen ist der Tatsache geschuldet, dass die Winter in den Nachkriegsjahren bitterkalt sind in Frankfurt am Main und auch Heizmaterial trotz der bereits durchgeführten Währungsreform noch immer Mangelware ist. Außerdem steht Weihnachten vor der Tür. Gezeigt wird an den Feiertagen der französische Film Martin Roumagnac. Die Hauptdarsteller in dem Melodram sind Marlene Dietrich und Jean Gabin. In Tageszeitungen wird berichtet, Jean Gabin habe nach sieben Jahren Abwesenheit  aus Frankreich – er war vorübergehend (relativ erfolglos) in Hollywood und danach in der französischen Armee tätig – erstmals wieder einen Film in seinem Heimatland Frankreich gedreht, Marlene Dietrich dagegen steht nach dem Kriegsende erstmals wieder in Europa vor der Kamera. Es ist also durchaus eine filmische Attraktion. Über die Handlung des Films ist allerdings doch nicht so arg viel übrig geblieben.

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Melodram

Kampf um Jimmy

Illustrierte Filmbühne Nr. 205 (E. S.) – Es ist erstaunlich, welche Fließbandarbeit in London nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in den Filmateliers geleistet wird. Ein Melodram nach dem anderen verlässt die Studios, besonders die Firma Gainsborough ist in dieser Hinsicht sehr aktiv. Einer ihrer Filme heisst Kampf um Jimmy und ist zu Weihnachten 1948 in Frankfurt in den Römer-Lichtspielen zu sehen.

Kampf um JimmyEs ist allerdings kein Film, der unsere Gruppe jugendlicher Filmfreunde besonders anlockt, auch wenn wir ihn uns schließlich doch (wenn auch mit Hindernissen) ansehen. Für pseudodramatische Akte dieser Art steht uns eigentlich nicht der Sinn, denn dazu haben wir als Kinder selbst zuviel erlebt in diesem Krieg. Für alle von uns, die mit Sirenenalarm, Verdunkelung, Bombenangriffen, Feuersbrünsten und dem täglichen Kampf ums Überleben zu tun hatten, erscheint uns die Geschichte der jungen Frau Lily Bates (Patricia Roc), die ihr Kind zur Adoption freigegeben hat, weil ihr Mann ein Bigamist ist, doch ziemlich weit hergeholt. Auch dass sie bald erkennt, dass dies ein Fehler war und sie ihren Kampf um den jungen Jimmy beginnt, erscheint uns übertrieben rührselig. Vor allem auch, weil in der Nachkriegszeit in ganz Europa schließlich Tausende von Familien zerstört oder auf den unzähligen Flüchtlingstrecks total auseinander gerissen worden sind.

Ein von den zuständigen Militärbehörden erlassenes Jugendverbot für den Film irritiert uns außerdem (Die Freiwillige Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft wird erst später in Leben gerufen). Warum wir uns nämlich diesen Film nicht ansehen sollen, wo wir doch während des Krieges und auch danach als Kinder mit ganz anderen Dramen konfrontiert worden sind als im Film gezeigt, bleibt uns verborgen.

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Melodram

Und finden dereinst wir uns wieder

Illustrierte Filmbühne Nr. 170  (E. S./N. R.)  Nur ganz wenige deutsche Nachkriegsfilme sind nach 1945 bemüht, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen, doch in vielen Fällen bleibt es bei redlichen Versuchen, was allerdings nicht zu gering bewertet werden darf. Der Film „Und finden dereinst wir uns wieder…” beschäftigt sich mit dem Verhalten von Menschen in den letzten Kriegstagen, kann aber auch nur Fingerzeige geben.

Und finden dereinstDen Film der „Studio 45 GmbH” habe ich schon früh gesehen, doch bin ich auch noch auf andere Weise mit ihm konfrontiert worden. In unserer Schule sprechen wir mit unserem Lehrer Heinz Martin einige Wochen nach der Frankfurter Aufführung über den Inhalt des Films, weil bald nach Ende des Krieges von der Schulbehörde verfügt worden ist, politische Themen in den Unterricht aufzunehmen. Auf diese Weise entsteht ein neues Fach. Zunächst wird es in den Zeugnissen der Schulen als „Gemeinschaftskunde” deklariert, bald danach heisst es etwas präziser „Politischer Unterricht”. Damit soll  Wandel zur Demokratie demonstriert werden. Anlass für unsere Diskussion ist der Film selbst, aber auch eine Theateraufführung, die es kurz zuvor im Börsensaal in der Innenstadt gegeben hat. In Anwesenheit des Autors Carl Zuckmayer wird dort als Erstaufführung für die amerikanische Zone „Des Teufels General” gespielt, wobei Martin Held die Hauptrolle übernimmt. Die beiden zeitlich nahe beieinander liegenden Ereignisse sind für unseren engagierten Junglehrer Grund, uns Heranwachsende mit der dargestellten Problematik in Film vertraut zu machen.

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Das goldene Tor

Illustrierte Filmbühne Nr. 126  (E. S.) – Mit den vielen Lichtspielhäusern in der Kaiserstraße, dem einstigen prächtigen Boulevard, der von der Frankfurter Innenstadt schnurgerade  zum Hauptbahnhof führt, hat es eine eigentümliche Bewandtnis. Seit jeher liegen sie alle auf der Nordseite der Straße, dort wo die Hausnummern gerade sind. Auch die Hansa-Lichtspiele, in denen im Frühjahr 1947 der Paramount-Film Das Goldene Tor auf dem Programm steht.

Das goldene TorAn der Ecke zur Neuen Mainzer Straße liegt der Gloria-Palast (Hausnummer 28); er ist allerdings lange von den US-Amerikanern beschlagnahmt, in Richtung Hauptbahnhof schliessen sich das Hansa (Hausnummer 50), das Kaiser-Kino (Nr. 54), die Rex-Lichtspiele (Nr. 64) und die Lichtburg  (Nr. 74) an. Als erstes dieser Kinos hat die altehrwürdige Lichtburg schon im Juli 1945 wieder den Betrieb aufgenommen, die Schauburg in Bornheim beginnt ihre Arbeit im August, als drittes Lichtspiel-Theater folgt das Hansa am 19. Oktober 1945. Das Bahnhofsviertel ist eine üble Gegend, aber durch den Krieg sind viele Menschen abgebrüht und unempfindlich gegen den tristen Alltag. Der Schwarzmarkt blüht, es gibt eine extrem hohe Kriminalität, vor einigen Monaten hat ein Gangster auf der Flucht vier unbeteiligte Passanten und dann sich selbst erschossen. Um die Geschäftemacherei in den Griff zu bekommen, haben die Amerikaner an der Ecke Kaiser/Weserstraße eine Tauschzentrale eingerichtet. Deutsche verscherbeln hier ihre restlichen Wertgegenstände gegen Lebensmittel aus den USA.

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Echo der Jugend

Illustrierte Filmbühne Nr. 90  (E. S.) – Eine winzige Anzeige in der Tageszeitung „Frankfurter Rundschau“ wirbt Anfang März 1947 für die Aufführung des Films Echo der Jugend in den Zoo-Lichtspielen am Alfred-Brehm-Platz. Mit dem daraufhin folgenden Filmbesuch hat es für einige Schüler eine besondere Bewandtnis.

Echo der JugendDer Filmtitel sagt den meisten Schülern in der Frankensteiner Schule rein gar nichts, die lockenden Werbeworte „Geschichte einer großen Frauenliebe” klingen in den Ohren der Jungens allerdings eher verlockend. Die Anfangszeiten im Kino selbst sind irgendwie komisch, denn es wird an jedem Tag  gespielt, aber nur um 13,45 und um 15.00 Uhr. Die erste Vorstellung kommt wegen des Unterrichts und des weiten Weges von Sachsenhausen bis in das Frankfurter Ostend für einen Besuch nicht in Frage, also machen sich einige Schüler für die Aufführung am Nachmittag auf den Weg. Das hat seinen guten Grund. In der Schule wird neuerdings Englisch unterrichtet und Lehrer Heinz Martin empfiehlt dazu als unterstützende Maßnahme den Besuch von englischsprachigen Filmen. Ob das was hilft? Keine Ahnung. Im Unterricht wird bisher nur ein hübsches und sehr melodisches Kinderlied geübt:

„My Bonny is over the ocean, my Bonny is over the sea. My Bonny is over the ocean, o bring back my Bonny to me!“ 

Oh, wie gefühlvoll! Es ist von einem unbekannten Autor, wird viel an Lagerfeuern von Jugendgruppen zu Klampfen und Gitarren zum Besten gegeben, viele international bekannte Interpreten haben es immer wieder gesungen. Und irgendwie passt dieses Lied zum Thema des Films.

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Melodram

Der Herr in Grau

Illustrierte Filmbühne Nr. 67  (E. S.) –  Es ist wahrlich nicht alles Gold, was glänzt bei den ausländischen Filmen, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten in die Besatzungszonen geschickt werden. Auch Der Herr in Grau aus England erfüllt kaum die Erwartungen und ist in seiner düsteren Schwermütigkeit – garniert mit Rückblenden – nicht unbedingt geeignet, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen.

Der Herr in GrauIm Frühsommer des Jahres 1948 – die seit langem geplante Währungsreform vom 20. Juni steht unmittelbar bevor – haben die Menschen noch viele Probleme zu lösen. Zum Beispiel wird in der Politik intensiv um Zahlungen zum Lastenausgleich gerungen, es werden Regeln gegen die Preistreiberei gesucht und es geht immer wieder darum, die totale Demontage wichtiger Betriebe zu verhindern. Unter solchen Umständen ist Der Herr in Grau zu unverständlich für das deutsche Publikum. Die Menschen sehnen sich in diesen schwierigen Zeiten – wie immer man das dieses Verhalten auch bewerten mag – eher nach leichter Unterhaltung als nach schwermütigen Dramen der viktorianischen Zeit und des 18. Jahrhunderts. Immerhin aber sind vier Top-Schauspieler des britischen Kinos auf der Leinwand zu sehen, was dann doch ein wenig versöhnt. James Mason, Margaret Lockwood, Phyllis Calvert und Stewart Granger. James Mason ist dabei als in einer seiner stärksten Darbietungen zu sehen, er beherrscht souverän den ganzen Film und stellt sowohl Margaret Lockwood, Phyllis Calvert und Stewart Granger, der hier seinen ersten großen Erfolg feiert, eindeutig in den Schatten.

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Melodram Nachkrieg

Zwischen gestern und morgen

Illustrierte Filmbühne Nr. 33 (E. S.) – Es sind bewegende Monate im Frühjahr des Jahres 1948 in Frankfurt. In der aus den Trümmern aufgebauten Paulskirche steht die Jubiläumsveranstaltung der Nationalversammlung (vom 18. Mai 1848 bis zum 31. Mai 1849) auf dem Programm. Genau vor 100 Jahren hat in dieser Kirche das erste frei gewählte Parlament für die „deutschen“ Nachfolgestaaten des Heiligen Römischen Reichs getagt. Im März wird auch der Luftverkehr zwischen Frankfurt und Berlin wieder aufgenommen, das traditionsreiche Hotel „Frankfurter Hof” beherbergt schon wieder erste Gäste und vor allem: die Währungsreform wirft nach drei entbehrungsreichen Nachkriegsjahren ihre Schatten voraus.

Zwischen gestern und morgenIm April startet in Frankfurt auch der erste deutsche Film, der mit US-Lizenz entstanden ist. Er heisst Zwischen gestern und morgen, und läuft nach seiner Premiere vor vier Monaten in München seit dem 4. April 1948 im Bieberbau an der Hauptwache. Dieses Kino hat kurz vor Weihnachten 1947 mit dem unter britischer „Schirmherrschaft” entstandenen Camera-Streifen „…und über uns der Himmel” seine Pforten geöffnet und ist zu dieser Zeit d a s Frankfurter Kino Nr. 1 für Erstaufführungen. Hier werden alle wichtigen in- und ausländischen Filme gestartet, weil außer der Scala (Eröffnung Mitte September 1947) und dem Luxor (27. März 1948) andere Häuser noch nicht wieder zur Verfügung stehen. Erst im Laufe des Jahres 1948 kommen im Zuge des Wiederaufbaus der Stadt weitere Lichtspielhäuser in der Innenstadt dazu (Roxy, Eden).

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Melodram Nachkrieg

Und über uns der Himmel

Illustrierte Filmbühne Nr. 56  (© E. S.) Mit dem Film  …und über uns der Himmel (Hauptrolle: Hans Albers) eröffnet das Bieberbau-Kino in Frankfurt am Main nach dem Zweiten Weltkrieg seine Pforten. Es ist ein für die Zeit typischer Film, der auch das so genannte Wirtschaftswunder psychologisch befeuert. 

Und über uns der HimmelDie Bieberbau-Lichtspiele sind  ein traditionsreiches Frankfurter Kino. Schon vor dem Jahr 1910 ist die Räumlichkeit in der Biebergasse  – zwischen der allseits bekannten Hauptwache und der Großen Bockenheimer Straße (in Frankfurt auch als Freßgass’ legendär und bis zum Opernhaus führend) – unter der Bezeichnung „Intimes Theater Trocadero“ als Kleinkunstbühne genutzt worden. Und  im Jahr 1915 hat es erste „kinematographische Vorstellungen” gegeben und bereits neun Jahre später wird ein Saal für 400 Personen eröffnet. Der Aufbau nach der Bomben-Zerstörung erfolgt nach Kriegsende sehr rasch und die Eröffnung mit einem Hans Albers-Streifen im Dezember 1947 verheisst eine hoffnungsvolle Zukunft.

Weil die bestellten Kinositze nicht rechtzeitig eintreffen, werden eilends Küchenstühle herbeigeschafft, um die Premiere und die nächsten Vorstellungen überhaupt durchführen zu können. Das Theater überlebt allerdings noch nicht einmal die nächsten 20 Jahre. Das vom Fernsehen ausgelöste Sterben der Lichtspielhäuser führt 1965 zur Schließung und zum Abriss des Gebäudes.