Red River

Dieser Western-Klassiker von Regisseur Howard Hawks mit John Wayne wurde in Deutschland unter den Titel „Red River“ und „Panik am Roten Fluss“ vertrieben.

Knorrige, hartgesottene Menschen, meist karg im Reden, rasch im Handeln – das sind die Charaktere dieser Geschichte, die wieder einmal Anfang 2021 im Fernsehen zu goutieren war. Gefühle äussern die Männer meist nur in Blicken und dürren Gesten. Das Land dagegen atmet, der Staub der Prärie blendet die Augen, der Geruch der riesigen Rinderherde liegt über der Steppe, die rasende Flucht der Tiere reisst förmlich hinein in einen schier unentrinnbaren Strudel von Leidenschaft und Erbarmungslosigkeit. Das ist ein Stoff wie gemalt für einen Regisseur wie Howard Hawks, der den Film Panik am Roten Fluss in epischen, aber auch spröden Bildern dokumentiert.

Red River

Dieser ursprüngliche Western wurde von Hawks nach einer Geschichte von Borden Chase erzählt. Sie war unter dem Titel „The Chisholm Trail” in der „Saturday Evening Post” erschienen und hatte einen historischen Bezug zu einem berühmten Rinderweg in den USA hergestellt. Dieser „Chisholm Trail” war ein Herdenweg, der hauptsächlich in den Jahren zwischen 1867 und 1887 benutzt wurde, um Rinder aus dem Süden von Texas zum Verladebahnhof in Abilene in Kansas zu treiben, wo die Tiere dann mit der „Kansas Pacific Railway” in die Schlachthöfe des Osten  transportiert wurden. Die Strecke – immerhin rund 500 Meilen (800 Kilometer) lang –, ist nach dem Geschäftsmann Jesse Chisholm benannt, der schon vor Beginn des Bürgerkrieges entlang dieser Route eine Reihe von Post- und Handelsstationen eingerichtet hatte.

Sie wurden bald zu wichtigen Stützpunkten in den schönen, aber auch trostlosen Landschaften des Westens, vor allem, als es zum mörderischen Rindertreiben kam. Diese Trecks waren dem Krieg zwischen den Nordstaaten und den Konföderierten geschuldet, denn über Jahre hinweg konnten die Rinder des konföderierten Texas nicht mehr in den Norden geliefert werden.

Diese Situation führte dazu, dass die Herden unaufhörlich anwuchsen, was zu einem dramatischen Preisverfall führte. So wurde in Texas für ein gesundes Rind nur noch ein Preis von vier US-Dollar erzielt, während im Norden und in den Staaten der Ostküste meist das Zehnfache gezahlt wurde. Es ist war also unumgänglich, dass die Herden an die großen Bahnstationen getrieben werden mussten. Der „Chisholm Trail” wurde unter diesen Umständen zu einem interessanten Stück amerikanischer Wirtschaftsgeschichte.

Ein anderer Titel

Ende Mai 1951 hatte ich den Western in der Frankfurter Scala als Panik am Roten Fluß gesehen, ein Jahr später bei einem Aufenthalt in Köln lud ein Kino in der Nähe des Bahnhofs zu Red River ein. Die Fotos im Schaukasten hatte ich leider nicht beachtet, auch das große Plakat über dem Eingang entging meinem Blick. Ich kaufte eine Eintrittskarte und sah auf der Leinwand erneut die dramatische Geschichte des  hartgesottenen Viehbarons Tom Dunson (John Wayne) und seines rebellischen Pflegesohnes Matthew (Montgomery Clift), die gemeinsam mit rund 30 Cowboys einen Treck von tausenden Rindern von Texas über Oklahoma nach Abilene in Kansas treiben.

Natürlich fiel mir schon nach den ersten Szenen ein, dass ich das Drama unter einem anderen Titel bereits gesehen hatte, doch ich war auch beim zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit von diesem Streifen beeindruckt und erlebte noch einmal, wie der autoritäre Rancher durch seinen skrupellosen Ehrgeiz nicht nur in heftige Konflikte mit einigen Viehtreibern, sondern auch mit Matthew geriet.  Der Film wird so auch auch zu einem Dokument von Menschenverachtung und Ausbeutung – auch dies typisch für die Erschließung des Westens.

Tom Dunsons Grausamkeit

Was sich auf der Leinwand abspielt, liest sich in der „Illustrierten Filmbühne” Nr. 1068 unter anderem so:

 „Meinungsverschiedenheiten über die Grausamkeit Dunsons, der nach dem Übergang über den Roten Fluss zwei desertierte Treiber hängen lassen will, führen zu Zerwürfnissen, die mit ihren erregenden Spannungsmomenten das Schicksal der Menschen und Tiere beeinflussen.“ 

Das klingt schlicht und vermag auch die Dramatik des Geschehens nicht wirklich zu erfassen. Genau wie das Finale, das spannender ist, als es die gedruckte Beschreibung vermuten lässt, denn erst durch die Vermittlung von Tess Millay (Joanne Dru) gelangt Dunson am Schluss zu der späten Einsicht, dass die so genannten Ideale des „Wilden Westens“ überholt sind und eine neue und junge Generation mit anderen Methoden die gleichen Ziele erreichen will. Beschrieben wird das Finale mit den Worten:

„Auf offener Straße kommt es zu dem gefürchteten Zusammentreffen zwischen Dunson und Matthew. Die entzückende Tess meistert jedoch die gefährliche Situation, indem sie beide Männer mit erhobener Pistole auffordert, ihre wahren Gefühle zu offenbaren. Den Rivalen bleibt nichts anders übrig, als ihre alte Freundschaft neu zu besiegeln. Zwei junge Menschen – Matthew und Tess – haben sich für ein gemeinsames Leben gefunden.“

Das liest sich wie das Happy-End eines beliebigen Heimatfilms, doch in Wirklichkeit ist es der dramatische Schlusspunkt eines Westerns, der ein Stück amerikanischer Geschichte eindrucksvoll widerspiegelt. Red River ist eine packender Film, der auch beim zweiten Ansehen seine Anziehungskraft nicht verloren hat. Ursprünglich war Cary Cooper für die Rolle des Tom Dunson vorgesehen, doch er hatte abgelehnt, weil ihm die Figur zu unsympathisch war. Auch Cary Grant mochte den Part des Glücksspielers und Revolvermannes Cherry Valance nicht spielen, war ihm doch dessen Auftritt zu unbedeutend. Die Rolle übernahm dann John Ireland.

Sind solche Besetzungsprobleme nicht manchmal auch ein Glücksfall für einen Film? Red River ohne die Figuren John Wayne und John Ireland sind im Rückblick kaum vorstellbar, aber andererseits waren die Männer gleichwohl nur die Puppen in einem Spiel, das von Howard Hawks bei seinem ersten Western meisterhaft aufgezogen wurde. Seine Handschrift erst machte den Film über den Tag hinaus sehenswert.

Daten zum Film

Panik am Roten Fluss (Illustrierte Filmbühne Nr 1068) heisst im Original Red River und wurde von der deutschen Niederlassung der Verleihfirma Columbia bald nach der Aufführung in der Bundesrepublik auch wieder umgetitelt. Der Film beruht auf einer Erzählung von Borden Chase, die unter dem Titel „The Caisholm Trail” in der „Saturday Evening Post” erschienen ist. Chase schrieb auch am Drehbuch mit. Hergestellt von der Firma Monterey für United Artists (1948) erreichte er im Original eine Länge von 130 Minuten (in Deutschland lief eine gekürzte Fassung). Unter der Regie von Howard Hawks – sein erster Western – spielten John Wayne (als Rancher Tom Dunson), Montgomery Clift (als sein Pflegesohn Matthew Garth), Joanne Dru (als Tess Millay), Walter Brennan (als Groot), Coleen Gray (als Fen), John Ireland (als Cherry Valance), Noah Beery jr. (als Buster McGee), Harry Carey (als Mr. Millvile), Harry Carey jr. (als Dan Latimer).

Weitere Mitwirkende waren Shelley Winters, Paul Fix, Hank Worden, Dan White und Tom Tyler. Howard Hawks war gleichzeitig auch Produzent des Films, am Drehbuch arbeitete neben Borden Chase noch Charles Schnee, an der Kamera stand Russell Harlan, die Musik komponierte Dimitri Tiomkin. Deutscher Sprecher für John Wayne war Heinz Engelmann. – Uraufführung am 26. August 1948 in Texas, Oklahoma und Kansas. USA-weit am 17. September 1948 angelaufen, Festpremiere am 30. September in New York City. – Deutsche Erstaufführung war am 9. Februar 1951, in Frankfurt ab 18. Mai 1951 in den Scala-Lichtspielen zu sehen.

Erstveröffentlichung dieses Berichtes am 28. März 2914, in der Neufassung leicht überarbeitet.