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Paganini

Illustrierte Filmbühne Nr. 52  (E. S.) – Ehrlich gesagt, habe ich noch nichts von Nicolo Paganini gehört, als ich im Sommer 1948 vor den Wall-Lichtspielen ein Plakat zu diesem Film betrachte. Gleichwohl interessiere ich mich für das Programm, aber nicht wegen des Geigers, sondern wegen der Hauptdarsteller Stewart Granger und Phyllis Calvert. Die beiden englischen Stars sind nach einigen anderen Filmen Idole an unserer Schule.

PaganiniDoch beim Betrachten der Schaukästen klingelt es bei mir. Habe ich nicht erst vor einigen Wochen in der Zeitung von einem mordenden Geigenspieler gelesen? Die Erinnerung an den Raub ist freilich nur dunkel im Gedächtnis geblieben, kein Wunder, denn zuviel Kriminelles ist in diesen höchst unsicheren Zeiten an der Tagesordnung; aber doch: ein Kellner ist es gewesen, der in der Frankfurter Innenstadt wegen einer kleinen Handvoll Schmuck seine alte Vermieterin erschlagen hat, womit er ohne Zweifel das Sprichwort: „Wo man singt, dort lass’ Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder”, dann doch ein klein wenig ad absurdum geführt hat. Mit Paganini hat das freilich alles nichts zu tun. Erst der Film gibt mir Auskunft über den italienischen Teufelsgeiger. Jetzt weiß ich, dass  Paganini – ist nicht schon der Namen Musik in unser aller Ohren? – ein begnadeter italienischer Geigenvirtuose und Gitarrenspieler ist. Trotz seines unattraktiven Erscheinungsbildes – aufgrund von verschiedenen Krankheiten wirkt er eher leicht verwachsen und unansehnlich – wird er durch seine außergewöhnliche musikalische Begabung und seiner faszinieren Technik bereits früh zu einer Legende.

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Die Madonna der sieben Monde

Illustrierte Filmbühne Nr. 49  (E. S.) – Britische Filme sind in der Nachkriegszeit in den Kinos der damaligen Westzonen mehr als präsent. Eagle Lion und die Verleih-Großmacht J. Artur Rank, die von einem ein muskulöser Mann mit mächtigem Gong den jeweiligen Film einleiten lässt, sind die Giganten im Auftrag der Militärbehörden. 

Die Madonna der sieben MondeDie Währungsreform von 1948 hat die Situation im Land zwar verändert und immer mehr Menschen strömen in die Kinos. Gleichwohl geht manches noch verquer und es mangelt an vielem. In Berlin werden Briketts aus Teer und Sägespänen produziert und für 33 Pfennige verhökert, im Anzeigenteil der Tageszeitung „Frankfurter Rundschau” bietet ein unbekannter Chiffre-Auftraggeber dagegen ein immerhin 600 Quadratmeter grosses, jedoch offenbar unwirtliches Trümmergrundstück in der Nähe des Hauptbahnhofes an – und in dieser Zeit kommt als einer der vielen Streifen von der Insel Die Madonna der sieben Monde in deutsche Lichtspielhäuser.

In einer Zweitaufführung ist der Film Anfang September in den Nidda-Lichtspielen in Nied zu sehen, jenem Kino, wo es an Werktagen nur eine einzige Vorstellung um 19,30 Uhr gibt. Die bekanntesten Darsteller aus England sind zu dieser Zeit James Mason, Margaret Lockwood, Phyllis Calvert, Stewart Granger, Vincent Price. Fast alle machen später in den USA Karrieren. Eine der großen Filmfirmen in London sind die Gainsborough Studios, die auch Die Madonna der sieben Monde produzieren.

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Schrammeln

Illustrierte Filmbühne Nr. 39  (E. S.) – Schon bald nach dem Ende des Weltkrieges haben in Frankfurt wieder zahlreiche Weinstuben in den Trümmern der Stadt geöffnet. Riart’s Bodega” am Dom ist eine erste Adresse, in der Petersstrasse empfängt das kleine „Juliette” seine Gäste, der „Brückenkeller” an der Obermain-Brücke kredenzt „gepflegte Weine und Unterhaltungsmusik”, in derReblaus in Sachsenhausen klimpert ein immer übertrieben gut aufgelegter Mann sowohl rheinische Schunkel-Lieder als auch Wiener Heurigen-Melodien.

SchrammelnUnd überall in diesen Lokalen – noch ist das knappe Angebot an Speisen und Getränken überschaubar –  ist auch ein kräftiger Schuss Schrammel-Musik dabei. Sie steht unsichtbar auf den noch dürftigen Speisenkarten. Doch was ist das nun eigentlich, diese Schrammel-Musik? Sie gilt Ende des ausgehenden 19. Jahrhunderts als typische Wiener Volksmusik und erhält ihren Namen nach den Geigen spielenden und auch selbst komponierenden Brüdern Johann und Josef Schrammel. Die beiden haben zusammen mit Anton Strohmayer (Gitarre) und Georg Dänzer (Klarinette) ganz Wien im Sturm erobert. Die Männer gelten neben Johann Strauß (Vater und Sohn) als wichtige Repräsentanten der leichteren Musik in Österreich. Deshalb ist es unvermeidbar, dass aus ihrer Lebensgeschichte der Film Schrammeln gemacht wird. Neben dem beachtlichen musikalischem Erfolg werden auch frühere finanzielle Not und  Streitigkeiten zwischen den Beteiligten ausgiebig abgebildet. Als der Film in den Harmonie-Lichtspielen gezeigt wird, strömt das Publikum in Scharen in’s Kino. Die gespielte Musik ist so recht nach dem Geschmack der Menschen in der Nachkriegszeit, um bei gefühlsduseligen Weinliedern Not und Elend der vergangenen Jahre zu vergessen.

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Die Frau ohne Herz

Illustrierte Filmbühne Nr. 38 (E. S.) – Viele Kinos, die noch aus  der Vorkriegszeit stammten, müssen Ende der Fünfziger, Anfang der Sechsziger Jahre nach dem beginnenden Fernseh-Boom ihre Tore schließen. Eines davon war das Wall-Kino in der gleichnamigen Straße. Doch hier laufen nach 1945 viele englische Filme wie zum Beispiel Die Frau ohne Herz (mit Margaret Lockwood und James Mason), „Der Herr in Grau“ (James Mason),die „Gefährliche Reise“ oder auch „Papagini“ (beide mit Stewart Granger).

Frau ohne HerzIn Frankfurt-Sachsenhausen, am Ende der Vierziger Jahre: zwei Kinos gibt es in diesem Frankfurter Stadtteil südlich des Mains, dessen Bewohner etwas auf sich halten, unter dem launigen Motto: „Jeder Sachsehäuser is zwar en Frankforder, awwer en Frankforder is noch lang kaan Sachsehäuser…” Die Harmonie-Lichtspiele am Lokalbahnhof, die auch heute noch existieren, ist eines der beiden Kinos, das „Wall“ in der gleichnamigen Straße und in direkter Nähe zum berühmten Ebbelwei-Viertel, das andere. Von den Besuchern wird das ältere Kino damals nach dem grauhaarigen Besitzer mit der hohen Stirn, der meist selbst an der Kasse sitzt, Karten verkauft und die Billetts persönlich entwertet, auch ironisch „Ki-Ki-Pa“ genannt (für Kilians Kino-Palast), aber ein Palast ist das wahrlich nicht, vielmehr ein schmales Handtuch, vielleicht um die 170 Sitzplätze, an der rechten Seite bullert im Winter ein mit Holz, Kohle oder Briketts betriebener Ofen – und weil die Filme mit Rückprojektion von hinten auf die Leinwand geworfen, und von einem Spiegel umgelenkt werden, geht auch einiges an Leuchtkraft verloren. Die Streifen wirken meist etwas düsterer als in anderen Lichtspielhäusern, aber das macht die Schwarz-Weiß-Dramen irgendwie noch intensiver, noch spannender.

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Ich brauche Dich

Illustrierte Filmbühne Nr. 35  (E. S.) – Das bisherige, unwirtliche Leben in den einzelnen Besatzungszonen beginnt sich  zu normalisieren, nachdem im Juni die 1948 die Währungsreform über die Bühne gegangen ist. Anfang August erscheint in Hamburg die erste Ausgabe der Illustrierten „stern”, in Köln wird die erste deutsche Fußballmeisterschaft nach Kriegsende entschieden. Erster Meister der Westzonen wird der 1. FC Nürnberg durch einen 2:1-Sieg über den 1. FC Kaiserslautern. In Frankfurt geht zwischen dem 19. bis 23. August 1948 ein großes Turnfest über die Bühne.

Ich brauche dichManche Film-Erinnerungen sind eng verknüpft mit sportlichen Großereignissen. Den Film Ich brauche dich sehe ich direkt nach diesem „Frankfurter Turnfest”, bei dem ich als freiwilliger Helfer eingesetzt worden bin. Nachdem es einige Tage lang im immer noch beschlagnahmten, aber freigegebenen „Victory Park” (Waldstadion) sowie am traditionsreichen Römerberg inmitten der tristen Trümmerlandschaft laut, bunt und recht fröhlich zugegangen ist, sind jetzt im Frankfurter Stadtteil Sindlingen noch Abschlussarbeiten zu erledigen: danach geht es für einige Teilnehmer zur Entspannung in die Union-Lichtspiele. Dort geht es – anders als bei den Turnern – dann doch eher beschaulich zu. Zwar kommt es in dem Film, der nach dem Krieg blitzschnell wieder in die deutschen Kinos geraten ist, zu heftigem Differenzen zwischen einem streitenden Ehepaar, aber die Dialoge bleiben stets geschliffen und selbst bei gelegentlicher Lautstärke doch irgendwie moderat.

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Unsere kleine Stadt

Illustrierte Filmbühne Nr. 31 (E. S./M. F.) – Als der neue Frankfurter Kino-Zar Siegfried Lubliner 1948 im Bieberbau-Kino in der Nähe der Frankfurter Hauptwache den amerikanischen Film Unsere kleine Stadt spielen lässt, sind viele Besucher unzufrieden, obwohl die Vorlage von Thornton Wilder stammt. Sie lassen ihrem Unmut freien Lauf.

Unser kleine StadtDiese Reaktionen sind ein sehr gutes Beispiel dafür, dass viele Deutsche die frisch ins Land gekommen US-Filme (noch) nicht so recht goutieren mögen. Zweifellos lechzen die Kinobesucher viel eher nach den alten UFA- und Bavariastreifen oder ähnlicher deutscher Unterhaltungsware. Unsere kleine Stadt dagegen ist nicht gerade leichte Kost, auch wenn er ja mit einem glücklichen Finale versehen ist. Dass der Film in den USA als Beispiel für die Darstellung amerikanischer Lebensart gilt, zählt hier nicht viel. Der Film ist einer jener Streifen, die schon bald nach Ende des Krieges von den US-Verantwortlichen nach  Deutschland geschickt werden, um die Bevölkerung mit ihrer Art von Unterhaltung zu versorgen (und zu „demokratisieren”). Doch nicht immer klappt dieses Rezept, obwohl die Story immerhin auf dem bekannten Theaterstück Our Town des Dramatikers Thornton Wilder basiert, der dafür nach der Uraufführung 1938 den begehrten Pulitzerpreis erhalten hat. Die Produktionsgeschichte ist höchst interessant. Nachdem Wilder so großen Erfolg am Theater hatte, wird die Verfilmung schnellstens in Angriff genommen. Für 75.000 US-Dollar gehen die Rechte an den Filmproduzenten Sol Lesser, die Regie übernimmt Sam Wood.

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In jenen Tagen

Illustrierte Filmbühne Nr. 24  (E. S.) – Der Film In jenen Tagen von 1947 ist von Regisseur Helmut Käutner als Geschichte konzipiert worden, die einen episodenhaften stilistischen Weg beschreitet, um am Beispiel eines schrottreifen Autos die dramatischen Erlebnisse seiner Besitzer im „Dritten Reich” darzustellen. Für viele junge Menschen ist das eine erste Gelegenheit, sich mit der Geschichte der vergangenen Jahre in Deutschland auseinanderzusetzen.

In jenen Tagen (2)Zwar gehört Helmut Käutner nicht zum Widerstand, zählt jedoch zu den stillen Opponenten gegen das Nazi-Regime und bewahrt deshalb eine gewisse Distanz zur Diktatur. Der Regisseur hat 1939 mit Kitty und die Weltkonferenz einen harmlosen Film gedreht, der auf Veranlassung von Außenminister J. von Ribbentrop als pro-britisch in Ungnade fällt; auch mit Unter den Brücken und Große Freiheit Nr. 7  (beide 1944) dreht Helmut Käutner zwei Filme, die in ihrer klaren Betonung des Individuellen dem gewünschten propagandistischen Weltbild der Nazis widersprechen. Für die erste kritische Aufarbeitung der Vergangenheit beim Film In jenen Tagen erntet Helmut Käutner von der Kritik dann viel Lob. In sieben verschiedenen Geschichten wird die Nazi-Zeit dargestellt, wobei eine längere Rahmenhandlung um ein Auto die Episoden miteinander verbindet. Als zwei Männer nach Kriegsende ein altes Auto ausschlachten, fragen sie sich, inwieweit es in diesen zwölf Jahren wohl Menschlichkeit gegeben hat. Das Autowrack mischt sich – nur für das Publikum hörbar –  in das Gespräch mit ein und berichtet aus seinem und dem Leben der Besitzer.

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Die Glocken von St. Marien

Illustrierte Filmbühne Nr. 16  (E. S.) – Vom Sommer bis zum Spätherbst 1947 veröffentlichen die Frankfurter Zeitungen „Rundschau” und „Neue Presse” Berichte über die Rückkehr von sieben Domglocken, die in einem Hamburger Lagerhaus den Krieg überstanden haben. Am gewaltigsten ist die Glocke „Gloriosa”, die immerhin 256 Zentner auf die Waage bringt.

Glocken von St. MarienVon einem Schiff werden die Glocken Mitte Juli im Osthafen angelandet, entladen und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung an den Domplatz gebracht. Doch es dauert noch einige Monate, ehe das Geläut wieder seinen Platz im Glockenstuhl einnehmen kann. Und just zu dieser Zeit läuft in der amerikanischen Zone der RKO-Film Die Glocken von St. Marien an. Nach Frankfurt kommt der Streifen im Januar 1948. Zwar sind die realen Glocken von Frankfurt und die filmischen von St. Marien zwei völlig verschiedene Sachen, gleichwohl aber ist die Stimmung  vieler Menschen in der katholischen Dom-Gemeinde durchaus dazu angetan, einen gewissen Zusammenhang  zu erkennen.

Natürlich ist der Film von Hollywood konzipiert, wo solche Filme zwar einen religiösen Anstrich erhalten, aber doch eher als kommerzielle Unterhaltungsware eine Rolle spielen. Auch die Kasse muss schließlich stimmen. Es geht in dem Film um Pater Chuck O’Malley (Bing Crosby), dem Leiter der Katholischen Schule St. Marien, und der eigenwilligen Nonne Mary Benedict (Ingrid Bergman), deren unterschiedlichen Auffassungen über die Erziehungsmethoden immer wieder zu heftigen Konflikten führen.

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Der letzte Schleier

Illustrierte Filmbühne Nr. 7 (M. F.) – Einige professionelle Beobachter sehen in dem Film Der letzte Schleier, der 1947 auch in den Frankfurter Wall-Lichtspielen läuft, eine ziemlich „unausgegorene Mischung aus Kitsch, klassischen Musikelementen und  trivialer Psychologie”, andere hingegen finden – in einer differenzierteren Beurteilung –, dass der britische Streifen aus dem Jahr 1945 mit „großem Gespür für dramatische Effekte inszeniert ist und dichte Atmosphäre und viel Spannung transportiert”.

Der letzte SchleierEs ist manchmal schon etwas seltsam, dass in den ersten Jahren nach dem Krieg in den besetzten Zonen von Deutschland einige gewöhnungsbedürftige Streifen angeboten werden. Gerade aus Großbritannien kommen in dieser fast unwirklichen Zeit der Trümmerbeseitigung und der alltäglichen Not sehr düstere und melodramatische Filme in die Kinos. Dabei steht den Menschen tatsächlich eher der Sinn nach leichter Unterhaltung. Sollen (und müssen) die Kinobesucher deswegen getadelt werden, wie es oft geschieht? Wohl kaum. Die  löbliche Absicht, die deutschen Zuschauer der meist recht oberflächlichen UFA-Schmonzetten zu entwöhnen und „Tiefgang” zu vermitteln, gelingt freilich eher selten. Viele Besucher spüren die Absicht und sind eher verstimmt, was vor allem für die Jugend gilt. Das hält natürlich nicht davon ab, sich solche Filme interessiert anzuschauen. In dem englischen Film von 1945 geht es um den Fall der auf dem Weg zu großen Ruhm befindlichen Pianistin Francesca Cunningham (Ann Todd), die stets von der Furcht gepeinigt wird, sie könne ihre Hände verlieren.